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Jürg Kienberger und die hohe Kunst des Summens Sir Roger Norringtons Einstand beim ZKO Die Geburt der Musik aus der menschlichen Tragödie

Kurz & kritisch Theater Luzern, Kleintheater – Man sitzt im Theater und sieht einem Herrn dabei zu, wie er seinerseits dasitzt und den Bienen beim Summen zuhört. Es gibt nicht viele Schauspieler, die ein solch malerisches Stillleben auf der Bühne überhaupt aushalten. Doch von denen, die es tun, ist Jürg Kienberger bestimmt der, dem man dabei am allerliebsten zusieht. Und ganz stumm bleibt er ja nicht. Gleich wird er erklären, dass der Summton aus einem B-Dur bei geeigneter Aufregung im Bienenvolk durchaus bis zu einem Cis aufsteigen kann. Der spektakulär stille Sänger, Summer und Musikant aus der Theaterfamilie von Christoph Marthaler widmet sein zweites Soloprogramm (nach «Ich bin ja so allein», 1998) also der Biene. Am Freitag wurde es im Luzerner Kleintheater uraufgeführt (Regie: Claudia Carigiet). «Ich Biene ergo sum» verdankt sich dem Bienenvolk, das seit Jahren zwischen den Eternitplatten von Kienbergers Garage lebt. Der Abend ist ein musikalisch begleiteter Dia- und Filmvortrag, der allerlei Wissenswertes vermittelt über den Schwänzeltanz der Sammelbienen oder den entsetzlichen Drohnentod. Der Abend bleibt etwas harmlos, oder anders gesagt: Wer sich nicht wie Kienberger seit zehn Jahren mit dem Bienenwesen beschäftigt, sieht sich in seiner Empathiefähigkeit herausgefordert. Denn die Biene will nicht so recht fürs Menschliche taugen, und die gleiche präzise Beiläufigkeit, die in Kienbergers Hommage an den Alleinunterhalter ans Existenzielle gerührt hat, schnurrt hier als leidlich verschrobene Reminiszenz an das Telekolleg ab. Das gleiche Problem in der Musik: In «Ich bin ja so allein» stieg aus jeder populären Melodie der Horror Vacui des Alleinunterhalters. Hier muss man sich meist mit der Pointe eines aufs Bienenvolk gemünzten Popsongs begnügen. Dann singen die Drohnen, klar doch, «Sex Bomb». Zu Herzen geht es erst am Ende, als nach dem grossen Bienensterben die Glasharfe zu ein paar Zeilen von Eichendorff spielt: «Was sollen wir nun singen / In dieser Einsamkeit / Wenn alle von uns gingen.» Aber wenn es vielleicht kein lautes Lob zu singen gibt auf diesen Abend, dann ganz bestimmt ein leises zu summen. Hat die gelegentliche Untiefe doch den Vorteil, dass Kienbergers komische Darstellungskunst des Nichtigen umso mehr herausragt. Gerade in jener schönen Geschichte, in der er erzählt, wie er einst einen Lehrer wenn nicht in den Wahnsinn, so doch in die Versetzung trieb. Nämlich durch schieres Summen. Christoph Fellmann Bis 18. 9., danach Tournee; ab 27. 10. im Theater Neumarkt, Zürich. Konzert Zürich, Tonhalle – Sogar die «Tagesschau» hatte das Ereignis angekündigt: Sir Roger Norrington, der in einem Jahr als Principal Conductor beim Zürcher Kammerorchester einsteigen wird, präsentierte einen ersten Appetizer. Der Einzige, der nichts Besonderes dabei findet, dass ein sehr berühmter Dirigent mit 75 Jahren diesen Job übernimmt, ist offenbar Norrington selbst. Das Arrangement passe in seine Agenda, das Geld könne er gebrauchen, und er habe Lust, mit diesen Musikern zu arbeiten – so erklärte er den Entscheid in seiner entwaffnend britischen Art. Seine Lust, mit dem ZKO zu arbeiten, hat dann das Konzert am Freitag in jedem einzelnen Ton geprägt. Vor allem in Brittens Serenade op. 31 für Tenor, Horn und Streichorchester: James Gilchrist inszenierte das Werk eher, als er es sang, der Hornist