Zum Hauptinhalt springen

Düstere Aussichten für Pferdefachleute

Im Lindauer Strickhof beenden diesen Frühling die ersten Pferdefachleute ihre Lehre. Wollen sie selbstständig tätig sein, legt ihnen das geltende Raumplanungsgesetz Steine in den Weg.

Von Sarah Sidler Fast 90 000 Pferde leben derzeit in der Schweiz. Das weiss Bettina Ehrbar. Sie ist Agronomin und Tierzuchtlehrerin Fachgebiet Pferdehaltung der landwirtschaftlichen Schule Strickhof. Der Pferdebestand hat sich seit 2008 verdoppelt: Wie aus der «Landwirtschaftlichen Betriebsstrukturenerhebung» des Bundesamtes für Statistik hervorgeht, lebten 2008 58 969 Pferde in der Schweiz (1999 waren es 48 509 und 2003 bereits 52 672 Pferde). Landesweit beschäftigen sich rund 10 000 Menschen mit diesen Tieren und erzielen dabei einen Umsatz von über 1 Milliarde Franken. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, bietet in Lindau im Zürcher Oberland die Landwirtschaftliche Schule Strickhof seit 2008 die neue Berufsausbildung Pferdefachleute mit fünf Vertiefungsrichtungen an. Der erste Jahrgang absolviert dieses Frühjahr die Lehrabschlussprüfung. Selbst wenn sie die dreijährige Lehre erfolgreich beenden, stehen diesen jungen Menschen aber harte Zeiten bevor. «Diesen Beruf als angestellten Reitlehrer oder Bereiter auszuführen, heisst wenig Lohn und viel Arbeit», sagt Patrick Rüegg, Präsident des Verbands für Pferdeberufe. Rüegg hat diesen Beruf zwar der heutigen Zeit angepasst, sagt aber trotzdem, dass die Lehrabgänger keine einfachen Karten haben werden. Er weiss, dass viele ihren Beruf aufgeben. «Von 100 ausgebildeten Pferdefachleuten arbeiten nach fünf Jahren bloss noch 20 Prozent auf dem Beruf.» Sie hätten ohne eigenen Betrieb einfach zu wenig Perspektiven. Fast aussichtslose Lage Doch der Aufbau eines eigenen Betriebs sei eine grosse Schwierigkeit der Pferdeberufe, sagt Bettina Ehrbar. Sie bildet angehende Pferdefachleute im Strickhof aus. «Um zu einem eigenen Betrieb zu kommen, muss man über ein dickes Portemonnaie verfügen oder viel Glück haben», sagt Ehrbar. Sonst könnte man noch einen Bauern heiraten, auf dessen Betrieb Pferde im Nebenerwerb gehalten werden dürfen, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Die Chance, einen bestehenden Reitbetrieb übernehmen zu können, seien verschwindend klein. Rüegg schätzt, dass jährlich nicht mehr als fünf solche Betriebe in der Schweiz den Besitzer wechseln. Und trotzdem sei dies fast die einzige Chance für Pferdefachleute, um selbstständig arbeiten zu können. Besonders im Kanton Zürich. Gemäss Ehrbar ist es hier fast doppelt so teuer, einen Reitstall aufzubauen, wie ausserhalb der Kantonsgrenze. Die Gesetze seien komplett verzwickt, die Lage relativ ausweglos. Boden ist rar und teuer Das Problem ist das geltende Raumplanungsgesetz. So ist ein Reitstall in der Landwirtschaftszone nicht erlaubt, weil in dieser landwirtschaftliche Produkte hergestellt werden müssen. Landwirte dürfen zwar mehr als vier Pferde beherbergen, müssen ihren Haupterwerb jedoch durch den Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse generieren. Infrastruktur wie Reithallen oder Umkleideräume sind auch dann nicht erlaubt. «Gewerbsmässige Pferdehaltung mit mehr als vier Pferden ist in bestimmten Fällen auf einem Landwirtschaftsbetrieb, in der Gewerbe- oder in einer Pferdesportzone erlaubt», sagt René Loner von der Medienstelle der kantonalen Baudirektion. Diese Regelung stösst bei Rüegg auf Unverständnis: «Boden in der Industriezone ist schwer zu finden und sehr teuer. Für Leute, die ihr Geld mit Pferden verdienen, meist nicht bezahlbar.» Er fordert, dass Pferdefachleute ihre Betriebe in der Landwirtschaftszone aufbauen dürfen. Zum Vergleich: Ein Quadratmeter landwirtschaftliches Nutzland kostet zwischen 2 und knapp 9 Franken, Gewerbezone in ländlichen Regionen zwischen 300 und 400 Franken. Pferdesportzonen würden zwar in der Landwirtschaftszone liegen, gemäss Loner sei die raumplanerische Hürde jedoch sehr hoch, um Land in eine solche umzonen zu können. Konzept rechtzeitig auflegen Die Landwirtschaftliche Schule Strickhof ist der Baudirektion des Kantons Zürichs angegliedert – der Direktion, die für die Umsetzung des Raumplanungsgesetzes zuständig ist. Ein und dieselbe Direktion bildet also Leute aus und muss gleichzeitig den Auftrag des Gesetzgebers umsetzen, welcher die Bautätigkeit in der Landwirtschaftszone für Nichtlandwirte eindämmt. Es sei schwierig, eine Lösung zu finden, die dem schweizerischen Raumplanungsgesetz, der immer grösseren Anzahl Pferdehalter und den restriktiven Regeln für nicht landwirtschaftliche Nutzungen in der Landwirtschaftszone gerecht werde, sagt Loner. Die Baudirektion rät den angehenden Pferdefachleuten, die sich selbstständig machen wollen, ein Betriebskonzept zu erstellen und dieses so früh wie möglich mit der Baudirektion zu besprechen. Weiter könnte die Zusammenarbeit mit einem landwirtschaftlichen Betrieb geprüft werden, in dem die Pferdehaltung als Nebenbetrieb eingebettet werden könnte. Raumplanungsgesetz ändern Der Verband für Pferdeberufe will das Raumplanungsgesetz durch einen Vorstoss ändern. Damit Sport- und Freizeitpferde künftig auch in der Landwirtschaftszone gehalten werden dürfen. Dadurch steigt die Chance von Pferdefachleuten, ihren Beruf umzusetzen. Genügend Pferde wären vorhanden. «Von 100 ausgebildeten Pferdefachleuten arbeiten nach fünf Jahren bloss noch 20 Prozent auf dem Beruf.» Patrick Rüegg, Präsident des Verbands für Pferdeberufe Der Verband für Pferdeberufe macht sich stark dafür, dass Sport- und Freizeitpferde auch in der Landwirtschaftszone gehalten werden dürfen.Foto: Reto Oeschger

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch