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Ernst Maurer - der bunte Hund von Mexiko

Erst reinigte er Teppiche, heute besitzt er Touristen-Attraktionen, Vulkane und eine grosse Plantage für Weihnachtsbäume: Der 82-jährige Zürcher Ernst Maurer hat Mexiko erobert.

Amecameca (Mexiko). - Ernst Maurer greift von der Rückbank zwischen die Vordersitze seines Wagens und zieht ein stationäres Walkie-Talkie an seinen Mund. «Wir kommen gleich an - Ende», murmelt er in mexikanischem Spanisch. In Mexiko könne man nicht vorsichtig genug sein, gerade wenn man so bekannt sei wie er. So ein Leben mache zwar Spass, aber nicht immer sei es einfach: «Wir haben schon Probleme mit Überfällen gehabt.» Die Trainingsjacke, die er über sein Hemd geworfen hat, suggeriert ein jüngeres Alter, aber er ist 82. Deshalb hat Maurer in Sicherheit investiert. An der Auffahrt lassen einige seiner Arbeiter die Schaufeln fallen und heben die Hand zum Gruss. Die Sicherheitskräfte leiten den Wagen durch die Tore zu seinem Haus im Herzen seines 500 Hektar grossen Grundstücks in Amecameca, rund 50 Kilometer ausserhalb von Mexico City. Heute kommt Maurer meist nur hierher, um nach dem Rechten zu sehen. Das Geschäft läuft mittlerweile fast von allein, saisonunabhängig. Über die Jahrzehnte hat Ernst Maurer aus dem Nichts ein Imperium aufgebaut. Es umfasst eine Plantage für Weihnachtsbäume, zwei Museen, eine Volkshochschule, einen Freizeitpark, einen Streichelzoo, ein Hotel, ein Restaurant - und drei erloschene Vulkane. Als der damals 19-jährige Journalist aus Zollikon 1946 die Schweiz verliess, um den Fesseln der Kriegsfolgen zu entkommen, zog es ihn nach Lateinamerika. In Abenteuerromanen hatte er gelesen, Mexiko sei das Land der Zukunft. Ohne finanzielle Mittel machte sich Maurer, der im Mexiko fortan Ernesto gerufen wurde, erst selbstständig. Er tingelte durch Mexico Citys Wohnviertel und bot Reinigungsdienste für Teppiche und Möbel an, mit Unterhaltung in sechs Sprachen. Er konnte Kontakte zur wohlhabenden Schicht knüpfen. Später wurde Maurer Verkaufsmanager, unter anderem für die ersten Fernsehgeräte in Mexiko. Für den Zürcher lief es gut, aber mit dem Erfolg kam auch die Sehnsucht. Die Schweizer Landschaften, Berge und Seen fehlten ihm. Prompt kaufte er sich mit seinem ersparten Geld ein Stück Land mit Blick auf den schneebedeckten Vulkan Popocatepetl. Gleichzeitig florierte seine gerade gegründete Sprachschule Instituto Maurer, mit deren Erlösen er eine neue Geschäftsidee finanzierte: Sein noch brachliegendes Land am Fuss des «Popo» sollte zum Verkauf von eigens gepflanzten Weihnachtsbäumen dienen. Die importierten Bäume aus Nordamerika würde er preislich unterbieten. Der Geschäftsgedanke trieb Maurer fast in den Ruin. Zwölf Jahre vergingen, bis die erste Ernte von Bäumen verkaufsfähig war. Das warme Klima hatte die Tannen zu stark wachsen lassen, die Trockenperioden waren zu lang und die Baumarten nicht die richtigen. Aber mit der Zeit wusste Maurer auf alles eine Antwort. Er entwickelte einen eigenen Hybridbaum, recycelte die sommerlichen Niederschläge und machte Werbung. Langsam wuchs der Absatz, es kamen Tage, an denen der Andrang auf Maurers Plantage so gross war, dass es auf