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Kanonenfeuer und Kanonenfutter

Das libysche Regime setztZivilisten als menschliche Schutzschilde ein. Waisenkinder werden offenbar vor der Armee hergetrieben. Die Taktik ist alt – und ein Kriegsverbrechen.

Von Oliver Meiler, Marseille Perfid – und oft effektiv. Aus Libyen drangen auch am Dienstag übereinstimmende Berichte, wonach Muammar al-Ghadhafi zum Schutz von strategischen Angriffzielen und wahrscheinlich auch zum Schutz seiner selbst Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht. Manche würden dazu gezwungen, heisst es. So sollen etwa im heftig umkämpften Misrata, der drittgrössten Stadt des Landes, Waisen aus einem Heim getrieben worden sein, damit sie auf den Strassen Schutzschilde bildeten, während die Armee mit schwerer Artillerie auf die vorrückenden Aufständischen schoss. Manche angeblichen Loyalisten würden vom Regime bezahlt für ihren gefährlichen Einsatz. Andere kämen aus Überzeugung, bereit fürs Martyrium. Es ist dies eine von Ghadhafis schmutzigsten und wirkungsvollsten Waffen im Kampf gegen den übermächtigen internationalen Gegner, der ihn aus der Luft angreift und dem er militärisch nichts entgegenzusetzen hat. Der Feind soll möglichst viele Skrupel haben, gewisse Ziele anzugreifen: vor allem Flughäfen und Militärstützpunkte. Und wenn er es dennoch tut und dabei viele Zivilisten tötet, dann soll das die Legitimität der Operation untergraben. Militärische Taktik und Propaganda in einem – und ein Kriegsverbrechen dazu, wie es in den Genfer Konventionen heisst. Als Ghadhafi seine Anhänger vor einigen Tagen dazu aufrief, zu Tausenden unbewaffnet, nur mit Olivenzweigen bewehrt, nach Benghazi, in die Hochburg der Rebellen, zu marschieren, leitete ihn dieselbe strategische Überlegung. Mit seinen Panzern war er von den alliierten Kampfjets gestoppt worden. Den Einsatz menschlicher Schutzschilde bestätigte am Montag indirekt auch ein Sprecher der libyschen Regierung, als er den Luftangriff der Alliierten auf die Kaserne Bab al-Aziziya, das Hauptquartier des Regimes in Tripolis, verurteilte: «Der Westen sagt, er wolle die Bevölkerung schützen, doch er bombardiert diese Anlage, von der er weiss, dass sie von Frauen und Kindern besetzt ist.» Unklar ist, wie viele Zivilisten bei dem Angriff, der ein mehrstöckiges Kommandogebäude unweit von Ghadhafis Empfangszelt in Schutt und Asche legte, verletzt wurden oder gar umkamen. Wenn es bei dem Bombardement viele zivile Opfer gegeben haben sollte, hätte der Regierungssprecher, der von einer «barbarischen Aktion» des Westens sprach, wahrscheinlich deren Zahl publik gemacht.Die Linie zwischen Wahrheit und Propaganda ist auch hier schmal. Es wäre nicht das erste Mal, dass in einem Konflikt menschliche Schutzschilde zum Einsatz kämen. Allein in den letzten zwei Jahrzehnten wurden sie von Kriegsparteien im Balkan, in Sri Lanka und in den palästinensischen Autonomiegebieten eingesetzt. Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgte der irakische Herrscher Saddam Hussein im Golfkrieg1991, als er Hunderte westlicher Staatsangehöriger in deren Hotels als Geiseln nahm und sich alle paar Stunden mit einer Gruppe von ihnen umgab, um sich vor Angriffen zu schützen. Auch Kinder sollen Ghadhafis Regime schützen.Foto: Zohra Bensemra (Reuters)

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