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Hoffen auf den grossen Entwurf Miranda Kaloudis, 24, Zürich-Albisrieden Ursina Bleuler, 24, Uster Jean-René Wyss, 26, Zürich-Höngg

Morgen präsentiert das Institut Modedesign Basel, was seine Absolventen können. Auch drei Zürcher zeigen ihre Kreationen. Sie träumen von einer Zukunft in der Modebranche.

Von Sarah Rüegger Viele Träume, harte Realität. Mode verspricht Glamour, Lifestyle, Identität. Doch sie ist vor allem eins: eine Industrie mit eigenen Regeln und enormem Konkurrenzdruck. Durchschnittlich 20 Designer schliessen an der einzigen staatlichen Modedesignschule der Schweiz in Basel jedes Jahr mit dem Bachelor ab. Sieben Semester dauert das Studium, im fünften Semester geht es ins Praktikum. Mindestens 7 Outfits und 15 Kleiderteile müssen es für die Bachelor-Kollektion sein; dazu gehören auch eine Theorie- und eine Bildarbeit sowie die abschliessende Präsentation. Auch zwei Zürcherinnen und ein Zürcher haben es geschafft – und schreiten nun in eine ungewisse Zukunft. Sportlich-funktionale Mode Durchsetzungsstark, weltoffen und temperamentvoll – so beschreibt Miranda Kaloudis ihre wichtigsten Eigenschaften. Die 24-Jährige tritt energisch auf. «Das Temperament verdanke ich meinen griechischen Wurzeln.» Ihre Mutter, eine gebürtige Schweizerin, arbeitete in den Achtzigern als Reiseleiterin. In Griechenland lernte sie Mirandas Vater kennen, blieb bei ihm auf der Insel Korfu und eröffnete ein Reisebüro. Dann flaute der Tourismus-Boom auf Korfu endgültig ab, das Geld wurde knapp. Die Mutter zog mit der zehnjährigen Tochter zurück nach Zürich. Miranda Kaloudis wuchs zweisprachig auf, beherrschte jedoch kein Hochdeutsch: «Ich fühlte mich in der Schule wie ein Idiot. Und die anderen Kinder fanden meine offene Art fremdartig.» Ihre turbulente Kindheit habe sie gelehrt, früh Verantwortung zu übernehmen. «Heute bin ich froh um meine Durchsetzungskraft.» Monate auf der Luftmatratze Als Teenager begann Kaloudis Fan-T-Shirts von Metal-Bands umzunähen, weil diese damals nur in Männergrössen erhältlich waren. «Ich nietete, schnürte und zerschnitt die Shirts, dabei wurde mir klar: Das wird mein Beruf.» Nach dem Gymnasium und dem gestalterischen Vorkurs bewarb sie sich in Basel – und wurde angenommen. Im Gegensatz zu den meisten Mitstudenten zog sie nie in die Rheinstadt: «Dafür hänge ich zu stark an Zürich.» Nur während der Diplomzeit teilte sie sich mit Schulkollege Jean-René das Zimmer einer Studienfreundin, die gerade im Ausland war. «Das Zimmer war komplett leer und unbeheizt. Ich schlief auf einer schlechten Luftmatratze – Jean-René auf einem klapprigen Feldbett von Aldi.» Kaloudis setzt in ihrer Diplomkollektion auf Funktionalität. 14 Regenjacken werden mit dem immer gleichen Overall getragen. Ein sportlicher Einheitsbrei? Durchaus nicht. Spielerisch lassen sich ihre Teile transformieren, aus der Tasche wird eine Jacke, diese hat integrierte Handschuhe. Beobachtungen in der Natur machten die junge Designerin darauf aufmerksam, dass sich diese immer wieder neuen Situationen anpasst. Sie habe diese Wandelbarkeit in ihren Designs erzielen wollen und liess Kleider mit Accessoires symbiotisch verschmelzen. «Ich habe mich zuerst darauf konzentriert, dass diese Verwandlungen technisch funktionieren, ohne gleich daran zu denken, wie es nachher aussieht.» Trotzdem überzeugen die Outfits durch einen starken Look: cool, etwas unheimlich und tragbar. Und 100 Prozent wasserfest: «Es ist ein Vorteil, dass wir in der Schweiz gleich mehrere erstklassige Produzenten für technische Stoffe haben.» Die Absolventin blickt optimistisch in die