Zum Hauptinhalt springen

Giftgas, Atomtechnik und Bunker: Wie die Schweiz Ghadhafi aufrüstete

Um mit dem libyschen Revolutionsführer ins Geschäft zu kommen, riet die Schweizer Botschaft in Tripolis Unternehmen zu Gefälligkeiten gegenüber Beamten. Daraus ergaben sich militärische Grossaufträge.

Von Maurice Thirietund Thomas Knellwolf Christian Gander, Chargé d’Affaires der Eidgenossenschaft in Tripolis, machte sich am Morgen des 24. März 1971 auf den Weg ins Industrieministerium. Die Firma Gebrüder Bühler aus Uzwil SG hatte in Libyen eine Getreidemühle bauen wollen und war kurz vor Vertragsabschluss mit den Libyern gewesen. Überraschenderweise erhielt aber eine italienische Firma den Auftrag. Gander sollte nun im Auftrag der Gebrüder Bühler im Industrieministerium nachfragen, was schiefgegangen sei. Die Antwort des zuständigen Staatssekretärs war deutlich. Die Bühlers hätten in frecher Art und Weise versucht, den «einfachen und gutgläubigen» libyschen Unterhändler Mabruk über den Tisch zu ziehen. Die Libyer machten klar, dass der nächste Besuch Mabruks in Uzwil einen «befriedigenden Ausgang» nehmen sollte und dass der Wirtschaftsminister daran «persönlich interessiert sei». Sonst kriege Bühler nie mehr einen Regierungsauftrag. Diplomatisch, aber eindeutig Noch am selben Tag empfahl Gander der Firma Bühler, «neue Wege» zu finden, falls sie von der libyschen Regierung je wieder berücksichtigt werden wolle: «Sollten Sie Mittel und Wege finden, mit Herrn Mabruk zu einer für beide Parteien akzeptablen Regelung zu kommen, müsste dies die Aussichten, in Zukunft die Ausführung libyscher Regierungsaufträge übertragen zu erhalten, zweifellos erhöhen», schrieb Gander diplomatisch und doch eindeutig. Diplomat Gander hatte Anfang der 70er-Jahre alle Hände voll zu tun. Der Wüstenstaat wollte sich mit einem Fünfjahresplan in einen Industriestaat verwandeln. Geld spielte keine Rolle. Petrodollars flossen reichlich in Spitäler, Strassen, Universitäten, Flughäfen, Fabriken – und nicht zuletzt in militärische Projekte. Nach dem Staatsstreich Muammar al-Ghadhafis 1969 liessen Schweizer Staats- und Wirtschaftsvertreter wenig unversucht, um mit dem revolutionären Libyen ins Geschäft zu kommen, wie diplomatische Depeschen aus dem Bundesarchiv zeigen. Hohes Risiko für Unternehmen Ohne Geschäftsträger Gander ging dabei wenig. Den Schweizer Industriellen bereitete es grösste Mühe, ins nordafrikanische Eldorado vorzudringen. Staatsaufträge wurden zwar manchmal öffentlich ausgeschrieben – doch meist waren sie zu diesem Zeitpunkt längst vergeben, nach undurchsichtigen Kriterien. Die Libyer pflegten auch sonst eine nach westlichen Massstäben gewöhnungsbedürftige Vertragskultur: Das ganze Risiko lastete auf den Unternehmen, die ihre Projekte vorfinanzieren mussten und verpflichtet waren, ganze Heerscharen unqualifizierter einheimischer Arbeiter anzuheuern und auszubilden. Viele interessierte schweizerische Firmen verzichteten ob dieser Umstände auf ein Engagement in Libyen. Diejenigen, die trotz aller Risiken von libyschen Regierungsaufträgen profitieren wollten, wandten sich an Gander. Dieser wirkte erfolgreich als eine Art Kulturvermittler zwischen Schweizer Unternehmen und der Gefolgschaft Ghadhafis. «Auschwitz im Sand» So fasste die Schweizer Wirtschaft Fuss in Libyen. Sulzer, Escher Wyss, Elektrowatt, Frutiger oder Walo Bertschinger halfen laut der «Handelszeitung» intensiv mit beim Aufbau der arabischen Republik. Über vier Jahrzehnte lieferten Schweizer Firmen auch Kriegsmaterial ans Ghadhafi-Regime – aber offiziell nur im Gesamtwert von 6500 Franken. Die tiefe Zahl hängt damit zusammen, dass viele Rüstungslieferungen nicht bewilligungspflichtig waren oder illegal erfolgten, wie TA-Recherchen zeigen. Giftgas: Schweizer Firmen und Einzelpersonen waren an der Entwicklung von Chemiewaffen in der Sahara beteiligt. Ein Deutscher hatte 1988 eine Fabrik für C-Kampfstoffe nach Rabta geliefert. Seine Millionengewinne aus diesem Geschäft schaffte er nach Erkenntnissen der Mannheimer Staatsanwaltschaft nach Liechtenstein und zum Schweizerischen Bankverein. Die Ermittler kamen nicht an das Geld heran. Nach vier Jahren Haft setzte sich der deutsche Hauptlieferant des Projekts, das unter dem Codenamen «Pharma 