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Ein Herzschrittmacher für Verdi

In seinem neuen Musiktheater in Basel schickt Christoph Marthaler die italienische Oper in die Kardiologie – und zeigt, was passiert, wenn Dramen verhindert werden.

Von Susanne Kübler Als 1958 in Stockholm der erste Patient einen Herzschrittmacher erhielt, waren Verdis Opern längst geschrieben, und das war gut so. Wer weiss, was sonst geworden wäre aus diesen Werken, in denen die Herzen regelmässig und oft mit tödlichen Folgen für die Falschen klopfen. Eine fortgeschrittene Kardiologie hätte wohl bei manchen der unglücklichen Liebenden das gebrochene oder fehlgeleitete Organ geflickt und dafür gesorgt, dass ihr Opernleben ruhig, regelmässig und dramenfrei weitergeht. Vielleicht hat sich Christoph Marthaler solche Gedanken gemacht, als er zusammen mit dem Dramaturgen Malte Ubenauf und dem Dirigenten Bendix Dethleffsen sein Verdi-Projekt mit dem Titel «Lo stimolatore cardiaco» (Der Herzschrittmacher) entwickelte. Vielleicht aber auch nicht; es gehört ja zum Reiz der Marthaler-Abende, dass man die assoziativen Klammern oft eher erahnt als sieht. Sicher ist, dass dieser Regisseur ein besonderes Verhältnis zu Giuseppe Verdi hat: Schon als zweite Oper hat er sich 1996 in Frankfurt «Luisa Miller» vorgenommen, und seine Pariser «Traviata» von 2007 war ein tieftrauriger, hochmusikalischer Operntraum. Der Fisch auf dem Schragen In Basel verhilft er nun «Falstaff» erstmals zu einer ausgedehnten Ouvertüre. Gleich zwei Dirigenten mit langen Bärten, Bendix Dethleffsen und Giuliano Betta, lassen die ersten Takte der Oper zum Loop werden, mit synchronen Bewegungen und jener unerschütterlichen Gründlichkeit, die den marthalerschen Humor so oft ausmacht. Das Publikum lacht – fast zum letzten Mal an diesem Abend. Denn die musikverlängernden Massnahmen, die hier noch als wunderbar skurrile Opernpersiflage wirken, werden schon bald einmal zur gar nicht lustigen Metapher für jene lebensverlängernden Massnahmen, um die es auf der Bühne geht. Duri Bischoff hat dort ein Spitaltreppenhaus aufgebaut, das nicht nur dank des Harmoniums im Foyer eher ein metaphysischer als ein realer Ort ist. Grün bekittelte Ärzte sind da, und auf dem Schragen liegt ein Schwertfisch, wohl ein entfernter Verwandter des Wals aus Melvilles Roman «Moby Dick», aus dem an diesem Abend rezitiert wird. Aus seinem Bauch werden unter anderem eine Perücke und ein Telefon entfernt, der Chor jubelt «Vittoria!» – es ist das einzige Mal, dass so richtig opernmässig geschmettert werden darf. Der Schwertfisch ist tot, und den übrigen Protagonisten geht es auch nicht gut. Sie greifen sich simultan an den Bauch oder an den Kopf, sie hadern mit Gott und den Schiebetüren, die manchmal aufgehen und manchmal nicht. Auch die Musik mit ihren ewigen Wiederholungen macht ihnen schwer zu schaffen: «Un bacio, un’altro bacio», fleht Otello, Desdemona fleht zurück, eine andere Desdemona bald einmal auch, ein ganzer Desdemona-Chor wächst heran, das Flehen ist längst zur Forderung geworden, von der Liebe bleiben irgendwann nur noch die Erinnerung und ein paar Handgriffe übrig, und Otello ist zum Heulen zumute. Auch das Publikum mag zwischendrin ein bisschen leiden in dieser Aufführung. Es ist nicht leicht, all diese Endlosschlaufen auszusitzen, gut zwei Stunden lang, ohne Pause. «Lo stimolatore cardiaco» ist nur auszuhalten, weil Marthaler neben der Grundidee noch viele weitere Ideen hatte, weil die Fragmente aus Opern und geistlichen Werken geschickt gewählt sind. Und weil der Theaterchor und das Sinfonieorchester Basel ebenso aufs Ganze gehen wie die Marthaler-Habitués. Der Mord findet nicht statt Die Choristen steigen «Stägeli uf und Stägeli ab», Ueli Jäggi zetert auf Italienisch, Altea Garridos Beine verselbstständigen sich, Jeroen Willems gibt mit säuselndem Tenor den Macho, und Carina Braunschmidt verfängt sich in ihren Textschlaufen fast wie einst Evelyn Hamann in ihrer legendären Ansage einer englischen TV-Serie. Manchmal verschmelzen alle zum verblüffend homogenen Vokalensemble, dann wieder bringen sie nur noch einzelne Töne zum hinter der Bühne gespielten «Traviata»-Hit heraus, und Tora Augestad outet Verdi als Vorreiter des Blues. All das fügt sich auf manchmal rätselhafte, aber zutiefst stimmige Weise zu einem ungewöhnlich düsteren Marthaler-Abend. Seine Figuren stehen noch ein bisschen näher am Abgrund als sonst, und manchmal stürzen sie. Zum ungemein zarten «Ave Maria» knickt erst die eine ein, dann eine andere, man hilft sich wieder auf die Beine, die aber immer mehr nachgeben, bis das ganze Ensemble verknäuelt auf der Treppe liegt und die Musik immer noch nicht aufhört. Während in der Oper irgendwann die Katastrophe kommt oder das Happy End, bleibt hier alles in der Schwebe: Es ist kein Leben mehr und noch kein Tod. Am Ende steht dann die Musik, die üblicherweise die Mordszene im «Otello» einleitet. Auch sie dreht sich im Kreis, zum Mord kommt es nicht. Aber die Stille ist irgendwann endlich da. Nächste Aufführungen am Theater Basel: 28./30. November, 2./11./31. Dezember. www.theater-basel.ch Da greift man sich an den Kopf: Im Klangspital von Christoph Marthaler leiden die Patienten unter lebensverlängernden Massnahmen. Foto: Tanja Dohrendorf (T+T Fotografie)

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