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Die Nagra erschüttert das Unterland

Ab nächster Woche schicken schwere Maschinen seismische Wellen in den Boden in der Region Nördlich Lägern. Die Daten sollen zeigen, wie geeignet der Standort für ein Tiefenlager ist.

Von Florian Schaer Am Montag haben drei 22 Tonnen schwere Gefährte im Aargau eine 260 Kilometer lange Reise in Angriff genommen; quer durch das Gebiet Nördlich Lägern. Mit ihrer Hilfe will die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) ein detailliertes Bild über die Gesteinsschichten im Untergrund erhalten. Die Pfade der Maschinen teilen das Messgebiet schachbrettförmig auf. Die erste Linie von West nach Ost erreicht voraussichtlich im Verlaufe der nächsten Woche Bachs und führt über Weiach und Stadel nach Glattfelden. «Der Tross bewegt sich mit durchschnittlich drei Kilometern pro Tag», sagte Philip Birkhäuser, der zuständige Projektleiter, gestern an einer Medienorientierung. Eben hatten die Maschinen die Aargauer Gemeinde Untersiggenthal erreicht. Echolot für Steine Kurz vor Mittag rollten die trägen Vibratoren auf einer Strasse quer durch den Wald oberhalb des Dorfes. Sie erzeugten feine Schwingungen an der Erdoberfläche, die bis in eine Tiefe von über einem Kilometer Gestein reflektiert werden. Die Technik ist vergleichbar mit einem Echolot auf Schiffen. 2-D-Seismografie nennt sich das Messverfahren. Zuvor ausgelegte spezielle Mikrofone empfangen das Echo und geben so Aufschluss über die Zusammensetzung des Bodens &endash und damit über dessen Eignung, Atommüll unterirdisch einzulagern. Im Unterland sieht man den Messungen entspannt entgegen. «Wir haben zusammen mit den Kantonen detailliertere Daten verlangt», sagt Stadels Gemeindepräsident Peter Bernhard. Solange kein konkreter Entscheid über den Standort da sei, werde auch in der Bevölkerung niemand Sturm laufen, sagt er. Nagra-Projektleiter Philip Birkhäuser drückt es etwas salopper aus: «Der Grossteil der Bevölkerung schert sich einen Deut um diese Messungen.» Markus Fritschi aus Watt, Mitglied der Nagra-Geschäftsleitung, zeigt sich derweil erstaunt, wie viel Verständnis die Bevölkerung aufbringt. «Die Messungen sind stets freiwillig. Jeden Grundeigentümer fragen wir an, ob wir die Messungen auf seinem Land durchführen dürfen», sagte er gestern. Die Information der Landbesitzer erfolgt jeweils etwa einen Monat, bevor die Vibratoren auffahren. «Erfahrungen im Zürcher Weinland haben gezeigt, dass 98 Prozent der Betroffenen einwilligen.» Fritschi führt das vor allem darauf zurück, dass die Messungen nicht politisch gesteuert und die Daten wertneutral sind. Bis im März 2012 sollen die ganzen 260 Kilometer vermessen sein. Endlagergegner fordern 3-D Nicht zuletzt können sich Gegner eines Unterländer Endlagers auch erhoffen, dass das Gebiet Nördlich Lägern als wenig geeignet quasi «entlassen» wird. So hält auch Lukas Spuhler, Co-Präsident des Vereins Klar Züri Unterland die Messungen für dringend nötig. «Uns stört eher, dass die Nagra hier aus Kostengründen 2-D-Seismografie anwendet. Man müsste überall 3-D-Messungen machen, um alle Standorte so detailliert wie möglich vergleichen zu können.» Weiter kritisiert Spuhler die Regionalkonferenzen, die sich aus Experten, Interessenvertretern und Behörden zusammensetzen und die Messungen in dieser Phase kritisch begleiten. «Dort diskutiert man jetzt schon über die Entwicklung der betroffenen Region und wirtschaftliche Ausgleichsleistungen.» Das sei viel zu früh, sagt Spuhler. Man solle doch erst einmal die harten Fakten zusammentragen. Derweil ziehen die Vibratoren, Begleitfahrzeuge und die Hundertschaft von Mitarbeitern weiter. Im Unterland werden sie noch die Gemeinden Hochfelden, Höri, Bülach Nord, Steinmaur, Dielsdorf, Niederhasli sowie die meisten Gemeinden im Rafzerfeld, im Furttal und im Wehntal erschüttern. Sechs Standorte kommen für ein Endlager für radioaktive Abfälle infrage: Für leicht- bis mittelaktive Abfälle: Jura Ost (AG), Jura Südfuss (AG, SO) und Südranden (SH).Für hochaktive Abfälle: Nördlich Lägern (ZH, AG), Jura Ost (AG) und Zürich Nordost (ZH, TG). Der Bundesrat will im November entscheiden, ob einzelne Standorte nicht mehr infrage kommen sollen. Am Ende entscheidet das Volk über den definitiven Standort. Die Nagra rechnet mit dem Entscheid in zehn Jahren und mit der Fertigstellung frühestens im Jahr 2050. (flo) Die Vibratoren der Nagra erzeugen Schwingungen unter dem Wald von Untersiggenthal AG. Foto: Florian Schaer

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