150» lief, an der Goldküste des Zürichsees zur Ruhe. In die Vorbereitungen des Baus von «Auschwitz im Sand» («New York Times») waren ein Zürcher Rechtsanwalt und ein Zuger Treuhänder involviert. Laut Auskunft des Bundesrats konnte das gelieferte Material «aufgrund der heute geltenden Gesetzgebung nicht als Kriegsmaterial betrachtet werden». Später entstand «Rabta 2» – wieder mit helvetischer Unterstützung. Der deutsche Bundesnachrichtendienst hielt Mitte der 90er-Jahre fest, die Schweiz habe Gha-dhafis Konstrukteuren Reaktoren, Gaswaschanlagen und Mischer geliefert. In der Kritik stand eine Firma aus Freiburg. Ob Ghadhafi heute noch über chemische Kampfstoffe verfügt, ist ungewiss. Atomwaffen:Ingenieure aus dem St. Galler Rheintal haben am libyschen Nuklearprogramm mitgearbeitet. Den deutschen Maschinenbauer Gotthard Lerch aus Grabs SG hat das Oberlandesgericht Stuttgart wegen der Förderung der Entwicklung von Atomwaffen zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Drei Mitgliedern der Rheintaler Familie Tinner droht eine Anklage in der Schweiz, obwohl sie via US-Geheimdienst CIA auch dazu beitrugen, dass Ghadhafis Atompläne aufflogen. Bunker: Sicherheit vor Atom- und Chemiewaffen bietet ein Luftschutzkeller unter der Ferienresidenz des Gha-dhafi-Clans in der Küstenstadt al-Baida – dank Schweizer Technik. Die Lüftungsanlage hat der mittlerweile ausein-andergebrochene Industrieriese Zell-weger-Luwa fabriziert. Gemäss Experten wurde sie Ende 70er-, Anfang 80er-Jahre gebaut (TA vom 1. März). Festungen: Der damalige SP-Nationalrat Jean Ziegler berichtete 1981 nach einem seiner Besuche bei Ghadhafi, ein Schweizer Baukonsortium errichte «auch Festungen, die den Sitz des Revolutionsführers in der östlichen Vorstadt von Tripolis umgeben». Es entstünden «Gebäude und Villen, darunter jene von Ghadhafi». Befestigte Rampen erlaubten es Panzern, unter den Anlagen durchzurollen. Damals in Libyen tätige Ingenieure bezweifeln Zieglers Darstellung. Stahlhelme, Verschlüsselungstechnik, Hangars: «Bei diesen Stahlhelmen handelt es sich nicht um Kriegsmaterial», beschied die eidgenössische Militärverwaltung gemäss der «Handelszeitung» der Walter Franke AG, die 1973 ihre Helme nach Tripolis liefern wollte. Ebenso erlaubte der Bund den Export von Schweizer Chiffriergeräten und Hangars nach Libyen. Munition: 1970 fragten libysche Beamte Geschäftsträger Gander, ob nicht Schweizer Firmen am Bau einer Munitionsfabrik interessiert wären. Das Aussendepartement pfiff seinen Vertreter in diesem Fall aber zurück, weil es sich dabei um einen Rüstungsauftrag handle. Die Schaffhauser Rüstungsfirma SIG durfte dem Ghadhafi-Regime allerdings Munition liefern. Diskrete Mittelsmänner vor Ort Die meisten Dossiers über die Rüstungsgeschäfte zwischen der Schweiz und Libyen im Bundesarchiv sind noch gesperrt. Freigegebene Akten lassen vermuten, dass das Geschäften mit Ghadhafis Beamten nicht ohne Schmiergeldzahlungen funktionierte. Auch Diplomat Gander riet Schweizer Firmen, diskrete Mittelsmänner vor Ort für scheinbar unumgängliche bezahlte Freundschaftsdienste einzuspannen. «Es empfiehlt sich, hier einen Kontaktmann zu unterhalten», schrieb Gander beispielsweise dem Badener Ingenieurbüro Alpinconsult. «Dieser hätte die Aufgabe, die ausländische Firma über geplante Projekte und Vorhaben, die in der Regel nicht publiziert werden, zu unterrichten und für sie die erforderlichen Formalitäten an Ort und Stelle sofort zu erledigen.» Gander nannte den Namen eines Juristen und eines Ingenieurs, «der bei den libyschen Stellen gut eingeführt» sei, und bat die Alpinconsult, 40 Franken «an das Eidg. Politische Departement, für Mühewaltung zu überweisen». Wer sich keinen libyschen «Berater» leisten konnte, war auf die Recherchen der Diplomaten in Tripolis angewiesen. So versorgte Gander 1971 das Volkswirtschaftsdepartement (EVD) mit einer Liste der geplanten Regierungsprojekte, die er englischen Diplomaten hatte abschwatzen müssen. Muammar al-Ghadhafi 1994 an einer Militärparade in Tripolis. Seine Truppen benutzten auch Schweizer Material.Foto: AFP Bildlegende.Foto: Vorname Name, Agentur Diplomat Gander rät der Bühler AG «Mittel und Wege» zu suchen.Quelle: Bundesarchiv

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch