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Er lebt den Traum vom Fliegen

Über 1500 Stunden hat Ueli Messmer in der Luft verbracht. Ab heute Samstag bestreitet der 32-jährige Zürcher die Schweizer Meisterschaft im Segelfliegen. Den Titel musste er allerdings bereits abschreiben.

Von René Hauri, Zürich Der Eindruck täuscht. Lautlos, gemütlich, in stabiler Lage, scheinbar ohne Rumpler segelt der Flieger durch die Lüfte und setzt letztlich ebenso behäbig auf der Landebahn auf, rollt aus. Segelfliegen, ein Hobby für reine Geniesser. Ueli Messmer widerspricht. «Es ist kein Dahingleiten. Es wirken da oben enorme Kräfte», sagt der in Kloten wohnhafte Ottenbacher, der gerade einen Flug hinter sich hat. Und er beschreibt weiter: «Es ist ein stetiges Stop-and-go, wie mit dem Auto in einer Stadt, nur in mehreren Dimensionen. Es geht vorwärts, zurück, nach oben, nach unten.» Ein Kollege habe einst gesagt: «Ich verbrachte acht Stunden auf einer ‹Gigampfi› in einer Sauna.» Messmer lacht, nachdem er die Anekdote erzählt hat. Überhaupt schmunzelt er immer wieder, während er von seinen Erfahrungen berichtet, vom Nufenen, dem Eggishorn, dem Aletschgletscher, dem Matterhorn und letztlich dem Mont Blanc – alle hat er kürzlich auf einem einzigen Flug angesteuert. Die Augen glänzen. «Am Morgen starten, am Abend zurückkommen und dann die halbe Schweiz gesehen zu haben: Das hat mich schon immer fasziniert», sagt Messmer. Trotz der eindrücklichen Panoramen, die sich ihm immer wieder präsentieren: Zurücklehnen und sich darin verlieren kann er nicht. Er wird gefordert, ohne Unterbruch. «Es ist anstrengend, stressig.» Stets ist er auf der Suche nach Luftmassen, die sich nach oben bewegen und das «Flugzeug ohne Motor spielerisch hochbalancieren», wie der 32-Jährige sagt. Schönwetterwolken sind ein Zeichen für Thermik, bis zu 4000 Höhenmeter könne er so erreichen. Hinzu kommt der Kampf gegen die Zeit. «Wie weit kann ich noch fliegen? Finde ich nach dem Durchfliegen eines Tals wieder Aufwind? Das Spekulative, die angespannten Momente, das macht den Reiz aus», sagt der Zürcher. Nicht vor Zwischenfällen gefeit 700 Kilometer schafft Messmer bei guten Bedingungen. Und dabei muss er immer den Verkehr im Auge behalten. Zwar seien schon einige Flieger mit elektronischen Meldern ausgestattet, die auf Gefahren aufmerksam machen. Doch das Hauptprinzip laute nach wie vor: «Sehen und gesehen werden.» Auch er hatte schon brenzlige Situationen zu bewältigen, sei erschrocken, wenn ein anderer Flieger auftauchte. «Aber Angst ist ein ganz schlechter Begleiter. Gesunder Respekt hingegen ist von Vorteil», so Messmer, der in Kloten seit 2009 eine Ausbildung zum Linienpilot absolviert. Wenngleich er mit über 1500 Flugstunden einen grossen Erfahrungsschatz mitbringt: Vor Zwischenfällen ist auch er nicht gefeit. Erst kürzlich, in Südafrika, musste er eine Aussenlandung vornehmen, weil die Thermik fehlte, um bis zum Flugplatz zurückzukehren. «Der Flieger sank immer mehr ab. Schnell musste ich ein Feld finden, das für ein Aufsetzen geeignet war, und es nach Hochspannungsleitungen, nach Zäunen, Pfosten, nach eventuellen Wegen absuchen», beschreibt Messmer. Er fand einen scheinbar geeigneten alternativen Landeplatz, übersah allerdings einen Bewässerungspfosten. Wenige Meter vor dem Hindernis versuchte er auszuweichen, der Flügel berührte bei diesem Manöver den Boden, der Flieger drehte sich. «Der Schaden war zum Glück klein», sagt Messmer. Er weiss von schlimmeren Unfällen, mag darüber aber nicht reden. Zehn Kilometer breite Startlinie Viel lieber erzählt er vom zusätzlichen Adrenalinschub, den er während der Wettkämpfe verspürt. Erst werden alle Segelflieger von einem Motorflugzeug in die Höhe gezogen, Stück für Stück. «Die Ersten müssen oben kreisen und auf die Konkurrenten warten», erklärt der Junioren-Schweizer-Meister von 2003, der mit 17 Jahren die Segelflugprüfung bestand. Erst wenn alle oben sind, wird die virtuelle, zehn Kilometer breite Startlinie geöffnet, die durch GPS-Punkte definiert ist. Wann sie diese überfliegen, können die Piloten selber entscheiden, die Zeit beginnt erst dann zu laufen. So auch an der Schweizer Meisterschaft in Hausen am Albis, die heute Samstag beginnt und eine Woche dauert. Jeden Tag werden neue Routen festgelegt, die möglichst schnell abgeflogen werden müssen. Eine GPS-Blackbox hält die Daten fest. Für Messmer, der 2008 seinen letzten Sieg feierte und mit dem Flieger seines Klubs SG Zürich in der Standardklasse (Spannweite bis 15 Meter) an den Start gehen wird, enden die Titelkämpfe allerdings bereits am Dienstag. Er muss für seine Berufsausbildung Landetrainings absolvieren. Dennoch lässt er sich die ersten Wettkampftage nicht entgehen: «Es macht einfach Spass. Grosse Siegesprämien gibt es bei uns ohnehin nicht zu gewinnen.» Entschädigt wird er mit herrlicher Aussicht, auch wenn er dabei durchgeschüttelt wird. Ueli Messmer bereitet in Hausen am Albis seinen Segelflieger für die Schweizer Meisterschaft vor. Foto: Daniel Kellenberger Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

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