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Rosengarten-Tram: Blockade oder Befreiung?

FDP-Kantonsrätin Carmen Walker Späh lehnt Initiative und Gegenvorschlag für das Rosengarten-Tram ab. Es fehle eine Lösung für den Autoverkehr. «Das Tram ist die Lösung», widerspricht Markus Knauss, Gemeinderat der Grünen.

Mit Carmen Walker Späh und Markus Knauss sprach Georg Gindely Frau Walker Späh, Sie leben in Wipkingen. Nun bietet sich die Chance, mit einem Tram den Verkehr auf der Rosengartenstrasse zu reduzieren. Weshalb sagen Sie am 28. November zweimal Nein? Carmen Walker Späh: Ich bin auch eine Befürworterin des Trams. Doch die Rosengarten-Initiative und der Gegenvorschlag helfen uns Wipkingern leider überhaupt nicht. Sie fordern den Abbau von zwei Autospuren, verbieten dem Stadtrat aber darüber nachzudenken, was mit den Autos passieren soll. Ohne eine Lösung dieser Frage kann es kein Tram geben. Herr Knauss, Sie sind anderer Meinung. Weshalb haben Sie den stadträtlichen Gegenvorschlagzur Initiative abgelehnt, der es ermöglicht hätte, ein Konzept für den Autoverkehr auszuarbeiten? Markus Knauss: Die Stadtzürcher Bevölkerung ist sehr umweltbewusst, das hat sie bei der Abstimmung über die 2000-Watt-Gesellschaft gezeigt. Zudem hat der Ausbau des öffentlichen Verkehrs in der Stadt eine grosse Tradition. Der Gemeinderat hat deshalb entschieden: Es ist Zeit, dass eine neue Tramlinie gebaut wird, und zwar möglichst bald. Mehr Verkehr mit einem Strassentunnel ist hingegen auch bei der Bevölkerung unerwünscht. Walker Späh: Es geht gar nicht um den Autotunnel. Sie gehen davon aus, dass die über 70 000 Autos, die täglich auf der Rosengartenstrasse verkehren, einfach verschwinden. Das wird nicht funktionieren. Es wird noch mehr stehende Kolonnen geben, was die Umwelt und die Anwohner stark belasten wird. Knauss: Die Stadt Zürich hat festgestellt, dass seit den Bauarbeiten an der Hardbrücke 10 000 Autos weniger zu verzeichnen sind. Der Gemeinderat sorgt in seinem Gegenvorschlag ausdrücklich dafür, dass alle nötigen Massnahmen zum Schutz der Wohnquartiere ergriffen werden. Die grösste Entlastung für das Quartier und die Umwelt bewirkt aber das Tram, das alle 3 bis 4 Minuten 250 Autos ersetzt. Walker Späh: Auch wenn der Verkehr seit Beginn der Hardbrücke-Sanierung so stark zurückgegangen wäre, wie sie sagen, dann würden immer noch 60 000 Autos pro Tag über die Rosengartenstrasse fahren. Das sind zu viele. Knauss: Das wollen wir ja ändern! Walker Späh: Wir auch, aber dabei können Sie den Verkehr doch nicht einfach ausklammern. Der Verkehr fliesst bereits heute in die Quartiere. Und das wird auch mit einem Tram ohne Lösung der Fall sein. Es gibt Studien des Tiefbauamts, die zeigen, wohin sich der Verkehr bei der reinen Tramlösung ohne flankierende Massnahmen voraussichtlich verlagern würde. Der Plan zeigt bei den Quartierstrassen, aber auch bei der Langmauer-, der Schaffhauser- und der Rotbuchstrasse sowie der Strasse am Wasser eine massive Verkehrszunahme. Durch Ihre Vorstösse sorgen Sie für einen Einheitsverkehrsbrei in der ganzen Stadt. Knauss: Auf den Plänen des Tiefbauamts steht deutlich: «ohne flankierende Massnahmen». Diese Schutzmassnahmen sind aber von zentraler Bedeutung, wie wir bei der Westumfahrung gesehen haben. Walker Späh: Ich finde es