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Gefesselt von der Zerrissenheit der Darsteller

Die Schauspielgruppe Die Kulisse aus Küsnacht hat mit Anton Tschechows «Die Möwe» grossartiges Theater geboten.

Von Maria Zachariadis Küsnacht – Es ist zum Davonlaufen: Semjon liebt Mascha, doch sie liebt Konstantin. Der aber hat nur Augen für Nina, die sich in Trigorin verliebt. Dieser wiederum bleibt Irina treu. Die Figuren in «Die Möwe» sind allesamt Träumer und hoffnungslos Liebende, die sehnsüchtig auf ihr Glück warten und dabei ihr Unglück geschehen lassen. Regisseur Udo van Ooyen hat diese Traumsequenz mit der Küsnachter Schauspielgruppe subtil umgesetzt und an den Anfang des Stücks gesetzt, das am Freitag im katholischen Pfarreizentrum Premiere gefeiert hat. Van Ooyen lässt die Figuren dicht aneinandergedrängt in die Weite, über den imaginären See, starren. Sie stehen auf dem äussersten Steg, der Teil der kargen Bühne ist. Sie füllt als abgeschrägte Holzplattform den gesamten Bühnenraum aus und ragt in den Zuschauerraum hinein (Bühnenbau Nicolas Haeberli). Auf einer Bühne, die ohne Vorhang auskommt, ausser jenem im Hintergrund, durch den die Darsteller der «Kulisse» ein- und hinaustreten. Für die Szenenwechsel erlischt das Licht, und es ertönen melancholische Akkordeonklänge, währenddem die Schauspielenden Stühle versetzen oder eine Couch aufstellen. Mehr Dekor wäre Ablenkung – es sind die Figuren, die bei Anton Tschechow im Mittelpunkt stehen. Das Drama spielt auf einem Landsitz am Ufer eines Sees. Dort lebt der Rentner Sorin (Hans Holzer) mit seinem Neffen Konstantin (Tom Keymer). Dieser möchte das Theater neu erfinden, wird aber von seiner Mutter, der Schauspielerin Irina (Stephanie Aerni), nicht ernst genommen. Irina ist mit ihrem Geliebten Trigorin (Thomas Kauflin), einem erfolgreichen Schriftsteller, angereist, um sich Konstantins erstes Werk anzuschauen. Nina (Miriam Buchmann), die Konstantin vergöttert, spielt darin die einzige Rolle. Sie aber hat ihre Karriere im Kopf und himmelt Trigorin an. Zur Gesellschaft gehören der Gutsverwalter (Peter Hofer) und seine Frau Polina (Monica Langfritz) sowie deren Tochter Mascha (Dominique Barth). In sie verliebt ist der Lehrer Semjon (Matt Keller). Schliesslich ist da der Arzt und Lebemann Dorn (Hans-Peter Fehr), der selber schon so viele Frauengeschichten hatte, dass ihn das Werben von Polina kaltlässt. Laie dringt nicht durch Es ist zum Verzweifeln und tut fast schon weh: Diese Menschen vertreiben sich die Zeit mit subtilen Sticheleien auf Kosten der andern und ringen nach der Liebe jener, die sie verschmähen. Was sich hier an menschlichem Gefühlselend auf der Bühne abspielt, ist grossartiges Theater. Den Mitgliedern der Küsnachter Schauspielgruppe Die Kulisse gelingt, woran Udo van Ooyen monatelang gefeilt hat: Der Laie dringt nicht durch. Als Zuschauer ist man gefesselt von der Zerrissenheit dieser Menschen, die wollen, was sie nicht haben, und sein möchten, was sie nicht sind. Wie schwer so ein Dasein zu ertragen ist, nimmt Mascha in den Mund: «Ich ziehe mein Leben hinter mir her wie eine endlose Schleppe.» Weil Konstantin ihre Liebe nicht erwidert, ertränkt sie ihren Schmerz in Alkohol. Dominique Barth gelingt die Gratwanderung zwischen fataler Resignation und aufschäumender Provokation. Und Nina tritt als Überlebenskünstlerin auf. Am Schluss, nachdem der tödliche Schuss gefallen ist, ist es Mascha, die den andern den Spiegel entgegenhält. Sie hätten das Leben weder gemeistert noch den Suizid Konstantins verhindert. Weitere Spieldaten: 7., 8., 12., 14. und 15. April um 19.30 Uhr und am 10. April um 17 Uhr. Im katholischen Pfarreizentrum. Die «Kulisse»-Schauspieler überzeugen mit ihrem Auftritt. Foto: Manuela Matt

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