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«Insassen betrachten uns nicht als ihre Feinde»

Der Gefängnisaufseher hat es mit Schwerverbrechern zu tun. Trotzdem glaubt Axel Erbean das Gute im Menschen.

Mit Axel Erbesprach Regine Imholz Im Meilemer Gefängnis sitzen auch Mörder und Vergewaltiger. Haben Sie keine Angst? Nein. Die Insassen betrachten uns nicht als ihre Feinde. Natürlich zeigen sie uns gegenüber anfangs Unsicherheit und Misstrauen. Und sie wollen ihre Grenzen ausloten. Im Notfall weiss ich mich jedoch zu wehren. Haben Sie sich je wehren müssen? Einmal unternahmen sieben Insassen zusammen einen Ausbruchsversuch. Plötzlich packten sie einen Tisch, rammten ihn in die Tür, brachen sie auf und türmten aus dem Arbeitsraum. Die meisten waren schnell gefasst, doch einer versteckte sich in einem Kasten. Zusammen mit einem Kollegen musste ich ihn da rausholen. Ich hatte dabei ein mulmiges Gefühl. Schliesslich ging die Geschichte für alle glimpflich aus. Als Gefängnisaufseher verfügen Sie über Macht. Kommen Sie in Versuchung, diese auszuspielen? Dieser Ort ist definitiv der falsche für Machtdemonstrationen. Ich begegne den Menschen mit Respekt – auch hier. Denn ich will mit ihnen zusammenarbeiten, etwas leisten. Dieser Respekt ist meistens gegenseitig. Und sichert uns einen friedlichen Tagesablauf. Gilt Ihr Respekt auch Kinderschändern und Vergewaltigern? Bei diesen Insassen darf ich nicht darüber nachdenken, was sie verbrochen haben. Ich behandle sie wie die anderen. Doch untereinander gehen sie nicht zimperlich um. Ein Kinderschänder lebt im Gefängnis gefährlich. Und weil er das weiss, redet er nicht über seine Taten. Sie treffen täglich auf die Abgründe der menschlichen Seele. Glauben Sie an das Gute im Menschen? Dieser Glaube ist unangetastet. Man darf nicht vergessen, dass es auch im Gefängnis zu rührenden Szenen kommt: Wir hatten einen Afrikaner, der zum ersten Mal in seinem Leben Schnee sah. Er zog sich die Socken aus und rannte jubelnd durch den Schnee. Ist es schon vorgekommen, dass Sie nach der Entlassung noch Kontakt zu einem ehemaligen Insassen pflegten? Nein, denn ich gebe meine Identität nicht preis – zum Schutz meiner Familie. Ich trenne meinen Beruf und mein Privatleben. Wenn es in Ihrer Macht läge – was würden Sie im Strafvollzug ändern? Ich finde den Ablauf im Strafvollzug richtig. Schade finde ich, dass Insassen aus Platzgründen gelegentlich auf die Einweisung warten müssen. Für sie ist die Zeit hier lange und sie können es kaum abwarten, unter anderen Haftbedingungen zu leben. Haftbedingungen, die ihnen ermöglichen, ihre Frauen ohne Trennscheibe treffen zu können. Axel Erbe Der Karosseriespengler (46) war unter anderem Matrose, Dachdecker und Schreiner, bevor er in Meilen Gefängniswärter wurde.

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