extrem undemokratisch, dass der links-grüne Gemeinderat der Bevölkerung nicht zwei Varianten vorlegt: eine Variante für ein Tram mit der Ausarbeitung von Lösungen für den Individualverkehr, so wie es der Stadtrat wollte, und eine Variante für ein Tram ohne Gesamtkonzept. Herr Knauss, weshalb überlassen Sie diese Wahl nicht den Stimmenden? Knauss: Zukunftstaugliche Lösungen für den Verkehr in der Stadt Zürich liegen beim öffentlichen Verkehr. Wir haben Handlungsbedarf. Schon heute benutzen 24 000 Menschen am Tag die beiden Buslinien 72 und 33, die über den Rosengarten verkehren. Laut einer Prognose der VBZ werden es 2025 morgens und abends bald doppelt so viele Passagiere sein. Und genau dafür benötigen wir ein neues, leistungsfähiges Tram. Wenn Sie, Frau Walker Späh, zusätzlichen Strassenbau wollen, dann sind Sie doch frei, morgen eine Initiative für den Waidhaldetunnel zu lancieren. Walker Späh: Nochmals: Es geht bei der Abstimmung nicht um den Waidhaldetunnel! Der Stadtrat hat ja in seinem vom Gemeinderat abgelehnten Gegenvorschlag nicht gesagt, er wolle den Waidhaldetunnel. Er wollte lediglich prüfen können, wie er mit dem Autoverkehr umgehen kann. Knauss: Der Stadtrat hat sich in seiner Entwicklungsstrategie leider für den Waidhaldetunnel ausgesprochen. Mit seinem etwas seltsam anmutenden Gegenvorschlag wäre der Wunsch der Wohnbevölkerung nach weniger Verkehr nicht respektiert worden. Walker Späh: Herr Knauss, 70 Prozent der Stimmberechtigten lehnten die VCS-Initiative «Schienen für Zürich» ab, ebenso die Abstimmung über das Zoo-Tram. Und warum? Weil Sie keine guten Lösungen präsentiert haben. Das ist nun wieder der Fall. Knauss: Frau Walker, Sie versprechen seit 38 Jahren eine Verkehrsentlastung, aber weder mit dem Milchbucktunnel noch der Nordumfahrung oder der Westumfahrung haben Sie je ein Versprechen erfüllt. Ihnen fehlt es heute an Glaubwürdigkeit. Deshalb ist der Gemeinderat nun mit einer sehr deutlichen Mehrheit zum Schluss gekommen, dass eine neue Tramlinie die einzig richtige Lösung ist. Aber kann die Stadt ein Tram ohne Kanton planen? Knauss: Ich bin zuversichtlich. Der Kanton hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, so auch bei den flankierenden Massnahmen zum Uetlibergtunnel, dass er bereit ist, konstruktive und sachgerechte Lösungen mitzutragen. Walker Späh: Der gesamte Stadtrat ist sich einig, dass es nicht möglich ist, ein Tram ohne Kanton zu planen. Die Grüne Stadträtin Ruth Genner hat gesagt, was bei einem Alleingang der Stadt geschieht: Der Kanton wird ein Tram ohne Lösung für den Autoverkehr nicht genehmigen können. Die Rosengartenstrasse ist eine kantonale Achse, die in ein Verkehrsnetz eingebunden ist. Die Stadt ist keine Insel! Frau Walker Späh, Sie und die anderen Gegner der Vorlage behaupten, der Kanton werde ein Ja nicht akzeptieren. Doch der Kanton schweigt. Was halten Sie davon? Walker Späh: Ich wünschte mir sehr, der Kanton würde sich mit einer stärkeren Stimme äussern. Aber: Der Regierungsrat und der Kantonsplaner haben mehrfach bestätigt, dass nur eine Lösung am Rosengarten mit einem Gesamtverkehrskonzept infrage kommt. Knauss: Es gibt ja ein Gesamtkonzept: Der Gemeinderat will eine neue Tramlinie und sorgt damit für den Schutz der Wohnquartiere durch deutlich weniger Verkehr. Es ist