Zum Hauptinhalt springen

Nationale Behörden lassen die Menschen im Stich

Wegen der Atomgefahr vernachlässigt Japans Regierung Erdbeben- und Tsunamiopfer.

Von Christoph Neidhart, Osaka Neun Tage nach dem Tsunami wurden am Sonntagabend nahe der zerstörten Fischerstadt Ishinomaki der 16-jährige Jin und seine 80-jährige Grossmutter Sumi Abe aus den Trümmern ihres Hauses gerettet. Die Grossmutter war unter dem Eisschrank eingeklemmt, der Junge dämmerte, in Decken gehüllt, auf dem Dach, der Bewusstlosigkeit nahe. In den ersten Tagen hatte er Handyverbindung mit seiner Mutter, aber es sei niemand gekommen. Dann ging sein Handy nicht mehr. Die Grossmutter war ansprechbar, sie erzählte, die beiden hätten sich von Joghurt aus dem Kühlschrank ernährt. Der Junge leidet an schwerer Unterkühlung, seine Körpertemperatur betrug noch 28 Grad. Sie wurden mit einem Helikopter ins überfüllte Krankenhaus von Ishinomaki gebracht. Die frohe Botschaft trügt. Warum hat es neun Tage gedauert, bis die zwei gefunden wurden, obwohl die Mutter wusste, wo sie waren? Warum ist die Rettung so langsam angelaufen? Andere hatten weniger Glück: In einem beschädigten Altersheim in der Sperrzone fand die Armee 128 Betagte, die im Stich gelassen worden waren. Als die Soldaten eintrafen, waren 14 Senioren tot. Sie hatten Erdbeben und Tsunami überlebt – und erfroren, weil niemand sie holte. Andere lagen im Koma. An der Küste fällt das Thermometer nachts deutlich unter den Gefrierpunkt, am Sonntag begann es im Norden wieder zu schneien. In den Schutzräumen ist es kaum wärmer als draussen. Schlecht organisierte Hilfe Die Polizei bezifferte die Zahl der Todesopfer am Sonntag auf 8133. Vermisst werden 12 722. 360 000 Menschen harren in Zufluchtsräumen aus, oft ungeheizte Turnhallen oder Schulhäuser, 20 000 von ihnen aus der Sperrzone um den Meiler Fukushima I. Aus vielen Schutzräumen kommen Notrufe: Lebensmittel, Trinkwasser und Heizöl gingen aus, vielen auch die Kerzen. Zehntausende sind ohne ihre Medikamente. Auch die Stadt Kamaishi war, obwohl Fernsehteams mit ihren Autos hinfahren können, bis Sonntagabend nicht mit genügend Lebensmitteln versorgt. Die Fragen in Japan werden schärfer: Warum ist die Hilfe im Land, das weiss, dass das nächste Erdbeben und der nächste Tsunami kommen, so langsam angelaufen? Warum sah man selbst eine Woche nach der doppelten Naturkatastrophe wenig Baugerät an der zerstörten Küste? Und kaum freiwillige Helfer? Die Gründe sind vielfältig, Erdbeben und Tsunami haben die Küste über eine Länge von 500?Kilometer verwüstet; die Zahl der Opfer und Obdachlosen und die Schäden sind enorm. Viele Städtchen sind völlig zerstört, Zufahrtsstrassen blockiert. Da viele Orte überaltert waren – in manchen Fischerdörfern Japans ist der Jüngste 60, 70-Jährige pflegen ihre 90-jährigen Eltern –, war die Kapazität zur Selbsthilfe beschränkt. Wichtiger ist freilich, dass die Regierung in Tokio von der menschengemachten Katastrophe am Atommeiler Fukushima I absorbiert war. Zuerst hatte sie die Störungen unterschätzt und den Beschwichtigungen der Betreibergesellschaft geglaubt. Bis die Erkenntnis, dass die Betreiber stümperten und es zum atomaren GAU kommen könnte, sie überrumpelte. Seither dreht sich alles um Fukushima I. Auch die überraschend geringe Zahl Freiwilliger wird mit der Angst vor der Verstrahlung erklärt. Lokalregierungen machens vor Allerdings gab es auch bürokratische Hürden. Auf russischen Flughäfen standen seit Mittwoch Flugzeuge bereit, mit denen Moskau Medikamente, Wolldecken und Hilfsgüter liefern wollte. Japans Behörden brauchten zweieinhalb Tage, um die Flüge zu bewilligen. Dann mussten die Maschinen nach Tokio fliegen statt nach Niigata, das näher beim Erdbebengebiet liegt. Und erst am Freitag erlaubte das Gesundheitsministerium ausländischen Ärzten, Patienten zu behandeln. Die Lokalregierungen handeln effizienter: Die Stadt Osaka hat 23 Feuerwehrleute nach Kamaishi geschickt. Und stellt 500 Sozialwohnungen für Obdachlose bereit. Sie können sofort einziehen und ein Jahr umsonst bleiben. Die Stadt Saitama nördlich von Tokio hat ihr grosses gedecktes Sportstadion geöffnet. Am Samstag zogen 1900 Überlebende des Städtchens Futaba, nur vier Kilometer vom Atommeiler entfernt und zu 90 Prozent zerstört, in die Sportanlage. Am Sonntag begann die Gemeindeverwaltung von Futaba, im Stadion an improvisierten Schreibtischen zu arbeiten. Sie zahlt Renten aus, stellt Personal- und Versicherungsausweise aus und bemüht sich, Kontakte zwischen Verwandten herzustellen. Dann organisierte sie für die Leute von Futaba ein Bad, wo sie zum ersten Mal seit dem Tsunami warm duschen konnten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch