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Gymnasiastenverstopfen die S-Bahn

Ein Freiburger Professor schlägt eine Kantonsschule in Stäfa vor, um den «Goldküstenexpress» in Stosszeiten zu entlasten.

Von Daniel Fritzsche Es ist 7.30 Uhr, werktags, die S 7 gleitet in Richtung Zürich. Der Geräuschpegel ist tief, alle Passagiere haben ein Plätzchen, niemand muss stehen. Was angesichts der tagtäglichen Situation in den überfüllten Zügen am rechten Seeufer klingt wie eine Illusion, könnte schon bald Realität werden. In der «Weltwoche» hat Reiner Eichenberger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg, eine überraschende These formuliert: Engpässe im öffentlichen Verkehr könnten durch eine Dezentralisierung der Zürcher Kantonsschulen reduziert werden. Geht es nach Eichenberger, sollen in den Städten Zürich und Winterthur künftig nur noch 10 statt 14 Gymnasien stehen. Die ausgemusterten 4 Schulen würden an anderen Orten im Kanton ersetzt werden. Dadurch sollen sich die Pendlerströme der Schüler umdrehen und die S-Bahnen in Richtung Stadt entlastet werden. 600 Millionen sparen Vom Vorschlag aus Freiburg hat die Bildungsdirektion des Kantons Zürich bis jetzt keine Kenntnis genommen. Dabei hätte die These, die auf einer Forschungsarbeit des Master-Studenten Cyril Lilienfeld aufbaut, durchaus Beachtung verdient. Lilienfeld hat unter anderem berechnet, dass die S-Bahnen am rechten Zürichseeufer zur Stosszeit am Morgen zwischen 7 und 8 Uhr zu über 50 Prozent von Gymnasiasten besetzt sind (siehe Tabelle). 1349 Schüler waren es im Jahr 2009, die von der Goldküste jeden Morgen in die Stadt fuhren. Würden diese Passagiere wegfallen, gäbe es mehr Platz für die übrigen Reisenden. Teure Gleisausbauten und das Megaprojekt zur Erweiterung des Bahnhofs Stadelhofen würden vorerst hinfällig. Für mindestens zehn Jahre könnten Infrastrukturausbauten im Bahnnetz des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) ruhen, meint Lilienfeld. Das entspreche Einsparungen in der Höhe von rund 600 Millionen Franken. Zum Vergleich: Für den Bau von vier neuen Schulhäusern in der Peripherie des Kantons veranschlagt der Forscher Kosten von 320 Millionen Franken. Lilienfelds Schlussfolgerung aus der relativ simplen Kosten-Nutzen-Analyse: «Die Dezentralisierung lohnt sich finanziell.» Küsnacht reicht nicht Als Standorte für die vier neuen Schulhäuser empfiehlt die Studie Affoltern am Albis und Dielsdorf. Besonders hoch ist der Bedarf nach einer Kantonsschule im Bezirk Horgen, wo der Anteil an Gymi-Schülern am morgendlichen Pendlerverkehr sagenhafte 56 Prozent ausmacht. Als Standorte kämen etwa Horgen, Wädenswil und Richterswil infrage. Handlungsbedarf gibt es auch am rechten Zürichseeufer – obwohl in Küsnacht heute bereits eine Mittelschule steht. Aufgrund der sozioökonomischen Zusammensetzung der Bevölkerung gibt es an der Goldküste überdurchschnittlich viele Gymnasiasten. Hinzu kommt, dass die Schule in Küsnacht stadtnah gelegen ist und damit ebenfalls zu Engpässen im S-Bahn-Netz beiträgt. Darum empfiehlt Lilienfeld der Bildungsdirektion, den Bau einer Kantonsschule am oberen rechten Zürichseeufer, idealerweise in Stäfa, voranzutreiben. Kürzerer Schulweg Untersucht hat Cyril Lilienfeld auch eine zweite Variante zur Vermeidung von Engpässen im Schienennetz: Der spätere Schulbeginn an städtischen Gymnasien. Damit würde das Problem der überfüllten Züge jedoch lediglich zeitlich verlagert. Wird der Unterrichtsbeginn zum Beispiel auf 10 Uhr angesetzt, würde der Feierabend der Schüler mit dem der übrigen Pendler zusammenfallen. Probleme, die sich mit dem Systemwechsel aus der freien Schulwahl ergeben könnten, wischt Lilienfeld vom Tisch: Die Stadtzürcher Schulen sollten in etwa auf die Anzahl Schüler abgestimmt sein, die im Stadtgebiet wohnen. Ist die Schule voll, sollte den Stadtzürchern ein Vorrecht gegenüber der «Landjugend» gewährt werden. «Diese würden aber sowieso grösstenteils Schulen in ihrer Nähe vorziehen», sagt Lilienfeld.Vor allem aus praktischen Gründen: Der Schulweg wäre kürzer, und Kosten für Bahnbillette könnten eingespart werden. Der Student der Universität Freiburg will seine Idee nun mit Unterstützung von Professor Reiner Eichenberger weiterverfolgen und in die öffentliche Diskussion einbringen. Cyril Lilienfeld macht sich keine falschen Hoffnungen: «Es ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten.» Doch spätestens wenn die Infrastruktur des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) an ihre Grenzen stossen wird, werde man nach alternativen Lösungen zur Bändigung der Pendlerströme suchen müssen. Der Vorschlag aus Freiburg könnte dann plötzlich sehr aktuellwerden. Reiner Eichenberger Der Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg glaubt, dass sich dezentralisierte Gymnasien rechnen.

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