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Die Oberländer pflücken Sidebeeri

Zürichdeutsch ist nicht gleich Zürichdeutsch – der Dialekt, den die Oberländer sprechen, unterscheidet sich von jenem der übrigen Zürcher. Wie genau, haben Wissenschaftler vom Schweizerdeutschen Wörterbuch dokumentiert.

Von Gabriela Frischknecht «Uf Ehr: Es ischt e grossi Stroof, wie d’Manne giftig sind. Säb wüssed d’Geisse, d’Chüeh und d’Schoof und ’s Wiibervolch und d’Chind.» Diese Strophe aus dem «Chelleländer Spottlied» von Caspar Keller bringt es auf den Punkt, oder besser gesagt auf den Vokal, worin sich der Oberländer Dialekt vom übrigen Zürichdeutsch unterscheidet. Es ist die Verdumpfung des Vokals a zu o. Das zürichdeutsche helle Aabig wird im Oberland zu Oobig, Schaaf wird zu Schoof. «Das verdumpfte a ist das Hauptunterscheidungsmerkmal der Zürcher Oberländer», erklärt Christoph Landolt. Der Sprachwissenschaftler arbeitet seit 20 Jahren als Redaktor beim Schweizerischen Idiotikon in Zürich und hat den Zürcher Oberländer Dialekt speziell unter die Lupe genommen. «Grundsätzlich ist der Zürcher Dialekt recht einheitlich, verglichen etwa mit den Ostschweizer Dialekten.» Landolt vermutet, dass diese A-Verdumpfung einst im gesamten Zürcher Sprachgebiet üblich war. Spezialitäten im Wortschatz Die Stadtzürcher waren dann die Ersten, die das a aufhellten, später breitete sich diese Neuerung im gesamten Kanton aus. «Nur die Zürcher Oberländer sind hier sozusagen zu Exoten geworden», so Landolt. Weshalb es zu dieser Aufhellung kam, ist bis heute nicht recht geklärt. Christoph Landolt betont jedoch, dass dieser Lautwandel nichts mit der zunehmenden Übernahme der Standardsprache - des Hochdeutschen - zu tun hat, sondern schon über 500 Jahre zurückliegt. Doch nicht nur die Verdumpfung des a spielt eine Rolle, auch an der Vokalverkürzung vor dem Buchstaben t erkennt man den typischen Oberländer Sprecher. «Die Oberländer sagen Chrutt oder Zitt und nicht etwa Chruut oder Ziit», erklärt Landolt. Und zumindest früher konnte man im oberen Tösstal noch den R-Schwund ausmachen: Stäänebääg, sagte man damals zu Sterneberg. Unterschiede zeigen sich aber nicht nur in der Aussprache, wie Christoph Landolt ausführt. Auch der Wortschatz zeigt im Oberland einige Spezialitäten. Das gut zürcherische Chuchichäschtli ist im Oberland ein Almääri oder Almääli, ein Zuchtstier wird hierzulande zum Muchel. Im Garten pflücken die Oberländer nicht einfach Himbeeren, sondern Sidebeeri, Johannisbeeren schliesslich heissen Santehansebeeri. All diese Wörter sind mit rund 150 000 anderen Stichwörtern in den bislang erschienenen 15 Bänden - Band 16 dürfte nächstes Jahr fertig werden - des Schweizerischen Idiotikons verzeichnet (siehe Kasten). Die Worteinträge stützen sich einerseits auf literarische Quellen, beispielsweise die Werke von Dialektautoren, andererseits waren aber auch indigene Sprecher aus den jeweiligen Regionen wichtige Gewährsleute. Schon 1862 rief die Redaktion des Idiotikons die Bevölkerung auf, Zeugnisse des jeweiligen Dialekts einzusenden. Typische und vor allem fleissige Einsender waren Pfarrer, aber auch Ärzte, Studenten und Lehrer schickten umfangreiche Wortlisten - oftmals in gestochen scharfer Handschrift - an die Wörterbuch-Redaktion. «Sie gehörten damals zur Bildungselite», erklärt Redaktor Christoph Landolt. Etwa Johann Jakob Brunner, Schulverweser aus Fischenthal. Seine alphabetisch wohlgeordnete Liste enthält Trouvaillen wie Chruz für Ofenwinkel oder Wolheist für Waldameise. In Bauma gab es gar eine Sektion rund um einen Lehrer namens D. Sprecher, die Wörter sammelte. Diese Sektion setzte sich aus verschiedenen Lehrern von Wila und Bauma zusammen. In ihren Aufzeichnungen findet sich etwa der Ausdruck en Arpfel, was – analog zu Hampfle aus Handvoll –so viel bedeutet wie ein Armvoll. Dialekte verändern sich Rund 100 Jahre später, in den 1950er Jahren, war es wiederum ein Fischenthaler Lehrer, der akribisch dokumentierte, wie seine Schüler sprachen. Wilfried Oberholzer notierte, wie viele von ihnen bestimmte Wörter noch verwenden oder diese nur noch von den Grosseltern her kennen. Oberholzer fand so etwa heraus, dass die meisten seiner Schüler den Ausdruck «es heiteret uf» (das Wetter bessert sich) zwar noch kennen, ihn aber nicht mehr benützen. Auch das verdumpfte a verwendeten nicht mehr alle Schüler. Das setzt sich bis heute fort. Die dialektalen Unterschiede zwischen dem Oberland und dem übrigen Zürich lösen sich heute immer mehr auf. Ein Umstand, dessen sich auch die Wörterbuchredaktion bewusst ist, wie Christoph Landolt sagt. «Der Abstand zwischen Mundart und Schriftsprache wird immer kleiner, und auch die einzelnen Dialekte gleichen sich immer mehr an.» Seine Welt sind die Wörterbücher: Sprachwissenschaftler Christoph Landolt ist Redaktor beim Idiotikon. Foto: David Kündig

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