Zukunft. Zweifel ignoriert sie; für sie zählt nur der Traum Selbstständigkeit. «Zuerst werde ich mich für alle Designpreise bewerben», erklärt sie ihre Strategie. Sie will ihre Sachen verkaufen und möglichst viele Einkäufer auf sich aufmerksam machen. Das Internet berge ein enormes Potenzial bei der Verbreitung ihrer Kleider: «Ich will den Link zu meiner Website möglichst überall platzieren.» Kaloudis will ihr Konzept weiterverfolgen und die Nische der coolen Funktionsmode bedienen: «Meine Jacken sind eine Marktlücke.» Lust am Experimentieren «Im Studium ging es mir vor allem um das Experiment», sagt Ursina Bleuler. Mit Farben und Formen ist die 24-Jährige schon früh in Kontakt gekommen. Ihr Grossvater ist der Zürcher Kunstmaler Karl Landolt – die Mutter ist Szenografin und Kostümbildnerin. «Überall in der Wohnung waren Stoffreste zu finden, daraus nähte ich Taschen und Kleider für meine Puppen», erzählt Bleuler. So kam schon früh das Interesse für Mode. Darum entschied sich Bleuler für eine Damenschneiderlehre an der Modeco Zürich, gekoppelt mit einer gestalterischen Berufsmatura. Gleich anschliessend bekam sie die Zusage des Instituts Modedesign in Basel. Die Ausbildung sei sehr vielseitig gewesen; man habe vom Nähen und Entwerfen über Grafik bis hin zum Videoschnitt alles gelernt. Und sie habe immer viele Freiheiten gehabt: «Ich konnte das Studium als Experimentierfeld nutzen. Ich entwarf beispielsweise mit Spraydose und Klebband eigene Stoffe.» Als Tochter eines Bauingenieurs interessiert sie sich zudem für die Konstruktion von Kleidern und will wegkommen vom klassisch-westlichen Schnittsystem. «Ich arbeite oft sehr direkt am Körper, wickle ihn spontan mit Stoff ein.» So stellte Bleuler auch in ihrer Diplomkollektion eigene Stoffe und Muster und ihr eigenes Schnittsystem ins Zentrum. Die Kollektion basiert auf zwei Regeln: Jedes Kleidungsstück ist flach ausgelegt ein Rechteck. Und: Alle 15 Kollektionsteile müssen in eine Tasche passen, die wiederum ein Rechteck ist. Die Idee dazu kam ihr während ihres Praktikums in New York. «Diese Stadt ist hektisch – man ist immer unterwegs.» So kam der Gedanke einer Komplettausstattung für den Stadtalltag. Auch die nächtlichen Lichter New Yorks blieben als Bild im Kopf: «Von einer kleinen Zürcher Firma liess ich diese flüchtigen Eindrücke als Hologramme auf Textil drucken.» Diese eher steifen Gummiplatten geben der Kollektion eine grafische Strenge, welche durch gewickelte, weiche Stoffe wieder gebrochen wird. «Meistens produziere ich massenhaft Entwürfe, einfach direkt an den Körper gewickelt. Danach koche ich die zig Ideen wieder ein auf die wirklich wichtigen Elemente, die Essenz.» Schlüsselerlebnis New York Das Thema New York kommt immer wieder auf, es scheint, als hätte ihr das Praktikum beim Designer Yigal Azrouel die Bestätigung für ihren Platz in der Modewelt gegeben. «Man hat mir schnell grosses Vertrauen entgegengebracht.» Das verdankt sie ihrer vielseitigen Ausbildung: «Dadurch hatte ich einfach das breitere Know-how.» Dieses fehle den anderen, meist spezialisierteren Praktikanten oft noch. So stieg Bleuler in ihrer Praktikumszeit zur persönlichen Designassistentin von Azrouel auf, setzte seine Entwürfe in erster Instanz um, liess eigene Ideen einfliessen. «Das hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben.» Deshalb strebe sie vorerst eine Anstellung bei einem grossen Label im Ausland an. «Mir ist eigentlich egal, wohin es geht. Hauptsache, ich komme in eine Grossstadt.» Das Einfache – aber kompliziert «Ich stand vor vier Jahren vor dieser Schule und sagte mir: Mann, wenn du es hier reinschaffst, das wäre das