der Schnellstrasse von Mexico City nach Amecameca zu dreistündigen Staus kam. Weihnachtsbäume und Abenteuer Heute baut der Staat eine vierspurige Strasse zur Auffahrt von Maurers Wald. «In Stosszeiten besuchen uns mittlerweile bis 10 000 Familien, um ihren Baum zu schlagen», sagt der Schweizer. Er steht jetzt zwischen seinen Tannen und sieht sich um. Seine Plantage ist eine Erfolgsgeschichte geworden, die die mexikanische Regierung schon nachahmen wollte. Unproduktiven Maisbauern machte man das Anpflanzen von Tannen schmackhaft, damit land- und forstwirtschaftliche Erträge steigen sollten. Das Projekt griff nicht, alle kauften weiter die Importe aus Nordamerika - oder bei Maurer. «Ich biete nicht nur Bäume an, sondern das Erlebnis», erklärt er. «Bei mir verbringen die Menschen einen ganzen Tag. Sie fahren in meinen Wald, schlagen einen Baum, essen in meinem Restaurant, die Kinder gehen in den Streichelzoo. Zu Weihnachten gibts noch einen Basar. Meine Kunden erleben ein Abenteuer.» Maurers Wald der Weihnachtsbäume, wie er heisst, blieb einzigartig. Er ist heute die weltweit grösste Plantage dieser Art nach dem Selbstbedienungsprinzip. Vom Saisongeschäft ist er aber nicht mehr abhängig. Vor einigen Jahren hat sich Maurer umliegendes Land und damit drei erloschene Vulkane gekauft. Im Krater des grössten werden seit kurzem Konzerte veranstaltet. «Das Projekt geht erst los, die ersten Male war der Krater schon voll.» Hier und in der Nähe organisiert Maurer seit einigen Jahren auch Treffen der Schweizer Gemeinde Mexikos. Auch der Botschafter war schon zu Besuch. Maurer steigt wieder in seinen Wagen. Er will noch etwas zeigen: «Wir fahren zur Hazienda Panoaya. Im 17. Jahrhundert hat die weltberühmte Dichterin Sor Juana Inés de la Cruz dort ihre Kindheit verbracht. Dann verkam das Anwesen leider zu einer Ruine.» Bis es Maurer vor zehn Jahren kaufte. Er renovierte es, errichtete noch zwei Museen und ein Hotel. Heute erstrahlt die Hazienda in altem Glanz, und das Geschäft läuft. Im letzten Jahr fragte die mexikanische Notenbank sogar, ob sie Maurers Hazienda allenfalls auf dem 200-Peso-Schein abdrucken dürfte. Mit 82 Jahren noch voll im Saft Dann fährt uns Maurers Fahrer zu einem Vergnügungspark. Auch der gehört Maurer, direkt neben dem antiken Gebäude der Hazienda hat er ihn vor einigen Jahren nach seinen eigenen Ideen gebaut. Eine Art Spielzeug sei das für ihn. «Heute sind einige Schulklassen da. Gegenüber von der Schwebebahn läuft gerade die Vorführung mit dressierten Adlern und Schlangen. Das sehen wir uns an!», ruft er. Für seine 82 Jahre stapft Maurer mit beachtlichem Tempo drauflos. Er passiert die Eintrittsschranken eines kleinen Zirkus, setzt sich neben zwei Schulkinder in die erste Reihe und schaut dem Dompteur zu. Der begrüsst Maurer: «Buenos días, Señor!» Und auch die Kinder winken. Maurer lacht. Es sei, meint er, zwar nicht immer einfach als «bunter Hund». Aber jedenfalls könne man sich hier sicher fühlen - und Spass mache es sowieso.

Ernst Maurer mit mexikanischen Schulkindern während einer Zirkusvorführung in seinem Vergnügungspark. Geradeaus gehts zur Hazienda, rechts zur Plantage von Maurer.

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