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Ein aussergewöhnliches Schicksal

Eigentlich schreibt Rolf Max Kully wissenschaftliche Bücher. Ein kurzer Text bewog ihn aber, einen Roman zu schreiben – über das abenteuerliche Leben einer Frau, die vor 200 Jahren als Mann verkleidet an einem Feldzug teilnahm.

Suzanne Roy muss eine ausserordentlich spontane junge Frau gewesen sein: Im Februar 1798 heiratet die knapp 18-jährige Waadtländerin einen Mann, den sie gut drei Wochen vorher kennengelernt hat. Der Mann ist kein Geringerer als der französische Bataillonskommandant Charles Perrot und mit seinen 35 Jahren fast doppelt so alt wie Suzanne. Im Januar 1798 marschierte er mit seinem Bataillon in Vevey ein, das von der Bevölkerung begeistert als Befreier vom bernischen Joch gefeiert wurde. Wiederum wenige Wochen später, als Charles Perrot den Marschbefehl für den napoleonischen Feldzug nach Ägypten erhielt, verkleidet sich Suzanne kurzerhand als Soldat und folgt ihrem Mann als sein persönlicher Adjutant Sigismond Roy aufs Schiff nach Alexandrien. Damit beginnt für die junge Frau eine abenteuerliche Reise in eine fremde Welt, in der sie erst ihr Kind verliert – ein Mädchen, das sie in Ägypten zur Welt bringt und das nur wenige Stunden überlebt – und kurz darauf auch ihren Ehemann. Dieser stirbt, geschwächt von einer Kriegsverletzung, im Spätsommer 1799. Der Zufall half mit «Napoleons Schatten» heisst das Buch, in dem die bewegte Geschichte der jungen Waadtländerin erzählt wird. Geschrieben hat es der Solothurner Rolf Max Kully. Vor 20 Jahren sei er zufällig auf die Geschichte der Suzanne Roy gestossen, erzählt der ehemalige Direktor der Zentralbibliothek Solothurn. Damals erhielt er von der deutschen Zeitschrift ‹Arbitrium› den Auftrag, ein Buch über Sagenerzähler und Sagensammler in der Schweiz zu rezensieren. Darin wird der Waadtländer Schriftsteller Alfred Cérésole vorgestellt, und ein Abschnitt handelt von dessen Grossmutter, Suzanne Cérésole, geborene Roy. «Die wenigen Zeilen reichten, um mein Interesse zu wecken», sagt Kully. Er beschaffte sich das Büchlein «Une épisode vaudoise», in dem Alfred Cérésole das Leben seiner Grossmutter nachzeichnete. «Ein faszinierendes Leben – aber beim Lesen hatte ich das Gefühl, Cérésole habe einiges schöngeredet oder weggelassen.» Kully beschloss, den Lücken und Ungereimtheiten auf den Grund zu gehen. Er behielt Recht: Alfred Cérésole hatte zum Beispiel verheimlicht, dass Suzannes Eltern nicht verheiratet waren und sich ihr Vater bereits vor ihrer Geburt aus dem Staub machte. «Es passte offensichtlich nicht in eine ‹saubere› Biografie, als uneheliches Kind geboren worden zu sein», sagt er. Der erste Roman Kully beschloss, die Geschichte dieser Frau, die vor gut 200 Jahren den Mut besass, sich als Mann verkleidet an einem Feldzug zu beteiligen, in einem Roman niederzuschreiben. Seinem ersten Roman notabene – als Sprachwissenschafter hatte er bisher ausschliesslich wissenschaftliche Bücher herausgegeben. Bei seiner Arbeit machte er es sich nicht leicht: Es war Rolf Max Kully enorm wichtig, sich immer möglichst nah an der Wahrheit zu bewegen. Kully reiste sogar eigens nach Ägypten, um das Umfeld, in dem sich Suzanne auf dem Feldzug bewegte, nachempfinden zu können. Und: Es ist Kully gelungen, die historisch verbürgten Tatsachen und fiktive Alltagsbegebenheiten und Gespräche zu einer spannenden und unterhaltsamen Geschichte zu verweben, die einen lebhaften Einblick in das Leben einer aussergewöhnlichen Frau geben. Weiterer Schicksalsschlag Zurück zum Schicksal von Suzanne: Die junge Frau lernt im Spital von Alexandrien, wo sie ihrem Mann bis zu seinem Tod beistand, den Arzt Vincent Cérésole kennen und lieben. Auch diesmal geht es rasch – drei Monate später sind die beiden verheiratet. Aber auch dieser Ehe ist kein dauerhaftes Glück beschieden: Ihr zweiter Mann erkrankt wenige Monate später an der Pest und stirbt. Somit ist Suzanne mit 20 Jahren bereits zum zweiten Mal Witwe. Und schwanger: Ihr Sohn Auguste kommt im Januar 1801 zur Welt. Als sie zusammen mit dem Kind zurück in die Heimat reist, ist sie dort längst nicht so willkommen, wie sie es sich vielleicht vorstellte: Sie kann zwar bei ihrem Onkel wohnen, aber als Französin bekommt sie in der Schweiz keine Unterstützung zugesprochen. Sie nimmt eine Stelle als Gesellschafterin der Gräfin von Erdmannsdorff im sächsischen Wittenberg an. Ihren Sohn allerdings muss sie bei Onkel und Tante zurücklassen. Begegnung mit Napoleon Man kann es Zufall nennen oder Fügung des Schicksals – in Sachsen begegnet ihr ein «alter Bekannter», den sie bereits aus Ägypten kennt: Kein Geringerer als Napoleon Bonaparte ist es, der in einer Gewitternacht beim Grafen Zuflucht sucht. Bonaparte beschliesst spontan, Suzanne eine Rente zuzusprechen und für die Erziehung ihres Sohnes zu sorgen. Nun endlich hat Suzanne Cérésole ein gesichertes Einkommen, und als sie in die Heimat zurückkehrt und ihren Sohn in die Arme schliesst, schwört sie sich, ihn nie mehr zu verlassen... «Eigentlich ist es die Geschichte einer ganz gewöhnlichen Frau, die sich aber durch ihren besonderen Wagemut auszeichnete – und der auch eine Prise Glück zu Hilfe kam», sagt Rolf Max Kully über Suzanne Cérésole . Das Buch endet mit Suzannes Tod. So erfährt der Leser nicht, dass einer ihrer Enkel später gar Bundesrat wurde (Paul Cérésole, 1832-1905). Diese Tatsache habe er bewusst nicht aufgenommen, sagt Kully. «Ich wollte nur das Leben von Suzanne Cérésole niederschreiben – was danach kam, müsste man in einem weiteren Buch niederschreiben.» Monika FrischknechtRolf Max Kully: Napoleons Schatten – das abenteuerliche Leben der Suzanne Cérésole. Verlag novum pro; 38.50 Franken. ISBN 978-3-85022-819-0>

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