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Ein bezwingender Dialog zwischen Nahost und WestTitel (max. 2-zeilig)

Er ist in der Endrunde um den Deutschen Buchpreis, viele sehen in ihm den Favoriten: Thomas Lehr hat einen anspruchsvollen und bezwingenden Roman über den Kulturkonflikt Orient- Okzident geschrieben Thomas Lehr, Favorit für den Deutschen Buchpreis, legt mit «September. Fata Morgana» einen anspruchsvollen Roman vor, der in allen Belangen überzeugt.

Von Simone Fässler Wahrscheinlich würden sie sich mögen, mit Sicherheit könnten sie miteinander reden: Tarik, der in Frankreich ausgebildete irakische Arzt, und Martin, ein deutscher Literaturprofessor, der an einer amerikanischen Hochschule lehrt. Beide in den 1970er-Jahren sozialisiert, ohne Talent zum Politischen, dafür leidenschaftlich klare Denker. Die zwei Männer lernen sich nicht kennen. Und treten doch in einen Dialog, wenn Thomas Lehr sie in seinem neuen Roman abwechselnd ein Kapitel lang zu Wort kommen lässt. Wenn wir während fast 500 Seiten hin und her springen zwischen West und Nahost, ihren vielfachen Spiegelungen («Fata Morgana» heisst der Untertitel des Buchs), ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen – Öl, Waffen, Giftgas, Hafis und Goethe, Scheherazade, das babylonische Ischtar-Tor, das im Berliner Pergamonmuseum steht. Das ist Thomas Lehrs ambitioniertes Projekt: die gewaltsame Konfrontation der Kulturen – das Attentat auf die Twin Towers, die Invasion der US-Truppen im Irak – zu kontrastieren mit einer Geschichte, die von den betroffenen Menschen ausgeht und auch die Gegenseite mitdenkt. «Stell dir ein Mädchen in New York City vor das eines Vormittags im September / das World Trade Center betritt stell dir vor / die dächte (durch Zufall bloss) an eine Schwester in einem anderen Land einem unvorstellbaren Krieg», fordert Tarik seine Tochter Muna auf. Martins Tochter Sabrina andererseits hat seit ihrer einsamen Kindheit eine arabische Prinzessin zur imaginären Schwester. Zwei Extremsituationen Der Roman basiert auf einer Versuchsanordnung: zwei Väter, zwei fast erwachsene Töchter. Die amerikanische Ostküste und Bagdad. September 2001, September 2002 und September 2004 (daher «September» als Haupttitel des Romans). Eine doppelte Extremsituation: Am 11. 9. 2001 kommt Sabrina im World Trade Center ums Leben. Im September 2004 stirbt Muna bei einem Bombenattentat in Bagdad. Das Ergebnis dieses literarischen Experiments ist bestechend: Über die Reflexionen und Diskussionen der vier Personen, ihre Erinnerungen und Fantasien, Wünsche, Sorgen gewinnt nicht nur das Schicksal der beteiligten Sippe (Irak) und Patchwork-Familie (USA) Kontur, sondern auch die Geschichte des Irak, das Amerika der Ära Bush, die unselige Verklammerung der beiden Staaten. Zum Beispiel Tarik: 1974 kehrt er von Paris nach Bagdad zurück, mit einer gewissen Hoffnung auf das neue Baath-Regime («dass es ein wenig Lügezensurfoltermord gegeben hatte vorübergehend das Bild trübend die Aussicht verzerrend aber der Weg stimmte / vielleicht»). Man wohnt im Neubauviertel, verkehrt im Club, lebt westlich. In den folgenden Jahrzehnten muss der unter immer erbärmlicheren Umständen praktizierende Arzt zusehen, wie das Land durch die Paranoia Saddams, drei Golfkriege und unendliche Embargos zum Entwicklungsland zurückfällt. Und wie ihm die eigenen Kinder entgleiten. Die schöne Jasmin, 1974 geboren, kehrt in den 90ern als diplomierte Chemikerin und irakische Patriotin vom Studium in Frankreich zurück, macht Karriere auf den Ölfeldern, bis sie eines Tages verhaftet und gefoltert wird – warum? Der lebhafte Sami, geboren in den 80ern während des Ersten Golfkrieges, sitzt nach 9/11 nur mehr am Computer und lässt Flugzeuge in das World Trade Center krachen. Nach dem gewaltsamen Tod eines Freundes wird er zum Extremisten, tötet – warum? – Munas Geliebten. Optimismus lässt Thomas Lehrs Analyse nicht erkennen. Die zunehmend desillusionierten Väter scheinen wenigstens körperlich unversehrbar (Tarik in drei Kriegseinsätzen). Die Töchter jedoch, denen die Zukunft gehören sollte, haben wenig Zugriff auf die Welt und in ihr keine (Über-)Lebenschance. Wobei Muna, die noch 2004 täglich durch das gesetzlose Bagdad zur Uni fährt, weil sie Archäologin werden will, weiter kommt als die behütet aufgewachsene Amerikanerin Sabrina. Es ist ein winziger Ausbruch, der sie das Leben kostet: eine spontane Reise nach Kalifornien mit Zwischenstopp im World Trade Center. Dennoch und erst recht: Thomas Lehr hält fest an seinem aufklärerischen Projekt. Kompromisslos konsequent auch in der Form – die erst einmal irritiert. Doch hoffentlich nicht so sehr, dass man das Buch entmutigt weglegt – denn sind einmal 50 Seiten geschafft, dann liest es sich auf einmal flüssig: Auch wenn Komma und Punkt mitunter fehlen, erlaubt der Text doch eine klare Orientierung. Ästhetische Radikalität Thomas Lehr entwickelt eine Form, die zusammenbringt, was unvereinbar scheint: die amerikanische Reportage, hart am Geschehen, genau in den Fakten, und das orientalische Erzählen in üppigen Bildern, verschränkt in einem mehrstimmigen Bewusstseinsstrom. Dass dieser nicht durch Satzzeichen strukturiert ist, führt den Leser auf schwankenden Grund. Was hier erzählt wird, will nicht als fixierte Wirklichkeit beim Leser ankommen. Wird «September. Fata Morgana» nächsten Montag den deutschen Buchpreis erhalten? Der Preis für Thomas Lehr wäre ein Votum gegen die derzeit wieder grassierenden Vereinfachungen im Dienst provokanter Thesen. Der Roman verdient die Auszeichnung für seine ästhetische Radikalität wie sein Engagement in der Sache – was selten genug zusammengeht. ? Thomas Lehr September. Fata Morgana. Roman. Hanser-Verlag, München 2010. 478 S., ca. 40 Fr.

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