Thomas Müller nahm virtuos die wechselnden Tonfälle auf, und das Orchester sorgte für glitzernde Kulissen. Leicht wirkte das, aber nicht leichtgewichtig. Das galt auch für Haydns Sinfonie Nr. 95, die wie auf Zehenspitzen daherkam: zierlich, tänzerisch, manchmal auch ein wenig etüdenhaft. Schliesslich hat sich Norrington entsprechend seinem Credo sofort darangemacht, dem ZKO das Vibrato auszutreiben; daran muss sich ein Orchester erst einmal gewöhnen. Dass das schnell gehen wird (und dass der Ansatz zwar strikt, aber nicht einengend ist), zeigte dann Mozarts Jupiter-Sinfonie. Norrington setzte auf prägnante Gesten – und Mozarts Humor. Selten hört man so anschaulich, wie das Menuett plötzlich leerläuft oder das Finale für ein paar Takte aus den Fugen gerät. So illustrierte die Interpretation einen weiteren, sehr britischen Norrington-Satz: Man solle die Musik nicht zu ernst nehmen, pflegt er zu sagen. Dass er das mit dem ZKO auf höchstem Niveau tun wird, darauf darf man sich freuen nach diesem Konzert. Susanne Kübler Oper Bern, Stadttheater – Ausgangspunkt ist eine unmögliche Liebe. König Alfons IV. von Portugal, von einem stimmgewaltigen Günter Missenhardt dargeboten, verbietet seinem Sohn Pedro I. (sängerisch wie darstellerisch überaus agil: Robin Adams) aus machtpolitischen Überlegungen die Ehe mit der Hofdame Ines. Die Liebenden setzen sich über das väterliche Verbot hinweg und heiraten trotzdem, worauf Alfons Ines umbringen lässt. Ein politischer Mord, wie er zu jedem Königsdrama gehört. Ein solches, basierend auf historisch verbürgten Begebenheiten, hat der 39-jährige Basler Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini seiner Oper «Wut» zugrunde gelegt, welche 2006 in Erfurt uraufgeführt wurde und nun im Rahmen der Biennale Bern am dortigen Stadttheater, in der Regie Dieter Kaegi, eine weitere Aufführung erlebt. Für das raffinierte Bühnenbild zeichnet Francis O’Connor verantwortlich, für das Libretto Christian Martin Fuchs. Der Verlust der geliebten Frau lässt Pedro einen Rachefeldzug beginnen. In einer gespenstischen, an ein Triptychon erinnernden Szenerie richtet Pedro die Mörder seiner Frau, Coelho (Andries Cloete) und Goncalvez (Carlos Esquivel), auf bestialische Weise. Diese betreten als Untote die Bühne erneut, predigen den Nihilismus und lassen das Ganze damit definitiv aus dem Ruder laufen. Gewalttäter und Diktatoren sind oft enttäuschte Romantiker und Idealisten. Dies ist zwar nicht neu, aber opernwirksam. Ohne dass die Gewalt ironisiert würde, hat die offene Brutalität ihre schockierende Wirkung eingebüsst. Wie betäubt folgt man dem Verlauf, der geradewegs in eine groteske Verehrung der ermordeten Ines mündet. Die an eine Madonnenhuldigung erinnernde Szenerie findet jedoch in einem ungenannten totalitären Kontext der Gegenwart statt und irritiert aufgrund dieser Unentschlossenheit eher, als dass sie aufklärt. In knapp achtzig Minuten werden alle denkbaren Wertvorstellungen demontiert. Eine vernichtende Bilanz, wenn da nicht die Musik und die tolle Ensembleleistung wären – so ist es bloss eine ernüchternde. Das Berner Symphonie-Orchester unter Dorian Keilhack verleiht der zwischen moderat avantgardistischer Klanglichkeit und zynischen Marschmusiken changierenden Partitur Strahlkraft und Theaterglanz. Patrick Fischer Weitere Vorstellungen bis 19. November. An jenem Abend findet zudem ein Publikumsgespräch statt. www.stadttheaterbern.ch Jürg Kienberger widmet sich abendfüllend den Bienen. Foto: PD

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