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Neulich im Zug

David Kohler

Ich komme von einem anstrengenden Arbeitstag in Zürich zurück, und es herrschen gefühlte 40 Grad. Ausserdem habe ich einen fünfzehntägigen Projektmarathon hinter mir und bin sehr erschöpft. Natürlich ist der Zug vollgestopft mit Leuten, und ich sitze mit drei anderen Personen im Schwitzkasten. Die Fahrt dauert ewig. Irgendwann erreichen wir doch Olten. Zu meiner Erleichterung steigen meine drei Leidensgenossen aus. Es kündigt sich auch kein neuer Platzinteressent an, also stelle ich meine Tasche, die ich seit Zürich auf meinem Schoss hatte, auf den Platz gegenüber. Ausserdem erlaube ich mir kurz, die Beine auszustrecken, und versuche, mich etwas zu entspannen. Da habe ich aber meine Rechnung ohne den rüstigen Herrn gemacht, der jetzt an mich herantritt. Der Herr ist gut gekleidet, aber nicht zu gut. Also nicht Banker, sonder eher Typ Treuhänder der alten Garde. Er trägt keine Krawatte und sieht noch abgekämpfter aus als ich. Mit gepresster Stimme fragt er: «Isch dä Platz hie no frei?» Ich bejahe, versuche dabei in meiner entspannten Lage zu bleiben, spüre aber, dass das nicht lange gut gehen wird. Der Herr setzt sich neben meine Tasche und zwängt seine so zwischen sich und meine, dass meine arg in Bedrängnis gerät. Ich bin immer noch einigermassen entspannt, betrachte die Situation, als wäre es eine Szene im Fernsehen, und frage mich, wann er auf die Idee kommen wird, seine Tasche auf den freien Sitz neben mir zu stellen oder mich ganz einfach zu fragen, ob ich wohl meine da wegnehmen könnte. Er wartet wahrscheinlich darauf, dass ich meine Tasche unaufgefordert wegnehme, was ich aber nicht tue. Und so kommt es zum Eklat. Der rüstige, ältere Herr nimmt seine Tasche und schmettert sie mit voller Wucht auf meine herunter, sodass eventuell mitgeführte Pralinen fürs Grosi ziemlich platt herausgekommen wären. Das ist nun für mich doch Grund genug, aus meiner Lethargie aufzuwachen und den Herrn ziemlich bestimmt darauf hinzuweisen, dass er sicher nicht einfach meine Tasche platt machen müsse, dass er ganz normal mit mir sprechen könne. Der Herr seinerseits ist aber immer noch in unterdrückter Rage und noch nicht im Stande, seine Tat zu hinterfragen. Im Gegenteil, der ganze Frust dieses Mannes versucht sich auf mich zu entladen. Frust auf eine Jugend, die keinen Respekt mehr hat, auf eine Jugend, die zu nichts Sorge trägt, alles rumliegen lässt und gewalttätig und frech ist. Wahrscheinlich denkt der Herr von der Jugend auch, dass sie ziemlich verblödet ist, denn er ist doch etwas erstaunt, als ich plausible Gegenargumente aufbringen und diese auch noch in vollständigen Sätzen formulieren kann. Langsam wird der Ausdruck in seinem Gesicht etwas weicher, und ich glaube zu sehen, wie sich doch etwas Reue in ihm breitmacht. Spätestens als wir zusammen in Langenthal aussteigen, ist ihm wohl bewusst, dass er an seinem Ziel, einem vermeintlich respektlosen Jugendlichen eine Lektion in Anstand zu erteilen, ziemlich arg vorbeigeschlittert ist. >

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