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Genug Gefeiert

Clubmanager, ein Job wie eine endlose Feier. Doch wie sieht es aus, wenn das Discolicht ausgeht und man nicht mehr weitermachen will? Drei ehemalige Exponenten des Zürcher Nachtlebens erzählen von ihrem Leben nach der Party.

von Yann cherix (Text) und Silvio Waser (Bilder) An brütend heissen Sonntagen ist es für Urs Kind ein bisschen wie früher. Der ehemalige Clubmanager der legendären Clubs Zoo und Q hat das Kommando über eine wartende, etwas ungeduldige Menschenmenge im Freizeitlook. Doch statt aufgedrehte Partypeople dirigiert er jetzt Badegäste, die Wienerli mit Brot oder Pommes bestellt haben. Seit diesem Sommer ist Kind in der kleinen Badi Schmerikon der Pächter des Kiosks. Hier, im beschaulichen Dorf am Obersee, hat er sich eine neue Existenz aufgebaut. Was in der Stadt am anderen Ende des Gewässers läuft, interessiert den Mann, der während 15 Jahren ein Alphatier des Zürcher Nachtlebens war, nicht mehr. «Und, bitte, hör mir auf mit der Street-Parade», sagt er. Im Rahmen des Techno-Volksfests, das auch noch nach 20 Jahren bis zu einer Million Leute in die Stadt lockt, hat er sich jeweils durch 24-Stunden-Schichten geackert und die Emotionen von verschmähten Casanovas und überforderten Prinzessinnen in High Heels zu zähmen versucht. Urs Kind durchlebte wirre, wilde, von Hormonen und Alkohol durchtränkte Nächte. Immer in den Gedanken dabei: die Kasse. Denn für die meisten Clubs sind die drei Nächte im August aus finanzieller Sicht fundamental. Am Street-Parade-Wochenende kann der übliche Umsatz pro Abend doppelt so hoch ausfallen. Neben vielen Schweizern drängeln sich vor allem motivierte Italiener und Deutsche in die Clubs. Urs Kind nimmt für sich in Anspruch, in den besten Jahren seinem Arbeitgeber, dem grössten Technoclub der Stadt, Umsätze im mittleren sechsstelligen Bereich beschert zu haben. Es waren Zeiten, als der gebürtige Zürcher zum Takt der schnellen Beats mit Millionären im Q feierte, einen gebrauchten Rolls-Royce fuhr und nie, aber wirklich nie zu Hause dinierte. Urs Kind war überall auf der Gästeliste, besass eines der exklusivsten Adressbücher und umgab sich mit schönen Frauen. «Ich hab dieses Leben komplett durchgespielt», erklärt er. Forsches Auftreten, viel Verve Soeben ist in Schmerikon eine der Fritteusen rauchend kaputt gegangen, und das just kurz vor dem grössten Andrang. Der 42-Jährige wirbelt in Hemd und Hose zwischen beleibten Männern und Mädchen im Bikini herum. «Das ist jetzt hier mein Ding. Das Nachtleben kann mir gestohlen bleiben, mehr noch: Ich ertrage dieses oberflächliche Business schlichtweg nicht mehr», sagt Urs Kind und reicht einem Knirps eine Portion Pommes. Dann ruft er durch die Luke des Kiosks: «Der Nächste!» Der Blick zurück muss für ihn nicht einfach sein. Er war einst ein stadtbekannter Akteur, der mit forschem Auftreten, aber auch viel Verve auffiel. Dann begannen aber die Nerven zu flattern. Während Streitereien und Stress früher an ihm abprallten, gingen ihm diese Dinge plötzlich nahe. Und als ein junger Mann eines Tages mit geladener Pistole vor seinem Club auf ihn wartete, kam er vollends ins Grübeln. Seine Gefühlswelt, die er lange mit einem dicken Panzer ummantelt hatte, drängte hervor. Urs Kind umschreibt es so: «Wenn du um elf den Club aufmachst und keine lächelnde Primaballerina bist, musst du nach Hause gehen.» 2006 erlitt Urs Kind ein Burn-out. Seither ist er raus aus dem Geschäft. 40 000 Personen, 100 Clubs Der Mann vom Badi-Kiosk ist nicht der Einzige, der dem verführerisch heissen Discolicht zu nahe gekommen ist. In dieser Branche arbeitet man wie in jedem anderen Showgeschäft mit kurzen Halbwertszeiten. DJs sind in, dann bald wieder out, Lokale gehen auf und sind bald wieder zu oder wechseln den Betreiber. Der Verschleiss an frischen Kräften ist gross. Und die Clubs, in den frühen 90ern noch rauchige, handgestrickte Treffpunkte für ein paar Eingeweihte, haben sich längst zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Bankenstadt entwickelt. Besonders seit 1998 das Wirtepatent abgeschafft wurde, schiessen unablässig Clubs wie Pilze aus dem Boden. Derzeit sind es rund 100 auf Stadtzürcher Boden, die laut Schätzungen der Stadtpolizei pro Wochenende bis zu 40 000 Leute anziehen; während der Street-Parade ist es ein Vielfaches. So wirken Clubs heute wie professionell geführte KMUs. Angesichts dieser Entwicklung verkommt so manche Erzählung eines Party-Pioniers zur nostalgischen Anekdotensammlung. Bei Sandra von Aesch klingt es so: «Ach, es war einfach die geilste Zeit. Jeder kannte jeden. Es gab einen inneren Kreis von vielleicht 20 Leuten, die das Zürich von damals prägten.» Von Aesch, die gelernte Coiffeuse, gehörte