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«Eigentlich bin ich halt eine Wildsau»

Josef Knecht hat von der europäischen Akademie für Naturheilkunde einen Preis erhalten. Der 50-Jährige ist körperlich schwerbehindert.

Herr Knecht, das Zürcher Oberland muss für Sie mit schlimmen Erinnerungen verbunden sein (siehe Kasten). Leben Sie heute darum in Niedergösgen?

Überhaupt nicht. Ich habe noch viele Beziehungen zum Oberland. Meine Eltern wohnten bis zu ihrem Tod hier, und mein Bruder wohnt in Wetzikon. Ich habe hier auch noch Freunde. Schlimme Erinnerungen sind nicht relevant. Ich blicke nie zurück, das bringt mich nicht weiter. Mit meinem Schicksal zu hadern, wäre für mich wie Selbstmitleid - und das halte ich für sehr schädlich. Darüber zu sinnieren, was ohne meinen Unfall gewesen wäre, kam für mich nie infrage. Ich brauche meine Energie anderweitig. Als ich nach dem Unfall zunächst im Spital und später in der Reha landete und mich nur im Rollstuhl fortbewegen konnte, sagte ich mir: «Aus diesem Rollstuhl kommst du wieder raus!» - insbesondere, weil niemand damit rechnete. Und ich habs geschafft. Und wie?

Meine Eltern haben immer an mich geglaubt, haben mit mir gearbeitet - und ich selber habe mich den Schmerzen zum Trotz weiterentwickelt, auf mentaler und körperlicher Ebene. Meine linke Hand war beispielsweise lahm, heute kann ich sie wieder bewegen. Die Eltern brachten mich auch in Kontakt mit der Naturheilkunde. Als besonders hilfreich erwiesen sich Einreibungen mit Franzbranntwein und kalt gepresstem Olivenöl. Trotzdem sind Krämpfe und Schmerzen besonders beim Sitzen ständige Begleiter. Aber ich gebe dennoch alles. Manchmal schlägt es mich hin, was dann meine Frau jeweils schockt, aber ich stehe wieder auf. Ich bin ein grosser Fan des FC Basel, die Vereinsfarben Blau und Rot passen zu mir Warum dies?

Weil ich stets überall blaue und rote Flecke habe. Man könnte sagen, dass ich seit 34 Jahren als Stuntman lebe. (lacht) Woher nehmen Sie die Energie?

Ich glaube fest an Jesus, aus meinem Glauben schöpfe ich Kraft. Ich habe in meinem Leben immer wieder deutliche Zeichen bekommen, vieles ist gut herausgekommen - nicht durch Zufall. Aber ich habe auch einen eisernen Willen und gebe - mit Gottes Hilfe - nie auf. Ich wollte es den Leuten immer wieder zeigen. Das fing schon an, als ich nach dem Unfall fünf Wochen im Koma lag und einige vom medizinischen Personal meinten, ich würde wohl nicht mehr aufwachen - doch ich bin aufgewacht. Später hiess es, ich wäre zu einem Leben im Rollstuhl verurteilt - doch ich stand wieder auf und fuhr bis vor kurzem sogar Velo. Das ging zwar nicht ohne Stürze und einige Knochenbrüche ab, doch die gewonnene Mobilität war mir das wert. Einmal hab ich mir bei einem Sturz die Schulter ausgekugelt - und sie selber wieder eingerenkt. Das tat zwar weh, aber eigentlich bin ich halt eine Wildsau. (lacht) Sie lachen gerne.

Ja, das ist mir wichtig. Ich werde eigentlich nie aufgestellt, stelle dafür die anderen auf. Ich halte das für so etwas wie eine göttliche Gabe. Sie hat mir schon damals im Spital geholfen, als ich damit eine überall gefürchtete alte Therapeutin bezwang. Dass «de Sepp» den «Hausdrachen» besiegte, sprach sich überall herum und trug mir einiges Ansehen ein. Vor genau einer Woche erhielten Sie den Anerkennungspreis «Schmerz und Leid besiegt» der europäischen Akademie für Naturheilkunde. Wie kam es dazu?

Ich muss vorausschicken, dass der Winter für mich oft eine schlimme Zeit ist. Meine Mobilität, die ich dank eines neuen Elektroscooters habe, ist dann stärker eingeschränkt. Im letzten Winter, der ja besonders hart und lang war, besann ich mich darauf, dass ich in der Schulzeit sehr gut zeichnen konnte, und begann zu malen. Darauf wurden verschiedene Leute aufmerksam, darunter auch Professor Joachim Chrubasik in der Rehaklinik Bad Zurzach. Er ist gleichzeitig Generalsekretär der besagten Akademie, und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Kürzlich konnte ich meine erste Ausstellung in Schönenwerd eröffnen. Ausserdem können meine Frau und ich demnächst eine Zweitwohnung in Bad Zurzach beziehen, die mir auch als Atelier dienen wird. So werde ich den Winter mit Baden besser überstehen. Der Professor hat es möglich gemacht, dass ich dann Malkurse für Reha-Patienten anbieten kann. Das ist meine neue Passion - wie ein Traum, der wahr wird. Sie sagen, dass die Naturheilkunde Sie weitergebracht hat. Wie ist Ihr Verhältnis zur Medizin?

Nun, ich denke, es braucht beides, die Naturheilkunde und die Schulmedizin. Ich brauche den ganzen Tag viel Kraft, besonders um mit den allgegenwärtigen Schmerzen fertig zu werden. Dafür brauche ich 100 Prozent meiner Energie. Ich kann es mir nicht leisten, eine Schmerztablette einzunehmen, die mich dann beduselt. Was mir stattdessen guttut, ist Hagebuttenpulver und Weidenrinde - sowie etwas Rotwein zum Mittagessen. Doch beim Gehen oder Sitzen schmerzen die deformierten Füsse und der Rücken. Fast schmerzlos bin ich nur beim Schwimmen. Die Schmerzen sind dafür verantwortlich, dass ich nur leise und atemlos sprechen kann. Das hat nichts mit einer geistigen Behinderung zu tun. Was tun Sie, wenn Sie nicht malen?

Nun, ich habe verschiedene Hobbys und bin ausserdem für die Adressverwaltung der Verbindung Zofingia verantwortlich. Dort bin ich als «Mutationsführer Sepp» bekannt. Diese Beziehung stammt aus einer früheren Tätigkeit beim «Zofinger Tagblatt». Ausserdem hab ich - nachdem ich dann doch noch eine Lehre als Reprofotograf machen konnte - einem Fingerzeig des Herrn folgend, auch noch eine Ausbildung zum Masseur gemacht. Dabei lernte ich meine Frau kennen. Weiter habe ich lange am Manuskript für ein Buch mit meiner Geschichte geschrieben. Nun suche ich nur noch einen Verleger.

Josef Knecht im Gespräch - liegend kann er seine Schmerzen besser unter Kontrolle halten.

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