Grösste.» Jean-René Wyss wollte selber nicht wirklich daran glauben, dass er die Aufnahmeprüfung ans Institut Modedesign schaffen würde. Und doch war er einer der 20 Studenten, die im Oktober 2007 ihr Studium an der Fachhochschule begannen. Dabei hatte Wyss zuerst eine andere Richtung eingeschlagen. Der Sohn einer chinesischen Mutter und eines Schweizer Vaters entschied sich nach der Atelierklasse (eine gestalterische Alternative zum 10. Schuljahr), eine Lehre zum Dekorationsgestalter im Globus Zürich zu machen. Beim Ankleiden der Büsten fand er Gefallen an der Mode und begann nach der Lehre eine einjährige Ausbildung zum Fashion Assistant an der Schweizer Textilfachschule. Dort erwarb er Basiswissen zu Schnitttechnik und Verarbeitung. «Da hat es mich voll gepackt: Ich war im Fashion-Fieber.» Als sich einige Mitschüler für das Studium in Basel bewarben, wurde auch er auf die Schule aufmerksam. Die Zeit in Basel sei zweischneidig gewesen, erzählt Wyss. Zum einen war es eine tolle Zeit, er habe viel gelernt, habe ein tolles Praktikum absolvieren können. Doch vor allem sei es eine harte Lebensschule gewesen. Gegen Ende des Diploms hätten er und seine Kollegen mehr als 18 Stunden pro Tag gearbeitet, viele Mitstudenten hätten ihr wahres Gesicht gezeigt: «Die Nerven lagen blank», sagt Wyss. Er selber geriet unter enormen Zeitdruck. «In der Nacht vor der Diplompräsentation habe ich noch ein neues Schnittmuster gemacht. Das Kleid musste am nächsten Tag für die Präsentation fertig sein.» Charismatische Chefin Wyss hat seinen Bachelor dann doch geschafft und plant jetzt seine Zukunft. Gerne möchte er wieder an seinem Praktikumsort arbeiten, denn dieses hat der 26-Jährige bei keiner Geringeren als Vivienne Westwood absolviert. «Die Arbeit bei Vivienne war extrem spannend.» Wyss hat seine Chefin als sehr menschlich und charismatisch erlebt. Westwood habe einen ähnlichen Ansatz in der Mode wie er: «Auch sie hält nicht viel von gewöhnlichen Schnittmustern, die immer gleich funktionieren.» Er habe viel Verantwortung übertragen bekommen und konnte eigene Designvorschläge einbringen. Was Wyss bei Westwood gelernt hat, kann man in seinen Designs sehen: Beim Stoff wird nicht gespart, Drapees erzeugen Volumen. Doch deren Komplexität täuscht: «Die Schnitte zu den drapierten Teilen entstanden aus simplen Grundformen, wie Drei- und Rechtecken.» Wyss folgt dem Konzept «Initial Simplicity». Anfängliche Einfachheit trifft auf vermeintliche Komplexität. «Oft wurde das Einfache sehr kompliziert. So kompliziert, dass ich wieder von vorne beginnen musste, sonst hätte ich das Konzept gesprengt.» Wyss sucht in der Einfachheit Harmonie. Er mag Mode, die zugänglich und schön ist: «Ich bin Perfektionist und will, dass meine Sachen gefallen.» Wenn er sich jetzt bewerbe, werde er sich natürlich nicht nur auf Westwood konzentrieren, sondern bei möglichst vielen grossen Labels anklopfen, sagt Wyss. Hauptsache, er muss nicht mehr als Praktikant arbeiten: «Ich will mich endlich beweisen.» Präsentation der 18 Abschlussarbeiten morgen Samstag ab 17 Uhr in der Kaserne Basel, Reithalle. www.doingfashion.ch Miranda Kaloudis Die 24-Jährige stellt bei ihren Entwürfen die Funktionalität in den Vordergrund. Ursina Bleuler Für ihr Diplomstück liess sich die 24-Jährige vom hektischen Alltag in New York inspirieren. Jean-René Wyss Der 26-Jährige will an seinen Praktikumsplatz zurück: zu Vivienne Westwood. Ursina Bleulers Kleider sind eigentlich Konstruktionen. Eine von Miranda Kaloudis’ 14 funktionellen Regenjacken.Fotos: PD Beim Stoff wird nicht gespart: Entwurf von Jean-René Wyss.

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