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Mit grösserem Motor

Gestärkt durch die Erfahrungen aus seiner Debütsaison, ist Simon Zahner in sein zweites Jahr als Radprofi gestartet. An den ersten Klassikern in Belgien bremsten den Zürcher jedoch ein Defekt und ein Sturz aus.

Von Kai Müller Simon Zahner plagt sich derzeit mit der schmerzlichen Seite seines Berufs herum. «Ich habe Kopf-, Nacken und Rückenschmerzen», sagt der Radprofi vom BMC Racing Team, der am Samstag 28-jährig wird. Er stürzte vor drei Tagen beim zweiten belgischen Klassiker Kuurne–Brüssel–Kuurne. In der Anfahrt zu einem der Anstiege auf Kopfsteinpflaster war im Feld Hektik aufgekommen. «Alle wissen, dass die Strasse eng wird, und wollen sich in eine gute Position bringen», erklärt Zahner. An die Kollision selber erinnert er sich nur vage, weiss jedoch: «Ich habe den Sturz mit dem Kopf abgefangen.» Um sicherzugehen, liess er sich gestern von einem Arzt untersuchen. Die entwarnende Diagnose: leichte Gehirnerschütterung.Dem Bubiker kommt entgegen, dass auf seinem Einsatzplan in den nächsten drei Wochen ohnehin keine Wettkämpfe stehen. Dann erst folgt der dritte Klassiker in Belgien. Und bis zum Giro d’Italia im Mai – seiner ersten Rundfahrt, die länger als eine Woche dauert – bleibt viel Zeit. Schon am Samstag beim Auftakt der flämischen Frühjahrssaison hatte Zahner Pech. Als beim Omloop Het Nieuwsblad die entscheidenden Passagen nahten, beklagte er einen Defekt. «Das Rennen war fertig, bevor es richtig wehtat», sagt er.Die Missgeschicke am Wochenende waren die ersten Rückschläge nach einer einwandfreien Vorbereitung auf seine zweite Profisaison. «Von November bis Januar lief alles perfekt.» Begriffen, wie Profis fahren Der Zürcher Oberländer merkte schnell, dass sein «Motor grösser ist». Im vergangenen Herbst fuhr er im zweiten Training bereits über fünfeinhalb Stunden, nach drei fühlte er sich richtig wohl im Sattel. «Vor einem Jahr habe ich zwei Wochen gebraucht, bis ich so weit war. Ein Riesenunterschied.» Die Einheiten im Dezember zielten mehr auf Intensität statt auf Ausdauer ab, oft machte Zahner mit seinen früheren Quer-Kollegen Christian Heule und Marcel Wildhaber Abstecher in den Wald. Als Extra-Motivation bestritt er drei Radquers, früher seine Paradedisziplin. Schliesslich reiste er nach Australien, wo er Mitte Januar mit der Tour Down Under die erste Rundfahrt der Saison bestritt. In zwei der sechs Etappen präsentierte er sich in Fluchtgruppen. Zahner findet sich dank der Erfahrungen im Debütjahr immer besser zurecht. «Bis ich begriff, wie Rennen bei den Profis ablaufen, verging fast eine halbe Saison», blickt er zurück. Zuerst gebe es meist eine Schlacht, bis eine Gruppe ausgerissen sei, dann werde im Feld gebummelt, am Schluss gehe nochmals die Post ab. «Ich aber war für jeden Angriff bereit und fuhr oft zu offensiv, wenn mich das Rennfieber packte.» Die Eindrücke sind nicht mehr neu, Zahner weiss, was er zu erwarten hat, und kann sich auf anderes konzentrieren. «Ich lerne momentan die Strecken der nächsten Rennen auswendig.» Beeindruckt hat ihn in dieser Hinsicht Teamkollege Karsten Kroon. Der Holländer kenne das 250 Kilometer lange Amstel Gold Race bis ins letzte Detail. Gute Fahrer wüssten genau, wo sie sich Vorteile verschaffen können. Mit der Erfahrung sind Zahners Erwartungen an sich selber gestiegen. Er sagt: «Ich will bessere Leistungen als letzte Saison zeigen. In meinem Fall heisst das aber nicht, Rennen zu gewinnen. Als Helfer habe ich eine andere Aufgabe.» Der Illusion, ein Team irgendwann als Leader anzuführen, verfällt er nicht. «Ich stehe aber nicht hin und sage: Ich will nie mehr zuoberst auf das Podest und bin glücklich, wenn ich Regenschütze für die anderen holen darf.» «Tests bringen kaum etwas» Auf dem Velo fällt Zahner die Helferrolle zu, im Privatleben ist hingegen er auf Hilfe angewiesen. Oft ist der vierfache Familienvater unterwegs, seine Frau schaut zu Hause nach dem Rechten. «Während ich in den Flieger steige und dann ein vergleichsweise lockeres Leben führe, erbringt sie die wahre Leistung.» Als Mitglied der Profiszene macht sich Zahner auch Gedanken über jene Fahrer, die unrühmliche Schlagzeilen schreiben, wie jüngst Tour-de-France-Sieger Alberto Contador oder Riccardo Ricco. Der italienische Dopingsünder war vor einem Monat nach einer missglückten Eigenbluttransfusion zusammengebrochen. Zahner schüttelt den Kopf: «Ricco flog erst durch sein Geständnis auf. Das bestätigt, dass die Tests kaum etwas nützen.» Er fuhr im letzten Sommer an der Österreich-Rundfahrt gegen den Italiener, als dieser die Konkurrenz bei den zwei Bergankünften deklassierte. «Ich musste am Abend gar nicht mehr auf die Rangliste schauen, weil der Rückstand so gross war. Da machte ich mir schon meine Gedanken», sagt Zahner. Schlaflose Nächte bereiten ihm Fahrer, die den Sport in Verruf bringen, aber nicht. «Warum auch? Ich kann sowieso nichts dagegen unternehmen.» Simon Zahner will in dieser Saison defensiver fahren.Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

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