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Museumsstücke im Ausverkauf

Ist die Bülacher Brockenstube ein gutes Revier für Schnäppchenjäger? Und was hat das Secondhand-shopping trendbewussten Städtern zu bieten? Ein Selbstversuch. Von Andreas Mäder

Bülach – Plötzlich ist es da, dieses Kribbeln im Bauch. Nicht Amors Pfeile, sondern das blaue Fahrrad mit dem leicht schrägen Sattel und den nur halb gepumpten Reifen ist für das Ansteigen des Hormonspiegels verantwortlich. 45 Franken. Ein unschlagbarer Preis für ein Velo. «Gleich kaufen?» «Oder abwarten?» Die Gedanken rasen. Den Kaufentscheid bereits getroffen hat die Kundin an der Kasse, die ein schwarzes Abendkleid und eine Kasperli-Kassette in der Plastiktüte verschwinden lässt. «Ich kaufe Schnäppchen – denn Stöbern macht Spass», erklärt sie. Aufpassen müsse man aber auf seine Sachen vor dem Brockenhaus. Sie habe einmal ihren Einkaufswagen beim Eingang abgestellt. Ein findiger Geist hielt den Wagen für ein kostenloses Produkt – und nahm ihn gleich mit. In einem anderen Fall sei das kurz vor dem Brockenhaus parkierte Fahrrad wenig später mit Preis versehen im Angebot gestanden – zum Glück bemerkte der Besitzer das Missgeschick rechtzeitig. Brockenhaus liegt im Trend Zwischen den Geschirrregalen und den Bierhumpen mit der Aufschrift «Zeller Oldies Austria» oder «Feuerwehr Opfikon» sind drei Jungs auf der Suche nach einer Discokugel und einer Rauchmaschine für ihren Aufenthaltsraum in einem Schopf. Das Gewünschte ist im Brockenhaus nicht erhältlich, dafür finden sie Gefallen an ausgemusterten Landhockeyschlägern. So wie den drei Knaben geht es vielen. Der durchschnittliche Kunde gebe rund 35 Franken im Brockenhaus aus – auch wenn er ohne Kaufabsicht komme, sagt Hanspeter Setz, Geschäftsleiter der Brocki Bülach. Und gerade auch die jungen Kunden entdeckten das Brockenhaus als kreativen Einkaufsort. «Das Brockenhaus ist in», sagt Setz. Bei den jungen Erwachsenen zwischen 20 und 30 seien Stücke aus den 60er-Jahren angesagt. Diese gelangten jeweils kurz nach ihrer Ankunft im Verkaufsraum auch schon wieder in neue Hände. Rarität aus den 50ern Stolz ist der Brockenstube-Geschäftsführer auf die Raritäten im Angebot. Dazu zählt ein antiker Sekretär, ein Möbel aus dem 19. Jahrhundert, das Schreibtisch und Schrank vereint. Das ausgestellte Modell ist erst das zweite, das er in 15 Geschäftsjahren gesehen hat. Zu den Trouvaillen gehören auch ein Frisiertisch aus dem Jahr 1920 und ein Kindervelo aus den 50ern – wenn der richtige Sammler komme, dann freue sich dieser über einen Glücksgriff, sagt Setz. Möbel in Schwarz seien dagegen schwierig zu verkaufen. Regelrechte Ladenhüter. Seine eigene Wohnung hat Hanspeter Setz modern eingerichtet. Dafür freut er sich über spezielle Accessoires. Verkäuferin Regula Hartmann hatte zu Beginn ihrer Tätigkeit im Brockenhaus Mühe, nicht zu viele Fundstücke selber mitzunehmen. Mittlerweile fällt ihr dies einfacher: «Ich bringe mehr Gegenstände von zu Hause in die Brockenstube als umgekehrt.» Die Waren stammen aus Hausräumungen aus der Umgebung von Bülach – eingekauft werde nichts. Jeden Tag ist das Brocki-Team bei rund fünf Räumungen im Einsatz. Wie lockt man die Kunden in die Brocki? «Sammler müssen Schnäppchen machen können. Wir schreiben die Preise deshalb oft bewusst zu tief an», erklärt Setz das Geschäftsgeheimnis. So stimme dann auch die Mund-zu-Mund-Propaganda. Der Schreibende ist der Brockenhaus-Atmosphäre mittlerweile definitiv verfallen. Und so verlässt er das Lokal stolz auf dem blauen Fahrrad mit dem leicht schrägen Sattel – und natürlich mit dem unbeschreiblich guten Gefühl im Bauch, ein echtes Schnäppchen nach Hause fahren zu können. Im Mai dieses Jahres hat die Brockenstube des Gemeinnützigen Frauenvereins Bülach mit der Brockenstube des Kantonalverbandes des Blauen Kreuzes fusioniert. Die neue Brocki wird von einer paritätisch zusammengesetzten Betriebskommission geführt, mit einer definierten Gewinnverteilung. Jede Woche zählt Geschäftsführer Hanspeter Setz rund 650 zahlende Kundinnen und Kunden. Das Angebot umfasst gut erhaltene Möbel, Geschirr, Bücher, Musikwaren, Elektroartikel, Gardinen, Haushaltswäsche, Schuhe, Kleider, Sportartikel, Gartengeräte und vieles mehr. Neu bietet die Brocki aber auch ein grosses Dienstleistungsangebot wie Haus- und Wohnungsräumungen sowie einen Lieferdienst (gegen kleinen Unkostenbeitrag). Zum Team der Brockenstube gehören bezahlte Angestellte und eine grosse Gruppe Freiwilliger. Rund 8000 Stunden Arbeit werden jedes Jahr unentgeltlich in der Brockenstube geleistet. Weiterhin arbeiten rund 60 Frauenvereinsfrauen regelmässig als Kundenberaterinnen. Am nächsten Samstag, 18. September, findet ein grosser Räumungsverkauf statt. Dann gibt es einen 50-Prozent-Rabatt auf Bekleidung und Schuhe. Die Brockenstube hat eine regelmässig aktualisierte Homepage. Jeden Monat gibt es unter www.brockibuelach.ch eine Top-Ten-Liste mit aktuellen Angeboten. Die Produkte sind in einer Bildergalerie zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 13.30 bis 18 Uhr, samstags von 9 bis 16 Uhr. Es werden laufend freiwillige Mitarbeiter gesucht. Kontakt: Hanspeter Setz, Geschäftsführer, Telefon 044 860 60 04, oder Frauke Böni vom Gemeinnützigen Frauenverein Bülach, 044 862 14 82 (abends). (amä) Ob Schaufensterpuppe, Landhockeystock oder Weltkugel: Die Bülacher Brocki hat auch viele unerwartete «Schätze» zu bieten. Fotos: René Kälin

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