Zum Hauptinhalt springen

«Heroisch ist unser Alltag wirklich nicht»

Jörg Wydler hat einen Beruf, der verklärt wird wie nur wenige: Er ist der neue Chefchirurg am Spital Männedorf. Nach den ersten 100 Tagen erklärt er seine Linie und räumt mit Mythen auf.

Das Image von Chirurgen ist stark geprägt von den sehr populären Arztserien am TV. Wie viel haben diese mit der Realität zu tun?

Frei erfunden sind sie sicher nicht. Aber in solchen Sendungen werden oft Sonderereignisse aneinandergereiht, wie wir sie in der Realität vielleicht einmal im Jahr haben: dramatische Szenen, Reanimationen und so weiter. Auch das Bild des Arztes als Lebensretter ist überzeichnet. Es kommt nur selten vor, dass man einen verzwickten Fall mirakulös lösen kann. Im Fernsehen wird aber auch ein anderes Bild gezeichnet: Jenes vom Karrieristen im weissen Kittel, der vor lauter Ehrgeiz den Patienten vergisst. Ein Klischee?

Es ist zwar überspitzt dargestellt, aber an gewissen Spitälern gibt es das - vor allem dort, wo jene Mediziner zusammenkommen, die extreme Karrieren anstreben. In der Ausbildung herrscht zum Teil ein sehr harter Konkurrenzkampf, und weil es entscheidend ist, selbst operieren zu können, setzen manche ihre Ellbogen ein. Ich selbst musste das nie machen - aber vielleicht hatte ich einfach Glück. Was denken Sie, was die Leute an Ihrem Beruf so fasziniert?

Vielleicht ist es das Heroische, das den Arzt im Fernsehen umgibt. Dabei ist unser Alltag nicht wirklich heroisch. Was fasziniert Sie selbst an Ihrem Beruf?

Ich finde es den schönsten Beruf, den es gibt. Man hat mit Leuten zu tun, ist intellektuell gefordert, aber auch manuell und technisch. Und wenn die Zusammenarbeit im Team funktioniert, ist das ein wunderbares Erlebnis. Sie sind jetzt seit 100 Tagen Chefchirurg in Männedorf. Hat hat sich seit Ihrem Antritt etwas markant verändert?

Ja, mit einem Chefarztwechsel ändert meistens der Stil: Mir ist die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen extrem wichtig. Wir haben zum Beispiel seit ein paar Wochen einen Rat für Magen-Darm-Erkrankungen: Da kommen regelmässig Chirurgen, Diagnostiker und Radiologen zusammen und diskutieren über interessante Fälle. Das ist extrem spannend und bringt nicht nur die Ärzte weiter, sondern vor allem auch die Patienten. Ist denn eine solche interne Zusammenarbeit in einem Spital nicht selbstverständlich?

Nicht in dieser engen Form, wie wir das jetzt machen. Darauf setzen wir einen echten Schwerpunkt. Und welche fachlichen Spezialitäten bringen sie als Chirurg mit?

Unter anderem habe ich eine breite Erfahrung mit den sogenannten minimal-invasiven Eingriffen, also Eingriffen mit nur sehr kleinen Einschnitten in die Haut. Aber es gibt auch noch Situationen, in denen Sie einem Patienten den Bauch auf konventionelle Art öffnen müssen.

Ja. Der Trend geht zwar dahin, dass man sich von der «Schlüsselloch-Chirurgie» noch mehr reduziert: auf ein einziges Loch, durch das man mit der Videokamera und den Instrumenten eindringt - das ist eine interessante Tendenz. Aber es gibt immer noch Eingriffe, bei denen das meiner Meinung nach nichts bringt, zum Beispiel Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse. Was ist denn der Vorteil der kleinen Schnitte?

Der ganz grosse Vorteil ist meiner Ansicht nach, dass dies den Arzt zwingt, viel schonender zu operieren. Er hat durch die Kamera bloss einen Röhrenblick, und wenn es nur ein bisschen zu bluten beginnt, sieht er gar nichts mehr; dann ist alles rot. Man muss deshalb die Technik verfeinern - was sich auch bei offenen Operationen bezahlt macht. Der Haken an der Sache dürfte sein, dass dieser Fortschritt nicht gratis zu haben ist. Sind die Kosten ein Problem?

Tendenziell sind solche Verfahren wegen der notwendigen Technik und der Werkzeuge sicher teurer. Allerdings muss der Patient danach weniger lang im Spital bleiben, so dass es unter dem Strich doch weniger kostet. Nicht jede medizinische Neuerung ist zwangsläufig wünschenswert, bloss weil sie machbar ist. Gibt es chirurgische Eingriffe, auf die man ihrer Meinung nach getrost verzichten könnte?

Das betrifft eher die Lifestyle-Chirurgie, die wir hier in Männedorf nicht betreiben und auch nicht betreiben wollen. Ethische Dilemmas bleiben uns daher zum Glück erspart. Wir konzentrieren uns auf vernünftige Eingriffe und haben damit genug zu tun. Wir wollen nicht Patienten anlocken, nur um irgendetwas operieren zu können - obwohl ich natürlich extrem gerne operiere, sonst wäre ich nicht Chirurg geworden. Der Fachjargon der Ärzte hat einen technischen Unterton. Sind Sie eine Art Techniker, der den Körper als Maschine betrachtet?

Natürlich hat unser Beruf etwas sehr Handwerkliches, aber Menschen sind keine Maschinen. Jeder reagiert ganz anders auf eine Erkrankung oder eine Operation. Hinzu kommt, dass zum Beispiel ein Tumor von Fall zu Fall sehr unterschiedlich ist. Da kann ich als Arzt nicht nach Schema F vorgehen, sondern muss die Behandlung mit den Kollegen eingehend besprechen und vorbereiten. Dabei betrachten Sie erkrankte Körper mit professionellem Blick, haben also ein ganz anderes Verhältnis dazu als die Patienten. Redet man da nicht zwangsläufig aneinander vorbei?

Ich glaube, dass mich die Leute verstehen, aber ich muss das immer wieder überprüfen. Mir ist es extrem wichtig, dass die Patienten nicht schicksalsergeben sind. Sie sollten wissen, was man mit ihnen macht und welche Komplikationen bei einem Eingriff auftreten könnten - denn irgend etwas kann immer schief gehen. Es gibt keine einfachen Operationen. Haben Sie selbst auch mal als Patient erlebt, wie man sich in solchen Situationen fühlt?

Nein, aber ich kenne es die Situation trotzdem - und habe dabei auch schon sehr negative Erfahrungen gemacht: So überliessen es die Ärzte einst mir, einem meiner Familienangehörigen zu erklären, wie es um ihn steht. Das war sehr lehrreich für mich: Ich sagte mir, dass es so etwas bei mir sicher nie geben würde.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch