Zum Hauptinhalt springen

HarmoS – Gleiche Chancen für alle Kinder

urs egli

Für einmal ist der Kanton Bern in der glücklichen Lage, gesamtschweizerisch in der Leaderposition zu sein. Im Schulbereich schreitet Bern mutig und wirtschaftsfreundlich voran. Tagesschulen, Blockzeiten, Französisch ab der 3. und Englisch ab der 5.Klasse sind längst beschlossen. Andere Kantone diskutieren erst über die Machbarkeit. Der Kanton Bern ist so weit vorausgeeilt, dass er die meisten Ziele einer harmonisierten Volksschule in der Schweiz (HarmoS) schon erreicht hat. Noch umsetzen muss er Bildungsstandards, den einheitlichen Deutschschweizer Lehrplan und das zweijährige Kindergartenobligatorium. Eine reine Formsache sei die Einführung des zweijährigen Kindergartens, könnte man meinen. Denn bereits heute besuchen vier von fünf Kindern im Kanton Bern während zwei Jahren den Kindergarten – ohne Obligatorium notabene. Ein Ja zum HarmoS-Konkordat würde nur bedeuten, dass auch jene 25 Gemeinden, die aktuell nur den einjährigen Kindergarten anbieten, zum zweijährigen Obligatorium verpflichtet würden. 271 Gemeinden bieten heute den 2-Jahres-Kindergarten bereits an. Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass SVP und EDU gegen das zweijährige Kindergartenobligatorium Sturm laufen und darum das Referendum ergriffen haben. Dass diese beiden Rechtsparteien das Referendum zu Stande gebracht haben, sodass jetzt das Bernervolk am 27.September über den Beitritt des Kantons Bern zum gesamtschweizerischen HarmoS-Konkordat abstimmen muss, erstaunt. Es sind nämlich erst gut drei Jahre her, dass 93 Prozent der Bernerinnen und Berner zum revidierten Bildungsartikel und damit zur Harmonisierung der Volksschulen in der Schweiz Ja gesagt haben. Die Plakatkampagne der HarmoS-Gegner, die bereits im Kanton Luzern zum Erfolg geführt hat, verfehlte ihre Wirkung und damit das Zustandekommen des Referendums nicht. Wohl kaum, weil die Argumente der Gegner so gut waren, sondern weil sich viele von den Aussagen des Plakates fehlleiten liessen: «Schulzwang für 4-Jährige? Nein zur frühen Einschulung von 4-jährigen Kindern.» Dabei wissen die HarmoS-Gegner, die mit dem Bild des weinenden Mädchens auf dem Plakat auf die Tränendrüsen der Eltern zu drücken versuchen, nur zu gut, dass die Kinder nach ihrem 4.Geburtstag nicht in die Schule, sondern lediglich in den Kindergarten eintreten müssen. Dass SVP und EDU mit unkorrekten Propagandamitteln – auf dem HarmoS-Nein-Plakat wird das Wort Kindergarten nie erwähnt – gegen das zweijährige Kindergartenobligatorium kämpfen, wäre nicht einmal nötig. Denn es gibt sehr wohl Gründe, die dafür sprechen, dass Kinder nicht bereits mit 4 Jahren in den Kindergarten gehen sollen. Auch in kinderreichen, nach Ansicht von EDU und SVP intakten Familien, wo ein Elternteil Tag und Nacht für die Kinder da ist, lernen 4-Jährige das Sozialverhalten. Doch die Gegner haben es verpasst, ein alternatives Modell zu fordern. Zum Beispiel: Alle Gemeinden müssen den zweijährigen Kindergarten anbieten, doch können die Eltern wählen, ob sie ihre Kinder ein oder zwei Jahre in den Kindergarten schicken. Dass HarmoS das zweijährige Kindergartenobligatorium rechtlich verankert, ist aber richtig. Denn ein ganzes Regelwerk, das sich positiv auf die Schweizer Bildungslandschaft auswirken wird, nur wegen dem Kindergartenobligatorium bachab zu schicken, wäre fahrlässig. Dies auch darum, weil schon heute fast 90 Prozent der Kinder in der Schweiz zwei Jahre den Kindergarten besuchen. Also sollen auch die restlichen 10Prozent der Kinder dieses Recht haben. Alle Kinder müssen das Recht auf frühe Förderung bekommen, damit alle Kinder die gleichen Start- und Bildungschancen haben. Ein Ja zu HarmoS ist – dem gehässigen und emotional geführten Abstimmungskampf zum Trotz – nicht allein auf die Kindergartenfrage zu reduzieren, sondern ist ein Ja zur längst fälligen Harmonisierung der Volksschulen. Nicht der Kantönligeist darf im Mittelpunkt stehen, sondern die gesamtschweizerische Einheit. Aber ein Ja des Berner Souveräns zu HarmoS ist auch ein Zeichen, dass der ertrags- und finanzschwache Agrarkanton Bern gewillt ist, sich auf die Anforderungen der Gesellschaft und der Wirtschaft auszurichten. urs.egli@bernerzeitung.ch>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch