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Ist hier wirklich alles in Ordnung?

Der Schweizer Ordnungssinn ist legendär. Aber ist er auch normal? Lustig? Sinnvoll? Solchen Fragen ist der Genfer Fotograf Nicolas Faure nachgegangen – die Antworten liefern seine im Museum Bellpark in Kriens ausgestellten Bilder.

Von Thomas Wyss Eine Holzbeige auf einer Waldlichtung.Sieht hübsch aus. Und harmlos. Genauso hübsch und harmlos wie der kleine Schneehügel vor dem Berghang. Oder die Ruderer auf dem See. Auf diesen Bildern, könnte man meinen, sei alles in Ordnung. Auf den Bildern, die im Museum Bellpark im luzernischen Kriens zu sehen sind, ist tatsächlich alles in Ordnung – und paradoxerweise ist es genau diese Tatsache, die zu einer fast unbehaglichen Irritation führt. Gemeint ist nämlich nicht die Stimmung, die die Fotos vermitteln, sondern der Status quo, den sie darstellen. Der zeigt: Seltsamerweise scheint hier sogar in der Natur draussen wirklich jedes Ding am richtigen Platz – und die von wem auch immer angestrebte Ordnung perfekt hergestellt. Der Mann, der diese Situationen eingefangen hat, heisst Nicolas Faure. Er ist in Genf geboren, heute lebt und arbeitet er als Fotograf in Meyrin im Kanton Genf. International bekannt geworden ist er durch seine Langzeitrecherchen über den urbanen Raum, namentlich durch Bilder über die Autobahnen und Landschaften der Schweiz. Die Ergebnisse dieser fotografischen Studien waren unter anderem in den Ausstellungen «Von einer Schweiz zur anderen» (Fotomuseum Winterthur, 1998), «Autoland – Bilder aus der Schweiz» (Museum für Gestaltung Zürich, 1999) oder «Paysages A – jardins de la vitesse» (Musée de l’Elysée, 2005) zu bewundern. Das System im Zufälligen Quasi als Nebenprodukt dieser Arbeiten sind auch Fotografien entstanden, die – wie der 62-Jährige bemerkt – zwar nicht seinen konzeptuellen Vorlagen entsprachen, ihn aber, was die abgebildete Situation und deren Ästhetik anbelangt, dennoch faszinierten. Anders gesagt: Es sind Bilder, die Nicolas Faure nicht gesucht, aber gefunden hat – und die er dementsprechend als «Findlinge» bezeichnet. In diesen Findlingen erkannte Faure schliesslich ein System, ein Muster. Das brachte ihn auf die Idee, den oft klischierten, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Schweizer Ordnungssinn und die damit einhergehende Befindlichkeit von Land und Volk mit einer Ausstellung zu hinterfragen – und die Bilder als wortlose und trotzdem vielsagende Antworten einzusetzen. In der Schau im Museum Bellpark – sie trägt den wohl bewusst zweideutigen Titel «Alles in Ordnung» – sind nun 25 Grossformatfotografien zu sehen. Angeschrieben sind sie nicht, und das ist clever: Statt nämlich reflexartig das Wo-wie-wann-was? nachzulesen, konzentriert man sich mangels Informationen allein auf das, was man sieht (Wer diese Unwissenheit nicht aushält: Am Museumseingang liegen Infoblätter auf, die die wichtigsten Angaben zu den einzelnen Werken auflisten). Der Drang wirkt wie ein Zwang Was man sieht, wirkt – wie eingangs erwähnt – oft hübsch und harmlos. Doch dann, den Titel der Ausstellung im Hinterkopf, beginnt man unversehens nach der von Faure behaupteten Ordnung zu suchen. Und diese, sobald gefunden, zu reflektieren. Bei der Holzbeige zum Beispiel taucht womöglich die Frage auf: Wieso macht es überhaupt Sinn, von einem Sturm zerstörtes Geäst zu einem Haufen aufzuschichten, den der nächste Sturm sowieso wieder über den Haufen werfen wird? Ist dieser archetypisch helvetische Ordnungsdrang nicht eher ein Ordnungszwang? Ganz ähnlich die Ausgangslage beim Schneehügel, wobei man bei diesem Sujet nicht mal die Gewissheit hat, ob sich die Naturkräfte nicht sogar «freiwillig», also ohne menschliches Zutun, dem hierzulande geltenden Ordnungssystem unterworfen haben – was die Sache dann noch eine Spur unheimlicher machen würde. Eher traurig stimmt dagegen das Motiv eines heruntergewirtschafteten Abstellplatzes. Da steht ein motorloser Volvo, da stapeln sich Holzkisten, Plastikbehälter, Müll, alles kaputt, alles zerschlissen, man sieht eine rostige Schubkarre, einen rostigen Unterstand . . . und mitten drin – ein wenig Zucht und Ordnung muss schliesslich auch im Elend noch sein – ein angebundenes Pony.Die eindrücklichste, weil absurdeste und zugleich lustigste Fotografie ist aber jene, die das Zimmer eines Jugendlichen zeigt. Es herrscht das totale Chaos: CDs, T-Shirts, Jacken, Plüschtiere, Sportutensilien, Masken, Fotos, Magazine und unendlich viel mehr hängt, liegt und steht kreuz und quer im kleinen Raum; der Anblick verursacht einen sturmen Kopf. Doch dann, plötzlich, Spuren eines Ordnungssystems! Die Gamekonsolespiele im Regal scheinen ebenso sortiert wie die Kassetten, zwei Baseballmützen liegen aufeinander, die Fähnchen der Schweiz und der UBS hängen nahe zusammen. Es ist nicht mehr als ein Ansatz – doch einer, der die Mutter des Teenagers frei nach dem Motto «Dann ist mit ihm ja wohl alles in Ordnung» beruhigen dürfte. Nicolas Faure: Alles in Ordnung. Bis 26. 2. 2012, Museum Bellpark, Luzernerstr. 1, Kriens. www.bellpark.ch Seltsamerweise scheint in der Schweiz sogar draussen in der Natur jedes Ding am richtigen Platz zu stehen. Selbst im grössten Chaos eines Teenager-Zimmers herrscht eine Art System. Fotos: Nicolas Faure, Courtesy Museum im Bellpark Kriens Bei diesem Schneehügel macht es den Anschein, als hätte sich die Natur freiwillig der helvetischen Ordnung unterworfen.

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