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Lieber auf der Bank verdienen als an der Uni forschen

Erstmals sind an den Schweizer Hochschulen die ausländischen Assistenten und Jungforscher in der Mehrheit. Was tun? Die einhellige Antwort: Den eigenen Nachwuchs besser fördern.

50,3 Prozent der Assistenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter an den hiesigen Universitäten haben keinen Schweizer Pass. Das bedeutet: Jene Uni-Mitarbeiter, die für die Forschung zuständig sind und damit entscheidend für den Ruf der Schweizer Universitäten, kommen mehrheitlich aus dem Ausland. Ein Novum. Weist die vom Bundesamt für Statistik durchgeführte Erhebung für 1999 noch einen Jungforscher-Ausländeranteil von 35,3 Prozent aus, steigt dieser in den nachfolgenden Jahren kontinuierlich an und übersteigt jetzt - die neuesten Zahlen betreffen das Jahr 2008 - erstmals die 50-Prozent-Marke. Besondere Höhen erreicht der Ausländeranteil an den beiden ETH in Zürich (55,1) und Lausanne (67,3) sowie an den Universitäten Lugano (64,3), Genf (59,3) und St. Gallen (54,1). Wie ist es dazu gekommen? Zeigt sich darin eine Folge der steigenden Anzahl ausländischer Professoren? Gegenwärtig haben 45,7 Prozent aller Professoren, die an Schweizer Unis lehren, einen ausländischen Pass. 1999 waren es noch 36,5 Prozent. Die beiden ETH sowie die Unis in Lugano und St. Gallen sind auch hier die Spitzenreiter. Bereits Anfang 2008 kritisierte der Präsident der Zürcher Studentenschaft in einem Interview, dass ausländische Professoren, die an eine Schweizer Uni wechselten, oft ihr ganzes Assistenten-Team mitnähmen und so dem Schweizer Nachwuchs den Weg verbauten. Nach wie vor geschehe es regelmässig, dass mit einem Professor ein ganzes Team in die Schweiz gezügelt werde, bestätigen Mitarbeiter verschiedener Unis. Lieber gut verdienen als doktorieren René Bloch vom Staatssekretariat für Bildung und Forschung (SBF) bestreitet nicht, dass es zu solchen Transfers kommt. Er will deren Bedeutung aber nicht überbewerten. Auch für Roman Kappeler und Robert Rieben tragen vor allem andere Faktoren zum hohen Ausländeranteil bei. Kappeler und Rieben präsidieren die Vereinigungen von Assistenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern an der ETH Zürich beziehungsweise an der Uni Bern. Robert Rieben sagt: «Es ist sehr schwierig geworden, junge Schweizer Wissenschaftler dazu zu bewegen, eine Doktorarbeit zu schreiben und eine universitäre Karriere ins Auge zu fassen.» Das hat zu einem schönen Teil damit zu tun, dass insbesondere die Absolventen einer technischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Uni-Ausbildung von der Privatwirtschaft mit guten Jobs und guten Löhnen angelockt werden. Im Gegensatz dazu müssen sich Doktorierende oft mit Minimaleinkünften zufrieden geben. Denkbar ist allerdings, dass die aktuelle Wirtschaftskrise den Übergang von der Uni in die Privatwirtschaft erschwert und mithin die Attraktivität eines Uni-Postens erhöht. René Bloch erwähnt einen weiteren Faktor, der junge Leute von der Uni wegführt, nämlich die unklaren Karriereaussichten für Jungforscher. Die Arbeitsverträge sind oft kurz und die Ansprüche an die Flexibilität enorm, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erschwert. Vor allem aber: Ob sich je eine Professur ergattern lässt, ist unberechenbar. Im internationalen Vergleich sind die Bedingungen an Schweizer Universitäten allerdings nach wie vor sehr gut - sowohl punkto Infrastruktur wie auch punkto Verdienstmöglichkeiten. Was zur Folge hat, dass die Hochschulen die fehlenden Schweizer Jungwissenschaftler mühelos durch exzellente ausländische ersetzen können. Dass die Schweizer Universitäten in internationalen Rankings gut - einzelne Hochschulen, namentlich die ETH Zürich, sogar hervorragend - abschneiden, ist mit ein Verdienst dieser Mitarbeiter. Es bestreitet denn auch niemand, dass das universitäre Leben vom internationalen Austausch lebt und daher die Präsenz ausländischer Forscher nicht nur normal, sondern erwünscht ist. Doch dies ändert nichts daran, dass die Vereinigungen der Nachwuchsforscher seit längerem und immer drängender eine bessere Förderung der einheimischen Jungwissenschaftler fordern. Um deren finanzielle und strukturelle Situation zu dokumentieren, haben sie kürzlich eine umfangreiche Studie publiziert. Auch der Schweizerische Nationalfonds greift in seinem jüngsten Jahresbericht das Problem auf: «Die Anzeichen häufen sich, dass die Schweiz beim wissenschaftlichen Nachwuchs in einen Rückstand geraten könnte. Der Forschungsplatz ist zwar attraktiv. Der Schweizer Nachwuchs ist aber auf manchen Gebieten dünn gesät.» Löhne für Doktoranden erhöht Erste Massnahmen sind bereits umgesetzt: Dank des Nationalfonds hätten die Löhne für Doktorierende in den letzten Jahren kontinuierlich und substanziell erhöht werden können, sagt Robert Rieben. René Bloch verweist zudem auf die so genannten Tenure-Track-Professuren, mit denen junge Talente gefördert werden können. Solche Professuren gibt es heute an diversen Schweizer Universitäten. Das Ziel sei aber noch weit entfernt: «Jungen, talentierten Forschern soll eine reelle Perspektive für eine akademische Karriere geboten werden», sagt Robert Rieben. Zum Beispiel mit einem Salär, das «nicht wesentlich schlechter» sei als ein vergleichbarer Lohn in Wirtschaft oder Verwaltung.

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