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Die stille Arbeit im Schatten der Theaterbühne

Die Theaterschneiderin Germaine Gamper und vier ihrer Berufskolleginnen stellen im Ausstellungsraum Tuchinform in Winterthur opulente Rokoko-Kleider aus.

Von Sarah Rüegger Geschickt, Haken für Haken, schliesst Germaine Gamper den weit ausschweifenden Kleidunterbau. Wie ein riesiger Brotkorb sitzt er auf der Taille, und tatsächlich heisst die Hüfterweiterung im Fachjargon Panier, Französisch für Brotkorb. Gebogene Federstahlstäbe geben dem Unterbau seine Form, eingenäht sind sie in ungefärbte Baumwolle. Aus demselben Material ist auch der bodenlange Unterrock gefertigt, den Gamper nun über den Panier stülpt. Die 26-Jährige hat sich dem Schneiderhandwerk verschrieben, doch sie fand ihre Leidenschaft nicht im Alltäglichen. Die Bühne sollte es sein, das Drama, die Opulenz historischer Kostüme – sie wählte den Beruf der Theaterschneiderin. Ihr vorerst letztes Lehrstück, ein Rokoko-Kostüm, hat für sie alles, was man sich von einer Stilepoche wünschen kann: Das Rokoko ist die absolute Herausforderung. Jahrhundert der Kleinigkeiten Ein kühles Rascheln erfüllt den Raum, als sie den gelben Seidentaftrock mit Schwung über den Kopf zieht. In der Rückenmitte wird der Rock mit Haken und einem Druckknopf geschlossen. Ein Leibchen gibt es nicht, das Mieder wird auf der blossen Haut getragen. Es ist umstritten, über welche Zeitspanne sich das Rokoko als führende Stilrichtung behauptete. Frühe Anzeichen sollen bereits in den 1720er-Jahren aufgetaucht sein, Überbleibsel wurden noch in den Anfängen des 19. Jahrhunderts beobachtet. Der Stil machte sich vor allem in der Architektur, der Kunst und besonders der Mode breit. Rokoko steht für das Feine, Kapriziöse, Kokette. «Le siècle des petitesses» nannte ihn Voltaire, das «Jahrhundert der Kleinigkeiten». Das Wort an sich entspringt denn auch dem Begriff «Rocaille» – Muschelwerk. Vor allem in der Architektur zeigte sich der Stil in Form von feinen, aber überbordenden Ornamenten und Stuckaturen. Verspielte Linienführungen und die im Barock verpönte Asymmetrie kamen auf. In der Kunst schweifte man in sinnliche Darstellungen der Natur und des höfischen Lebens ab. Madame de Pompadour, die bekannteste Mätresse des französischen Königs Louis XV, wird gerne als Modeikone des Rokoko bezeichnet. Praktisch, nicht historisch Von vorne schlüpft die Schneiderin nun in das Mieder. Mit Knöpfen befestigt sie es am Oberrock, und dazu braucht sie Hilfe. Die Kordel, welche die Rückenmitte zusammenhält, wird wie bei einem Turnschuh kreuzweise durch die Ösen eingefädelt, bevor der Oberkörper von oben nach unten eingeschnürt wird. Was die Kleidung der höfischen Damen betrifft, ist Rokoko heute weitgehend ein Klischee. «Die Leute erwarten sichtbare Schnürungen bei einem Rokoko-Kleid», sagt auch Germaine Gamper, die Theaterschneiderin. Dabei waren offensichtliche Schnürungen im 18. Jahrhundert eine absolute Ausnahme; die Schnürung als Verschluss gab es kaum. «Rokoko-Kleider waren meist vorne mit Nadeln zusammengesteckt, die Damen wurden jeweils wieder neu in ihre Mieder eingenäht.» Heute wolle das Publikum aber Schnüre und Haken sehen, damit es von einem Mieder spreche. Für den Theaterbetrieb sei eine präzise historische Adaption aber zu zeitaufwendig: «Das rasche Umziehen erfordert praktische Verschlussformen.» Gerafft, gefaltet und gesmokt Geübt schiebt Germaine Gamper den ausschweifenden Rock seitwärts durch die Tür. Sie kennt den Umgang mit dem Kleid, an dem sie ein ganzes Jahr lang immer wieder gearbeitet hat. Es ist das Diplomstück ihrer Theaterschneiderlehre, die sie vergangenen Sommer abgeschlossen hat – 15 Meter Seidentaft, gerafft, gefaltet und gesmokt trägt sie nun auf dem Körper. Nach der regulären Schule habe sie bei der Berufsberatung die Ordner durchstöbert, als sie auf das Kapitel über die Theaterschneiderin gestossen sei, sagt Gamper. Da sei für sie klar gewesen: «Das ist der perfekte Beruf für mich.» Der einjährigen Theaterschneiderausbildung muss zwingend eine Damenschneiderlehre vorausgehen. Gamper zog das durch. Gleich anschliessend bewarb sie sich an der Zürcher Fachschule für Mode und Gestaltung Modeco für die Theater-Spezialisierung und wurde aufgenommen. Doch weil es zu wenig Platz im Atelier hatte, landete sie auf der Warteliste – und konnte schliesslich die Lehre nicht antreten. Sechs Jahre lang machte sie einen Bogen um die Modeco, jobbte in der Oper, in der Maag Event Hall, nähte Eiskunstlaufkleider und verkaufte Mercerie. Bis es sie noch einmal packte. Der Beruf der Theaterschneiderin verschwindet völlig im Schatten, den die Branche wirft: Regisseure, Schauspieler, Bühnen- und Kostümbildner werden gefeiert oder stehen zumindest mit Namen im Programm. Die Schneiderin arbeitet fernab vom Ruhm. Doch frustrierend sei lediglich die Bezahlung, sagt Germaine Gamper. Es sei für sie auch nie eine Option gewesen, sich als Kostümbildnerin zu verwirklichen. «Meine handwerkliche Versiertheit würde mich bloss hemmen.» Denn zu wissen, was es heisst, etwas in Handarbeit herzustellen, schränke den Horizont ein: «Ich denke als Schneiderin immerzu an die Machbarkeit.» Doch Gamper mag die Herausforderung. So zieht sie opulente historische Kostüm-Interpretationen den modernen vor. «Ich finde es schade, dass die Regisseure heute meist auf Abstraktion setzen.»Eine Perspektive für die Zukunft sei die Ausbildung zur Gewandmeisterin, um danach ein eigenes Atelier leiten zu können. Momentan hat Gamper eine Fixanstellung beim Technology and Production Center Switzerland (TPC), einem Tochterunternehmen des Schweizer Fernsehens. Dort werden Kostüme hergestellt für TV-Produktionen wie etwa den «Kampf der Chöre». Zudem hat sie wechselnde Engagements bei Theaterproduktionen, zurzeit etwa solchen des Schauspielers Erich Vock. Auch in ihrem Beruf sei alles eine Frage der Kontakte. «Da kommt es auf den Menschen an, wie offen man ist.» «Ich finde es schade, dass die Regisseure heute meist auf Abstraktion setzen.» Germaine Gamper, Theaterschneiderin 15 Meter Seidentaft: Germaine Gamper in ihrem Rokoko-Kleid, das sie für ihre Diplomarbeit anfertigte. Foto: Dominique Meienberg

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