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Nacktes Entsetzen in Einsiedeln

Die kleine Geschichte Was passiert, wenn ein penisprotzender Hobbyrocker fürs Bezirksgericht kandidiert. Normalerweise ist es die SVP, die Sitten und Gebräuche der Schweizer verteidigt. Wenn nun ein Mitglied der Schweizerischen Volkspartei in den Ruch gerät, sogar die Sittlichkeit zu verletzen, wird die Öffentlichkeit hellhörig. Und wenn es nicht die EDU oder die CVP, sondern die SP ist, die darauf aufmerksam macht, spitzen sowieso alle die Ohren. So geschehen im sittenstrengen und doch lebenslustigen Wallfahrtsort Einsiedeln. Dort steht am 28. November die Ersatzwahl eines Ersatzrichters ins Bezirksgericht an. Einziger Kandidat ist Roland Lutz, SVP-Mitglied, Familienvater und Wirtschaftsinformatiker. Den Unmut der SP hat der 48-Jährige mit seinem ungewöhnlichen Hobby erregt: Lutz ist«Stromgitarrist» und Sänger einer Churer Rockband namens Tyte Stone Buaba, die seit 30 Jahren mit unkonventionellen Auftritten von sich reden macht. Unkonventionell ist vielleicht untertrieben, denn die Band tritt nahezu nackt auf und beweist in ihren bündnerischen Dialektliedern ein sehr unverkrampftes Verhältnis zu Zoten, Titten und Sex. «Ihre Lieder beinhalten äusserst obszöne Texte», schrieb die SP-Parteileitung in einem Leserbrief im «Einsiedler Anzeiger». Die Songs handelten von sextollen Nonnen, «Rudlfigg» und «Gummipuppa durafigga». Youtube-Filme zeigten die Band in Aktion, mahnt die SP: «Herrn Lutz sieht man mit einem Tanga der extremen Sorte über die Bühne gehen. Zwischen seine Oberschenkel hat er sich einen überdimensionalen, rund einen Meter grossen Penis gesteckt.» Und ob die SVP wirklich der Ansicht sei, dass sich Lutz als Ersatzrichter eigne. Wenn man das Tyte-Stone-Kulturgut zum Nennwert nimmt, haben es Lutz und seine Band faustdick hinter den Ohren. Die vier Männer nehmen kein Blatt vor den Mund und auch sonst nirgendwohin – allerdings so aufgesetzt ironisch, dass es jeder durchschaut. Sie besingen den pädophilen Pfarrer unverblümt als Büablifigger – für sie ein Evergreen –, schwärmen vom Gruppensex im Altersheim und beschreiben selbst eine Darmspiegelung als anregendes «Hailait». Trotz des beschränkten Repertoires, das auch gern aus dem rückwärtigen Bereich unter der Gürtellinie schöpft, zieht die Band pro Auftritt 200 bis 1000 begeisterte Zuschauer an. Die bringen jeweils gern auch selber eine Gummipuppe mit – sei es in Muotathal SZ, Erstfeld UR oder Hinwil ZH. Die Band sei halt mittlerweile Kult, sagt Lutz: «Wir wollen unterhalten und singen eine Art vertonter Stammtischwitze.» Verglichen mit dem Wortschatz der Band, klingt die Poesie des Walliser SVP-Nationalrats und Obszönitätendichters Oskar Freysinger tatsächlich schon fast wie Heinrich Heine. Roland Lutz, der in der Band Shy-Boy heisst und als leidenschaftlicher Sammler von getragenen Slips mongolischer Hafennutten gilt, ficht das alles nicht an. Mit der Fähigkeit für ein Laienrichteramt habe das nichts zu tun, und es müsse ihn ja niemand wählen. Zu Lutz’ Ehrenrettung führen Kenner ins Feld, er sei umgänglich, kommunikativund ein begnadeter Showman, der die Leute «auch dann zu fesseln vermag, wenn er etwas anhat». Ob die SP als Moralapostel oder als Hüterin des guten Geschmacks interveniert hat, war gestern nicht in Erfahrung zu bringen: Präsident Patrick Schönbächler, ehemaliger Stiftsschüler, Alt-Kantonsrat, Rechtsanwalt und einst Mitgründer eines sinfonischen Rockorchesters, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Falls Schwerenöter Lutz als Ersatzrichter gewählt werden sollte, kann sich die SP aber damit trösten, dass er als einer von sieben höchstwahrscheinlich gar nie zum Einsatz kommt. Erwin Haas Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ausnahmsweise angezogen: Das offizielle Pressebild der Tyte Stone Buaba mit Roland Lutz (r.).Foto: PD

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