richtig, dass sich der Kanton im Vorfeld nicht äussert: Das zeigt, dass er den Entscheid der Stadtzürcher Bevölkerung respektiert. Walker Späh: Mit einem Gesamtverkehrskonzept hat Ihr Vorschlag nun wirklich nichts zu tun! Herr Knauss, diese fundamentale Verkehrspolitik des Gemeinderats hat dazu geführt, dass man nun im Kantonsrat darüber diskutiert, den Städten auf ihrem Gebiet die Hoheit über die kantonalen Strassen wegzunehmen. Das Resultat ist, dass Zürich an der Rosengartenstrasse in Zukunft gar nichts mehr zu sagen haben wird. Wenn es dazu kommt, dann tragen Sie dafür die Verantwortung! Welches Risiko geht man ein, wenn man zweimal Ja stimmt? Walker Späh: Der Stadtrat bekommt den Auftrag, ein Tram im Alleingang zu planen. Der Kanton wird brüskiert, das Vorhaben landet als Planungsleiche in der Schublade, und wir geben dafür auch noch Millionen Franken aus. Knauss: Zweimal Ja bedeutet, dass wir mit der Planung schnell vorwärtsmachen können. Mit dem Gegenvorschlag des Gemeinderates, den wir bevorzugen, kommt der Schutz der Wohnquartiere dazu. Es ist klar, dass wir mit dem Kanton ins Gespräch kommen werden. Walker Späh: Wenn man die Rosengartenstrasse der Bevölkerung zurückgeben und die Zerschneidung der Quartiere aufheben will, dann gibt es nur eins: Der Verkehr gehört unter den Boden – wo auch immer. Sonst bleibt der Rosengarten ein verkehrspolitischer Schandfleck. Aber verlagern Sie den Verkehr mit einem Tunnel nicht einfach in andere Quartiere? Walker Späh: Man muss sich bewusst sein, dass die beiden Stadtteile Zürich-West und Zürich-Nord so gross sind wie etwa Winterthur und Bern, und die Rosengartenstrasse ist die einzige leistungsfähige Verbindung. Der meiste Verkehr ist hausgemacht. Selbstverständlich unterstütze ich einen starken ÖV. Entscheidend für den Rosengarten ist aber, wohin wir den Verkehr führen werden, der bereits da ist. Knauss: Sie wollen einen mehrspurigen Strassentunnel bauen, der mitten im Kreis 5 herauskommt und dessen Verkehr in die Kreise 4 und 9 fliesst. Im Jahr 2010 müsste es Ihnen eigentlich klar sein, dass nur Lösungen ohne zusätzlichen Strassenbau als ökologisch gelten. Walker Späh: Eine Umfahrung entlastet. Das hat sich beim Limmatquai ja auch gezeigt, wo der Stadtrat an einer Gesamtlösung arbeiten durfte. Knauss: Beim autofreien Limmatquai wollte die FDP einen Tunnel bauen. Das hat die Bevölkerung deutlich abgelehnt. Gerade das Limmatquai zeigt, dass eine Aufwertung der Stadt ohne neue Strassen ein Gewinn für alle ist. Walker Späh: Ihr Vorschlag, Herr Knauss, ist, als ob man zaubern könnte: «Verschwindibus!», und alles ist weg. So funktioniert Verkehrspolitik nicht in einer Stadt, die so klein und dicht ist. Wir brauchen Gesamtlösungen, zum Beispiel wie beim Tram Zürich-West. Indem man dem Stadtrat verbietet, an solchen Lösungen zu arbeiten, verhindert man letztlich das Tram. «Wenn Sie mehr Strassen bauen wollen, dann lancieren Sie doch eine Volksinitiative für den Waidhaldetunnel.» Markus Knauss, Grüne «Sie tun so, als ob man zaubern könnte:‹Verschwindibus!›, und der Verkehr ist weg. So funktioniert das nicht.» Carmen Walker Späh, FDP Nach dem Streitgespräch: Carmen Walker Späh (FDP) und Markus Knauss (Grüne) an der Rosengartenstrasse.Foto: Sophie Stieger

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