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Im Altersheim sorgen Quartierbewohner für Unterhaltung

In den letzten Jahren haben die städtischen Altersheime ihr Veranstaltungsangebot deutlich ausgebaut. Die neuste Eventreihe heisst «Thank You For The Music».

Von Carmen Roshard Es ist Samstagnachmittag im Garten des Altersheims Selnau am Schanzengraben. Fast jeder Stuhl im weissen Plastikzelt ist besetzt. Alle lauschen sie den besinnlichen Klaviertönen junger Schülerinnen. Die einen mit wachem Blick, andere scheinbar eingenickt. Draussen tanzen die Blätter der Hecken im warmen Spätsommerwind, als wären sie Teil der Choreografie. Die Klavierschülerinnen von Renata Condrau tragen kurze Stücke der komponierenden Heimbewohnerin Lucia Witte vor. «Les miniatures de Lucia Witte» sind ihrer grossen Liebe gewidmet, die eine unglückliche war. Eine Uraufführung gar soll es sein, erfahren wir von Heimleiter Gabriel Eichenberger. Als der Applaus einsetzt, tauchen auch die scheinbar Eingenickten wieder in der Wirklichkeit auf. Wohin sie wohl im Geiste gereist sind? Diese Frage bleibt unbeantwortet, denn gleich gehts mit Nachbarn aus dem Quartier weiter. Jürg Graser sitzt am Klavier, Lukas Schweingruber spielt Geige. Das Programm für die Eventreihe «Thank You For The Music» der städtischen Altersheime hat Heimleiter Gabriel Eichenberger selber zusammengestellt. Zwischendurch sorgt das Komikerduo United Nonsens für Lacher, und als bei einem Sketch Heimleiter Eichenberger auf die Bühne muss, ruft eine Heimbewohnerin: «Das ist aber der Heimleiter!» Fast die Hälfte der 27 Bewohnerinnen und Bewohner hat sich im Garten eingefunden. «Das ist für mich ein Erfolg», freut sich Eichenberger. Das grosse Lob gebühre aber Ueli Schwarzmann, Direktor der Stadtzürcher Altersheime. Seit dieser sein Amt vor ein paar Jahren angetreten habe, würden in den städtischen Altersheimen jedes Jahr Veranstaltungen unter einem speziellen Motto stattfinden. Heuer eben «Thank You For The Music». Ist die Eventitis ausgebrochen? Neben besinnlichen Anlässen wie dem heutigen stehen aber auch härtere Geschütze am Start. Zum Beispiel Rocksängerin Vera Kaa und der singende Gastrokritiker Böni im Altersheim Kalchbühl, oder im Rebwies in Zollikon das bekannte Ars-Amata-Sextett; dazu gibts ein Picknick mit «Butler-Service». Im Klus Park wird «Die Madonna und die Leiche im Park» aufgeführt, ein eigens für die neue Eventreihe entwickeltes Krimi-Theater. Und auch die Bucktown Jazz Band oder der über die Stadt hinaus bekannte Sydefädeli-Chor mit Sängerinnen aus der Trachtengruppe Höngg werden den Betagten ein paar heitere Stunden bescheren. Im neuen Projekt gab es für die Heimleitungen klare Vorgaben: Für die Unterhaltung sollen Künstler sorgen, die im Quartier wohnen oder eine enge Beziehung dazu haben. Ist bei den Betagten die «Eventitis» ausgebrochen? Er fühle sich zwar im neusten Projekt, dessen Titel sie von Abba «gestohlen» hätten, schon ein bisschen wie ein Eventmanager, sagt Olaf Toggenburger, Abteilungsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung der Altersheime der Stadt Zürich. Vergnügungssüchtig seien die Altersheimbewohner aber nicht. Die Veranstaltungen brächten Leben ins Altersheim und somit auch ins Quartier. Ein Strom von Besuchern gehe so hinein und hinaus, und Heimbewohner könnten ihre Kontakte im Quartier pflegen. «Unsere Heime sollen mehr sein als zeitgemässe Wohngemeinschaften für betagte Menschen», sagt Toggenburger. Und Musik eigne sich nun mal am besten als verbindendes Element. Singende Schulkinder, Musikanten aus dem Quartier und rockende Schülerbands verbinden und machen froh. «Und was gibt es Schöneres, um die Verbundenheit unserer Heime mit der Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen?», fragt Toggenburger. So fühlten sich die Bewohnerinnen und Bewohner der Altersheime nicht vom Quartier abgeschottet, sondern integriert. Ohne Sponsoren geht es nicht Wie es sich für einen richtigen Event gehört, gibt es für das neue Projekt eine lange Liste von Sponsoren. «Da uns für die Öffentlichkeitsarbeit nur wenig Geld zur Verfügung steht, sind wir auf Sponsoren angewiesen – ohne sie geht es nicht», sagt Olaf Toggenburger. Es gebe aber immer wieder Künstler, die wegen des guten Zwecks zu einem Spezialtarif auftreten. Und: «Ohne die Hilfe unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und vieler Freiwilliger wären solche Projekte nicht möglich.» «Vor 20 Jahren war das Unterhaltungsangebot in den Altersheimen noch nicht so vielfältig wie heute», doch das habe mit der gesellschaftlichen Situation zu tun, sagt Toggenburger. «Alt sein und im Heim leben hat heute durchaus seine schönen Seiten», und der Kontakt zum Quartier erhöhe die Lebensqualität. Die Bewohnerinnen und Bewohner würden sich freuen, es laufe etwas. Das kann der über 90-jährige Angelo Dal Monego im Altersheim Selnau heute Nachmittag bestätigen: «Jeden Samstag ein Konzert, das fände ich schön.» «Thank You For The Music» läuft noch bis November. www.thank-you-music.ch Loretta Eichenberger trägt ein Stück der komponierenden Heimbewohnerin Lucia Witte vor. Foto: Thomas Burla

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