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Nur das Fleisch gesunder Tiere landet auf dem TellerDer Mann, der keinen Ekel kennt

Heinz Kohler sammelt tote Tiere in den Gemeinden um Bülach ein. Dabei findet er allerhand: Kadaversammelstellen voller Maden, zersägte Schweine – und sein eigenes Büsi.Grosse Tiere, die vor dem Schlachten krank oder gestresst waren, müssen verbrannt werden.

Fleisch als Lebensmittel Von Rolf Haecky Die Kuh Leni ist vor dem Schlachthof vom Wagen eines Unterländer Bauers gesprungen und abgehauen – quer über die Strasse, über eine Wiese und auf einen eingezäunten Vorplatz. Dort konnte ihr Besitzer sie schliesslich einfangen und zur Schlachtbank führen: Doch das Fleisch war ungeniessbar geworden. «Die Kuh ist auf ihrer Flucht so ins Zeug gekommen, dass deren Fleisch nach dem Schlachten nicht reifen kann und zäh bleibt», erläutert Regula Vogel, Kantonstierärztin. Falls nötig war, die Kuh mit Narkosemitteln zu beruhigen, um sie einzufangen, ist das Fleisch als Lebensmittel untauglich. Strenge Kontrollen Kein Pferd, kein Rind, kein Schwein landet nach dem Schlachthof irgendwo auf einem Teller, ohne dass ein vom kantonalen Veterinäramt beauftragter Tierarzt das Fleisch genaustens kontrolliert. Dazu prüft der Veterinär auch die Dokumente des Bauern zur Gesundheit des Tieres, ob er diesem Medikamente verabreicht hat oder Hygieneprobleme bestanden. Egal, ob in einem kleinen oder grossen Schlachtbetrieb. «Sind die Kriterien nach dem Lebensmittelgesetz erfüllt, bewilligt der Tierarzt das Schlachten», sagt Regula Vogel. Schliesslich schaut der Veterinär sich das zerlegte Tier erneut sorgfältig an. Erst jetzt gibt er dessen Fleisch als Lebensmittel frei. Manchmal entscheidet der Tierarzt, dass ein Rind, eine Geiss oder auch ein Schaf zwar nicht den strengen Lebensmittelgesetzen zu genügen vermag, aber als Tierfutter zulässig ist. War ein Tier jedoch krank und hatte Fieber, muss der Bauer dessen Kadaver verbrennen lassen. Ist das Tier unter 200 Kilogramm schwer, kann er dieses zur Kadaversammelstelle bringen. Von Céline Trachsel Bülach – Einmal fand Heinz Kohler eine tote Schlange zwischen den Fellen. «Aber meistens sehe ich die Tierkadaver nicht so genau durch», sagt der Mitarbeiter der Kadaversammelstelle der Stadt Bülach. Einmal pro Woche fährt Heinz Kohler zu 24 Unterländer Gemeinden und holt alle Überreste toter Nutz-, Haus- und Wildtiere in den Kadaversammelstellen ab. Landwirte, Metzger und Jäger entsorgen dort tote Tiere oder Innereien in dafür vorgesehene Tonnen. Seine ohnehin unangenehme Arbeit machen ihm Rücksichtslose, aber auch verschiedene Gemeinden oft noch schwieriger. «Was ich in den Gemeindesammelstellen teilweise antreffe, ist haarsträubend», sagt Kohler. «Einmal überzogen Maden die Wände bis zur Decke.» Auch blutige Böden seien keine Seltenheit. «Sind die Zustände unhaltbar, nehme ich die Kadaver nicht mit, bis der Raum sauber ist.» Grosstiere in kleinen Behältern Auch die Tonnen bergen oft überraschende Inhalte. Über Tiere, die bereits mit Insekten überzogen sind, ärgert sich Heinz Kohler besonders. Denn auf der Ladebrücke seines Lasters breiten sich die Kriecher aus. «Einmal hat mich ein Polizist kontrolliert und prompt war alles voller Maden.» Zum Glück habe er seit kurzem endlich ein wirksames Insektenmittel. Die Herkunft der unliebsamen Gäste glaubt er zu kennen: «Manchmal werfen Jäger und Wildhüter Tiere ein, die bereits ein paar Tage im Wald oder Strassengraben gelegen haben.» Doch nicht nur schwarze Schafe unter den Jägern, auch solche unter den Landwirten erschweren ihm die Arbeit: Passt ein Schwein nicht in die Tonne, schneiden manche den Rumpf kurzerhand entzwei. «Das gibt eine riesige Sauerei – anstatt dass sie das Tier direkt zu mir in die Sammelstelle Furt in Bülach bringen.» Sogar ein zerlegtes Rind habe er einmal in einer Kleintiersammelstelle gefunden. Dabei wäre diese nur für Meerschweine, Hasen oder Katzen gedacht. Hat Heinz Kohler nach seiner Runde alle Kadaver abgeholt, leert er den Inhalt der Tonnen im Werkhof Furt in die Container. Diese stellt er in einen Kühlraum, bis die Tierverbrennungsanlage Bazenheid die Überreste schliesslich abholt. Diese Arbeit erledigt er seit zehn Jahren. «Mir macht sie wenig aus, denn mich ekelt kaum mehr etwas», erklärt der 63-Jährige. Er trägt entsprechende Schutzkleidung, Handschuhe und Atemschutz – nur das Visier lässt er weg. «Damit läuft meine Brille an. So spritzt mir manchmal zwar Flüssigkeit ins Gesicht, aber das lässt sich ja wieder abwaschen.» Eine empfindsame Seele Die Liebe zu den Tieren hat er nie verloren, selber besitzt er vier Katzen. Deshalb berührt es ihn besonders, wenn er Samtpfoten entgegennehmen muss. Einmal brachte ihm ein Mädchen mit seiner Mutter eine Katze. «Ich habe sie nicht vor den Augen des Kindes in die Tonnen geworfen, sondern behutsam in einen Vorraum gelegt und gesagt, ich werde sie beerdigen.» Erst als die Kleine weg war, tat er den leblosen Körper in den Container. Noch trauriger stimmte ihn, als er seine eigene Katze tot im Strassengraben liegen sah. «Sie hatte viermal Junge. Sie zu entsorgen, hat geschmerzt.» Heinz Kohler rümpft beim Verwesungsgeruch der Tierkadaver kaum noch die Nase.Foto: Celine Trachsel

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