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Ein kleines Vermögen für ein Bürgerrecht

Ein Gebührenvergleich brachte einen Küsnachter zum Staunen: Seine Grossmutter hatte 1903 für ein Bürgerrecht 400 Franken bezahlt.

Von Patrick Gut Küsnacht – Der Küsnachter Karl Heinrich besitzt die Bürgerrechtsurkunde seiner Grossmutter aus dem Jahr 1903. Der Zürcher Stadtrat «urkundet» darin, dass Johanna Emilie Heinrich und ihre fünf Kinder Friedrich Wilhelm, Julius Albert, Johanna Maria Karolina, Karl Adolf Maximilian und Hermann Gottlieb Karl «nunmehr Bürger der Stadt Zürich sind». Unterzeichnet ist die Urkunde vom damaligen Stadtpräsidenten Hans Konrad Pestalozzi (1848–1909). Pestalozzi war von 1889 bis zu seinem Tod 1909 Stadtpräsident. Der Architekt und Politiker gehörte von 1890 bis 1905 dem Nationalrat an, wo er für das liberal-demokratische Zentrum politisierte. Von 1908 bis 1909 präsidierte er zudem das Schweizerische Rote Kreuz. Karl Heinrich, der 80-jährige Enkel der Eingebürgerten, weiss, dass seine Grossmutter Anfang des 20. Jahrhunderts für das Stadtzürcher Bürgerrecht 400 Franken bezahlen musste. Das ist exakt derselbe Betrag, den heutzutage Ausländer, die noch nicht 25 Jahre alt sind, für das Gemeindebürgerrecht in verschiedenen Goldküsten-Gemeinden bezahlen müssen. Allerdings sind 400 Franken heute längst nicht mehr, was sie im Jahr 1903 waren. Nämlich ein kleines Vermögen. Mithilfe des Swiss Historical Monetary Value Converter des historischen Seminars der Universität Bern lässt sich der Unterschied verdeutlichen. Nach dem Historischen Lohnindex entsprachen 400 Franken aus dem Jahr 1903 im Jahr 2009 einer Summe von 16 783 Franken. Basis für die Berechnung sind Handwerkerlöhne. Schuhe für 5.80 Franken Aufschlussreich ist auch ein Blick ins Zeitungsarchiv. Im Band des Jahres 1903 mit dem damaligen «Wochenblatt des Bezirkes Meilen» finden sich zahlreiche Inserate. Die Kleider- und Schuhhalle Helbling in Rapperswil bot damals «sehr starke Arbeiterschuhe» für Herren für 5.80 Franken feil. Bei H. Friedrich-Egli in Stäfa gabs Herrenanzüge – «Halbtuch, gutes Schweizer-Fabrikat» – für 30 Franken. Ein Kilo Emmentalerkäse kostete bei J. Huber in Küsnacht 1.90 Franken. 15 Schweizer Eier gabs für gerade mal einen Franken. Witwe auf sich allein gestellt Kein Wunder findet Karl Heinrich, die heutigen Gebühren seien doch «recht bescheiden». Seine Grossmutter hatte es übrigens alles andere als einfach. Seit 1898 war sie Witwe und musste sich um ihre fünf Kinder mit den Jahrgängen 1886 bis 1893 kümmern. Beim Tod des Grossvaters sei die Buchhandlung, welche er betrieben habe, verkauft worden. Die Witwe musste fortan den Lebensunterhalt der Familie mit diesem Verkaufserlös bestreiten. Seine Grossmutter hat Karl Heinrich übrigens nie kennen gelernt. Sie verstarb um 1916 im Alter von etwas über 50 Jahren. 1903 war eine Bürgerrechtsurkunde noch ein kleines Kunstwerk.Foto: zvg

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