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In den Abgründen der Seele wühlen

Der Adliswiler Pfarrer Achim Schellpeper-Kuhn und seine Frau Regina haben einen Krimi geschrieben. Ermordet wird darin – ein Pfarrer.

Von Nicole Trossmann Adliswil – In der Wohnung stechen als Erstes die Wände ins Auge. Die sind übersät mit gerahmten Fotos der drei Kinder, dazwischen hängen zwei übergrosse Kunstdrucke. Eine hohe Wanduhr erfüllt die nachmittägliche Stille des Wohnzimmers mit lautem Ticken. Achim und Regina Schellpeper-Kuhn sitzen am Tisch im Wohnzimmer. Hier haben sie gemeinsam einen Krimi geschrieben: «Hohe Kunst und eine Leichwe». «Zu schriftstellerischen Rivalitäten ist es nicht gekommen», betont sie: «Im Gegenteil, ein Buch ist ein gutes gemeinsames Projekt.» Zudem sind die jeweiligen Beiträge klar getrennt: Er schrieb den Lauftext, sie verfasste die Tagebucheinträge von Kommissar Imbodens Frau. Die Idee zum Buch hatte er. Auf langen Spaziergängen und bei einem Glas Rotwein auf dem Balkon hat das Paar die Geschichte dann aber gemeinsam ersonnen – alles in allem dauerte der Entstehungsprozess vier Jahre. Ein Kritiker, der das Buch bereits gelesen hat, ist einer der drei Söhne. Sein Urteil murmelte er beiläufig: «Doch, gut.» Sein Vater meint augenzwinkernd: «Wenn man die Aussage unseres 15-Jährigen übersetzt, bedeutet das: Das Buch ist grossartig.» Story mit lokalem Bezug Das Titelbild ziert scheinbar eine Blutlache; bei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich als rote Farbe aus einer Tube, in deren Pfütze goldene Schokoladentaler liegen. Ermordet wird – wie könnte es anders sein – ein Pfarrer. Die Geschichte spielt in Zürich, auch Oberrieden und Rüschlikon kommen vor. Es geht um ungewollte Kinderlosigkeit und Genmanipulation, darum, wie der Mensch in den Lauf der Natur eingreift. Diese Thematik trägt autobiografische Züge: In Achim Schellpeper-Kuhns Verwandtschaft gab es vor Jahren einen tragischen Fall, in dem sich ein werdender Vater ein Kind mit besonders starkem Knochenbau wünschte. Die Mutter schluckte daraufhin Unmengen von Pillen. Das Kind kam zwar gesund zur Welt, jedoch mit derart starken Schädelplatten, dass das Hirn am Wachsen gehindert wurde – das Kind blieb in seiner geistigen und motorischen Entwicklung zurück. Verkappter Gottesdienst Schreibende Pfarrer scheinen eine besondere Neigung zu Krimis zu haben, wie etwa auch Ulrich Knellwolf beweist. Achim Schellpeper-Kuhn sagt, er lese Knellwolfs Krimis gerne, aber als Konkurrent sehe er ihn nicht: «Er schrieb schon viel mehr als ich.» Und doch: Wieso musste es gerade ein Krimi sein? «Krimis sind spannender als Liebesromane, und die Leute verschlingen sie, auch meine Frau und ich», erklärt er. Und als Pfarrer beschäftige man sich unweigerlich mit den Abgründen der menschlichen Seele: «Eigentlich ist ein Krimi ein verkappter Gottesdienst.» Regina Schellpeper-Kuhn schüttelt den Kopf: «Das finde ich nicht.» Der Pfarrer fragt zurück: «Aber geht es beim Krimi nicht wie beim Gottesdienst um Themen wie Schuld und Vergebung?» Sie wendet ein: «Krimis liest man alleine, im Gottesdienst aber ist man in der Gemeinschaft.» Ihr Mann nickt, zitiert aber eine Studie, welche die Auswirkungen der US-Serie Dallas, die in den 80er-Jahren im Fernsehen lief, untersuchte: Zuschauer hätten das hinterlistige Verhalten innerhalb der Familie nicht adaptiert, sondern seien im Gegenteil liebevoller geworden. «Literatur kann also auch eine läuternde Funktion haben», sagt Schellpeper-Kuhn – um eilends nachzuschieben: «Aber selbstverständlich ersetzt ein Krimi nicht den Gottesdienst; das will ich doch noch gesagt haben.» Morgen Donnerstag um 20 Uhr lesen Achim und Regina Schellpeper-Kuhnim Adliswiler Schulhaus Kronenwiese aus ihrem Krimi «Hohe Kunst und eine Leiche».

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