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Die Popstudenten spielten näher beim Design als beim Blues

Vor fünf Jahren wurde an der Zürcher Hochschule der Künste ein Lehrgang für Popmusik eingeführt. Nun fanden im Moods die ersten Diplomkonzerte statt.

Von Benedetto Vigne Welch Kontrastprogramm! In der Halle des Schiffbaus wird eben am Dienstagabend dem seinen 70. Geburtstag feiernden Bob Dylan – dem wohl widerspenstigsten Studenten der Popmusik – eine theatralische Installation gewidmet. Zur gleichen Zeit beginnt im wenige Meter nebenan liegenden Moods die dreitägige Abschlusskür der allerersten Pop-Master-Studenten der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Womit die Kernfrage auch grad formuliert wäre: Ist es sinnvoll und nötig, die Kunst der Popmusik durch einen akademischen Lehrgang zu erlernen? Kommen die grossen Popstars nicht eh oder mindestens eher aus den muffigen Kellern und einsamen Mansarden, aus den stickigen Nightclubs? Nun, die definitive Antwort gibt ein Diplomkonzert nicht, kann es nicht geben. Aber einige Einsichten lassen sich da schon gewinnen. Am Revue-artigen Act des Rockschlagzeugers Dominique Destraz zum Beispiel. Mit einer Ad-hoc-Band hat der 26-jährige Richterswiler eine «Journey Through Pop Music» zusammengestellt, bei der er mit der Unterstützung durch fünf Gaststimmen die verschiedensten Popstile vorführt – vom Indierock zum Hip-Hop und vom Reggae bis hin zum Metal. Streicherinnen und Bläser ergänzen das illustre Bild. Durch die Revue führt ein umkleidefreudiger Moderator, der das Publikum von Anfang an mit Sprüchen und Spielchen anspornt. Aus Richterswil sind viele Fans anwesend, für die nötige Stimmung ist also gesorgt.So funktioniert anscheinend Popmusik. Dass manche der Songs aus Depraz’ Feder etwas gar viel Mehrzweckhallen-Groove besitzen, geht in der Euphorie beinahe unter. Man überhört freilich auch den sackstarken, sicheren und vielseitigen Schlag des jungen Drummers – er ist ein möglicher künftiger Crack. Die «Stars» kommen von extern Noch grosszügiger gestaltet sich die abendliche Revue am darauffolgenden Tag bei Dave Demuth. Aber auch gediegener, ruhiger. Der 31-jährige Bassist spielt, beinahe versteckt, hinter einem dreissigköpfigen Orchester. Ans Mikrofon treten abwechselnd Fiona Daniel, Valeska Steiner und Adrian Weyermann. Demuth hat diverse Songs dieser drei (nicht studierten!) Zürcher Jungkoryphäen fürs Orchester arrangiert. Und er hat es geradezu bravourös gemacht. Hat die Eigenheiten der Einzelnen herausgestrichen – Daniels Brüchigkeit, Steiners Sanftmut, Weyermanns Kapriolen – und dennoch dem Ganzen eine Einheit, eine schichtenreiche, ultradynamische Linie irgendwo zwischen den grossen Filmmusikkomponisten John Barry und Ennio Morricone verpasst. Definitiv ein Highlight dieser Masterkonzertreihe! Filmstimmungen wurden dann auch beim zweiten Act des Mittwochabends offeriert, allerdings in ganz anderen Farben. «Schwarz oder weiss» nennt Omar Fra seine Lieder, die er allein vorträgt, sich selbst am Piano oder an der Gitarre begleitend. Schwarz ist denn auch seine ganze Erscheinung – von der pomadisierten Frisur über das sexy Unterleibchen bis hin zu den Espadrilles.Die Akkorde sind träge und hartnäckig, sie erinnern von fern an Radiohead oder Leonard Cohen. Und irgendwann fragt man sich dann, ob der Gesang – leicht akzentig und textlich voller «lakes» und «forests» und «castles» und dabei immerhin zweimal heftig auskrachend – ein kleiner Makel ist oder allenfalls doch eher eine kapriziöse, ernst zu nehmende Eigenheit des Omar Fra darstellt. Von Björk bis Synthie-Pop Ganz in hohepriesterlichem Weiss dafür der Auftakt am letzten Abend, selbst die Gesichtshälften sind weiss angemalt. Mara Micciché hat ihr Quartett in der Mitte des Raumes im Kreis aufgestellt und unterstreicht damit das Tribale ihrer Musik. Minimale, skizzenhafte Patterns aus Standpauken, Bassläufen und Tastentröpfchen, darüber streut die zierliche Sängerin reich modulierte Linien, bei denen jede Silbe, bluesartig beinahe schon, auf den schieren Laut konzentriert wird. Natürlich, Björk ist da nicht weit entfernt, aber auch Laurie Anderson. Und dennoch ist die kurze musikalische Vignette irgendwie Micciché pur. Kaum noch Styling herrscht hingegen beim Schlussact der Veranstaltung; man wähnt sich sogar zurückversetzt in die Mehrzweckhalle. Stefan Aegerter und seine Band sind sehr deutlich auf den Sound der 80er-Jahre eingestellt, sie forcieren Elektrodrums, Juno-Synthies und die damals zeitgeistige Unterkühltheit. Aegerters flache Stimme passt dazu. Aber zwischendurch kommt es doch zu kleinen monumentalen Ausbrüchen. Und die leichte nervöse Widerwilligkeit, die vom bebrillten Diplomanden ausgeht, die hat dann geradezu etwas Dylaneskes. Wie in einer Musikerfamilie Gewiss, Popstars werden da kaum herangezüchtet an der ZHdK. Aber was an diesen ersten Pop-Master-Diplomkonzerten deutlich herauszuspüren war: An der Zürcher Schule gedeihen höchst kompetente popmusikalische Universalisten heran, die einer stetig wachsenden, sich immer stärker vernetzenden einheimischen Szene nur gut tun können. Was im Übrigen auch im Kleinen zum Ausdruck kam: An den drei Abenden im Moods wurde gehörig kreuz und quer ausgeholfen und untereinander gastgespielt – wie bei einer grossen, beherzten Musikfamilie.

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