Zum Hauptinhalt springen

Gabrielas Quäler stehen vor Gericht

Vier Jahre nach dem Tod der fünfjährigen Gabriela rollt das Geschworenengericht ihren Fall auf. Das Mädchen wurde in einer sektenähnlichen Gemeinschaft gequält und zu Tode geschüttelt.

Von Stefan Hohler Zürich/Wila – Der Fall sorgte landesweit für Aufregung und Empörung. Am 9.?Mai 2006 ging bei der Kantonspolizei Zürich die Meldung ein, dass ein knapp fünfjähriges Mädchen bei einem Treppensturz in der Zürcher Oberländer Gemeinde Wila schwer verletzt worden sei. Das Mädchen wurde sofort ins Spital eingeliefert, wo es in der Nacht starb. Im Laufe der Untersuchung wurde klar: Sie starb nicht wegen des angeblichen Sturzes, sondern an den Folgen eines schweren Schütteltraumas. In den folgenden Wochen berichteten die Medien intensiv über die verworrenen Familienverhältnisse, in denen Gabriela und ihre drei Jahre ältere Schwester Salome gelebt hatten. Die fünfköpfige Wohngemeinschaft orientierte sich an den Schriften von Jakob Lorber (Text unten) und wohnte in einem Flarzhaus ausserhalb der Gemeinde Wila. Familienoberhaupt Mark W. wurde vom «Blick» als «irrer Hasch-Jesus» tituliert. Der damals 40-jährige Brite lebte mit zwei Frauen zusammen: mit der 58-jährigen Sozialpädagogin Barbara N. und der 22-jährigen Studentin Lea K. Der Mann war 1998 in das von der Sozialpädagogin gemietete Haus eingezogen. Sechs Jahre später stiess die Studentin dazu, mit der Mark W. laut Anklageschrift ein intimes Verhältnis hatte. «Unmenschliche Erziehung» Aus zwei früheren Beziehung brachte Mark W. zwei Töchter mit in die Wohngemeinschaft: die 1998 geborene Salome und Gabriela (2001), das spätere Opfer. Ihre Mütter hatten die beiden Mädchen wenige Monate nach ihrer Geburt deren Vater Mark W. zur alleinigen Erziehung anvertraut – die dieser offenbar nach «alttestamentarischen Grundsätzen» ausübte, wie verschiedene Medien später berichteten. In der Anklageschrift ist die Rede von einem «tyrannischen, unmenschlichen, grausamen und erniedrigenden Erziehungs- und Strafsystem». Die beiden kleinen Mädchen seien von den drei Erwachsenen seelisch und körperlich misshandelt worden. Sie hätten Schläge mit der Kochkelle erhalten und Ohrfeigen. Sie seien mit kaltem Wasser längere Zeit abgeduscht worden oder hätten ruhig sitzen oder ruhig stehen müssen – von 1 bis zu maximal 24 Stunden, in der Regel einen Nachmittag lang. Dabei hätten die Erwachsenen die Hände der Kinder teilweise mit Klebeband an die Wand fixiert. Die Mädchen mussten auf dem Boden schlafen oder bis zu einer Stunde die Treppe rauf- und runtersteigen. Oft erhielten sie kein Nachtessen. Als Folge der dauernden Mangel- und Unterernährung wog das knapp fünfjährige Mädchen zum Todeszeitpunkt nur noch 12 Kilogramm. Seine körperliche Entwicklung entsprach dem einer Zweijährigen. Laut Augenzeugen hatten beide Mädchen einen Hungerbauch. Auch psychisch waren sie schwerstgeschädigt. Nach dem Todesfall wurde Salome zu einer Pflegefamilie gebracht. Dort geht es ihr laut Monika Kradolfer, Gemeindepräsidentin von Wila, inzwischen gut. Am 19.November müssen sich Mark W. und Barbara N. vor dem Geschworenengericht Zürich verantworten – der letzte Fall dieses Gerichts, das auf Ende Jahr aufgelöst wird. Die Anklage wirft ihnen mehrfache schwere Körperverletzung vor. Beide sind nicht geständig. Sie haben Wila im September 2006 verlassen und wohnen in der Umgebung von Bern. Der Sozialpädagogin wurde nach Bekanntwerden des Falls gekündigt. Sie hatte in einem Jugendheim nahe Winterthur gearbeitet. Mark B. ist arbeitslos, laut Anklageschrift wohnt er in Untermiete bei einer Frau. Die Haupttäterin folgt später Lea K., die Hauptangeklagte, wird erst im neuen Jahr vor Gericht stehen. Sie war zum Tatzeitpunkt jünger als 25-jährig und konnte zwischen Geschworenen- und Obergericht auswählen. Sie entschied sich für Letzteres. Die ebenfalls nicht geständige Frau ist wegen vorsätzlicher Tötung und schwerer Körperverletzung angeklagt. Die Minimalstrafe dafür beträgt 5 Jahre. Lea K. soll ihre Stieftochter an jenem 9. Mai 2006 als Strafe massiv an den Oberarmen hin- und hergeschüttelt haben. So stark, dass das Mädchen eine Schädel-Hirn-Verletzung erlitt und bewusstlos wurde. Die Frau lebt wie die beiden anderen in der Umgebung von Bern, ist aber nicht mehr mit Mark W. befreundet. Ob die drei Angeklagten immer noch Anhänger von Jakob Lorber sind, ist nicht bekannt. Ein Herz klebte am Haus, in dem zwei Mädchen gepeinigt wurden. Foto: Stefan Hohler

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch