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«Die jungen Muslime sind hier längst integriert»

Die Jugendlichen seien Schweizer von der Kultur und Muslime vom Prinzip her, sagt der berühmte Islamwissenschaftler Tariq Ramadan aus Genf.

Islam Mit Tariq Ramadan sprach Michael Meier Herr Ramadan, junge Muslime in Europa scheinen Ihr Lieblings-publikum zu sein. Weshalb? Nicht nur, ich habe eben in Marokko vor Ärzten gesprochen. Ich referiere vor politischen Parteien und religiösen Leadern. Es ist auch falsch – wie in Frankreich – immer nur von jungen Muslimen zu sprechen. Gewiss, ich liebe es, mit den Jungen Ideen zu teilen: Sie haben Energie, und sie sind unsere Zukunft. Darum muss man sie zur Verantwortung befähigen. Die meisten dieser Jungen am Ummah-Day sind hier geboren, haben einen schweizerischen und einen muslimischen Elternteil. Wäre es nicht einfacher für sie, der Mehrheitsreligion anzugehören? Es ist nicht sicher, ob das für sie einfacher wäre. Man sieht möglicherweise ihrer Hautfarbe an, dass sie nicht rein schweizerisch sind, was dann Argwohn wecken könnte. Viele wollen einfach ihrem Glauben treu bleiben, was nicht heisst, dass sie die kulturelle Umgebung zurückweisen, in der sie leben. Ist es nicht so, dass eine Religion mit markantem Profil wie der Islam mehr Halt gibt als das geschwächte Christentum? Das ist gut möglich. Gehört man zu einer Minderheitsreligion, ist mehr Energie nötig. Das kann den anderen Angst machen. Als ich letztes Jahr bei Papst Benedikt war, sagte sein interreligiöser Berater, das Ankommen des Islams in Europa habe die Frage nach Gott neu belebt. Das ist gut und macht zugleich Angst, weil die Muslime mit grösserem Elan von Gott reden als die Christen. Muslime sollten nicht Angst haben, von Gott zu reden. Sie sollen das aber nicht gegen, sondern mit der Mehrheit tun, mit den Christen und anderen Religionsangehörigen. Schliesslich sind es nicht die Muslime, die den Glauben der Christen in Gefahr bringen. Das sind andere Faktoren wie die Säkularisierung oder die Gleichgültigkeit. Sie sprechen mit Blick auf die zweite Generation von einer Zeit der Postintegration. Wie das? Die am Ummah-Day vertretenen Jugendlichen sind hier nicht fremd, sondern zu Hause. Sie sind längst integriert, sprechen Deutsch. Sie sind Schweizer von der Kultur und Muslime vom Prinzip her. Das Wichtigste in der Zeit der Postintegration ist die Partizipation, einen Beitrag zu leisten. Je mehr man der Gesellschaft gibt, um so mehr ist man Teil davon. Am Ummah-Day am Samstag in Dietikon sah man fast nur Frauen mit Kopftuch. Ist das wirklich Vorschrift? Was raten Sie einer muslimischen Lehrerin? Als Muslim und Wissenschaftler denke ich nicht, dass es eine Vorschrift des Islams ist, das Gesicht zu verdecken. Die Burka ist keine Vorschrift, aber man erreicht nichts, wenn man sie mit Gesetzen verbietet. Islamische Vorschrift ist es indessen, die Haare zu bedecken. Man sollte das Kopftuch weder aufzwingen noch verbieten. Jede Frau soll selber wählen dürfen. In der Schule erwarte ich, dass die Materie, die man vermittelt, neutral ist, nicht aber die Lehrperson. Noch bis vor kurzem haben doch in vielen Kantonen katholische Schwestern unterrichtet, und zwar nicht etwa Religion, sondern Sprachen zum Beispiel. Tariq Ramadan verlässt nach seiner Rede die Bühne in der Stadthalle Dietikons.Foto: Reto Oeschger

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