dazu. Mit ihrem sonnigen Gemüt hatte sie sich schnell ins engmaschige Netzwerk der Szenis eingefügt. Sie arbeitete in angesagten Bars wie der Wüste und begann bald selbst Partys zu organisieren. Sandra von Aesch agierte in einer Zeit, die von der Lust nach Spass und Grenzüberschreitungen geprägt war. Man mixte plötzlich Wodka mit Redbull, Ecstasy mit Guarana und baute einst schlicht gehaltene Tanzveranstaltungen zu aufwendig dekorierten Happenings aus. Eine Party war plötzlich auch eine Modeschau, ein Dichterabend oder eine Spielshow. Und der Soundtrack zum unbeschwerten Jahrzehnt lieferte Techno, diese neue Musik mit stetem Hang zur Euphorie. Zehn Jahre lang feierte von Aesch durch Zürich &endash «bis ich schliesslich mental ausgelatscht war». Mit 34 Jahren verabschiedete sie sich ziemlich abrupt und ging nach Scuol zum Snowboardfahren. Die Städterin blieb in der Höhe hängen, wechselte nur das Tal und zügelte nach Flims. Sandra von Aesch lebt heute mit Mann und zwei Kindern im Skiort, geht oft ins nahe Kafi, wo auch ihre Freundinnen sind, wandert durch die Föhrenwälder von Laax und befährt mit einem schweren Töff die Pässe der Region. Die 43-Jährige spricht von einem idyllischen Leben über der Nebelgrenze. Nur ganz selten verspürt sie noch Sehnsucht nach dem wilden Leben im Unterland. «Die Street-Parade würde sich für einen Besuch anbieten, ist mir aber zu hektisch.» Ein-, zweimal im Jahr fährt sie aber nach Zürich an eine Party und trifft dort die alten Weggefährten. Gemeinsam erinnert man sich dort an Spontanfeiern auf der Saffa-Insel mit 200 Leuten, rekapituliert Nächte, die mit Katerfrühstück im Edelhotel endeten, oder erzählt sich gegenseitig nochmals das Fest im Zoo-Club, als drei Whirlpools die Tanzfläche nass machten. «Diese Reisen in die Vergangenheit sind immer wieder schön», sagt sie. Aber am nächsten Morgen, dann, wenn von Aesch ins Auto steigt und wieder nach Flims zurückfährt, ist sie jedes Mal froh, die Stadt hinter sich zu lassen. Wie bewahre ich meine Seele? Der Club, dessen Geschäftsidee auf der steten Verheissung auf mehr Spass und mehr Sex fusst, lässt keinen, der in diesem Umfeld arbeitet, ganz ungeschoren davonkommen. Abgründe sind Teil des Mythos und Teil des Problems. Die unablässige Nähe zu Drogen, Alkohol und den Exzessen der Gäste ist für die Profis eine Herausforderung. Die Frage stellt sich: Wie bewahre ich meine Seele in diesem dröhnenden Lustschloss? Nur wenige Partymacher haben darauf eine Antwort gefunden. Dani Gasser gehört aber sicherlich dazu. Als Mittzwanziger hatte er einst in Zürich-West, als dort noch nicht viel los war, aus einem muffigen Kellergewölbe einen überaus erfolgreichen Alternativschuppen gemacht. UG hiess er und ist heute unter dem Namen Hive bekannt. Gasser war sich von Anfang an bewusst, welche Gefahren in dieser aufregenden Glitzerwelt lauerten. Bald entschloss er sich, auf Alkohol zu verzichten, über vier Jahre hielt er es so. «Und ich nahm mir zu Beginn immer wieder Auszeiten, alle zwei Monate eine Woche.» Diese Massnahmen ermöglichten ihm die nächtelangen Einsätze als Verantwortlicher eines proppenvollen Clubs. Dass er dennoch ausstieg, hatte mit einem privaten Schicksalsschlag zu tun. 2006, im gleichen Jahr, als Urs Kind sein Burn-out hatte, verreiste Dani Gasser darum für neun Monate nach Südamerika. Er kehrte aber zurück und gründete mit seinen Jugendfreunden das Edel-Lokal Amber beim Hauptbahnhof, später folgte das Jade. Bei beiden Projekten agierte Gasser aber nicht mehr an der Front, wo man sich mit einer überquellenden Gästeliste, aggressiven Gästen oder fehlenden Eiswürfeln befassen muss. Er war vielmehr der Mann fürs Mentale. So schaute er, dass die Teamstruktur stimmte und die Mitarbeiter sich wohlfühlten. Für den 36-Jährigen war es ein gutes Übungsfeld, hatte er sich doch mit Kursen zum Lifecoach ausbilden lassen. Dazu interessiert er sich für Techniken der Hypnose, befasst sich seit Jahren mit Meditation. All diese Dinge sind für ihn heute in den Vordergrund gerückt, das Partygeschäft hat er mittlerweile hinter sich gelassen und seine Anteile verkauft. Missen möchte er aber seine Jahre am Rande des Dancefloors nicht. «Man entwickelt sich weiter», sagt er nur. Dazu passt, dass er inzwischen gar nicht mehr im Lande ist. Dani Gasser befährt zusammen mit seiner neuen Freundin zurzeit mit einem Bus die Länder dieser Welt. Nächste Station auf seiner Reise zu sich selbst: Island. «Ich feierte durch die Nächte, bis ich mental ausgelatscht war.» Zigarettenautomat am Morgen danach: Leere im Innern, Flyer am Boden. Discokugeln am Morgen danach: Tageslicht statt farbige Scheinwerfer. Der Club am Morgen danach: Abfall und zerknautschte Sofas.

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