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Die Geister sind am Holzsammeln

Entspannte Beziehung zum Jenseits: Die 14. Kurzfilmtage Winterthur vermischen Kunst mit Kino und setzen damit allerlei Gespenster frei.

Von Pascal Blum Ist es ein Rothko? Ein Malewitsch? Oder doch nur ein Rechteck? Unvermittelt stellt man sich im Kino die Fragen des Museumsdeppen. Dabei reiht der Filmemacher Matt McCormick nur graue Vierecke auf Betonwänden aneinander: Graffiti, die vom offiziellen Putzdienst übermalt wurden. Der satirische Kurzfilm «The Subconscious Art of Graffiti Removal» ist in Winterthur im Schwerpunkt «Moving Art» über die Halbwelt zwischen Kino und Kunst zu sehen. Im didaktischen Ton des Schulfunks stellt das witzige Mockumentary die Graffitiordnung dem abstrakten Expressionismus gegenüber. Man erkennt die Kunst, die die Putzleute ahnungslos an die Mauern gemalt haben: Zweimal eierschalenfarben übers Graffito gerollt, fertig ist der Mondrian. Und die Kunst steht an einem Ort, wo sie niemand hingestellt hat. Darüber spricht die Künstlerin Miranda July ein schönes Theoriegeschwurbel, um der These genügend Gewicht zu geben und damit auch gleich moderne Kunst zu persiflieren, bei der es mehr zu lesen als zu sehen gibt. Kino, wie es auch sein könnte Eines werden sich die Kurzfilmtage gefragt haben: Bleibt Kunst Kunst, wenn man Filme ins Kino hievt, die sonst als Endlosschlaufen in Galerien und Kunstmessen stehen? Die Antwort: Ja. Sie nimmt einfach chamäleonartig die Form von Kino an. Einer der grössten Grenzgänger zwischen Kino und Kunst ist momentan der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul. Bevor sein Cannes-Siegerfilm «Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives» im kommenden Jahr in die Schweizer Kinos kommt, läuft in Winterthur die Vorstudie dazu: «A Letter to Uncle Boonmee». Schwerelos wie ein Phantom gleitet die Kamera durch verlassene Häuser, während der Erzähler Worte an einen Onkel Boonmee richtet, der gar nicht da ist und vielleicht Lehrer oder Polizist war. Angesiedelt ist die kurze Meditation im kleinen Dorf Nabua, in dem die thailändische Armee in den 60er-Jahren Kommunisten jagte und Verdächtige verschleppte. Der Film handelt von Ungewissheit, Erinnerung und verdrängter Vergangenheit. Vor allem aber fällt er aus der Zeit und wirkt, als summe und surre jenseits unserer Wahrnehmung ein insektenartiges Leben. Mit sinnlichem, tastendem Blick wandelt Weerasethakul im Haus umher und fängt durchs Fenster die Geräusche des Dschungels ein, die klingen wie ein Kratzen aus einem früheren Leben. Und das Tier, das gemächlich aus dem Bild läuft – ist das Uncle Boonmee in anderer Gestalt? Durch den ruhigen Blick des Thailänders öffnet sich der Alltag für wundersame Dinge: Wer genau hinsieht, entdeckt im Urwald den Affenmenschen. Die Geister sind am Holzsammeln. Das ist Kino, wie es auch noch sein könnte. Im Hollywoodfilm poltern Geister oft zur Tür herein und führen zum Zusammenbruch des Alltags mit Familie, Auto und vernünftiger Balance aus Job und Freizeit. Kunst geht recht entspannt mit Gespenstern um. Etliche tote Leute erblickt der Mann im brasilianischen Kurzfilm «Superbarocco»: Einsam backt er Kuchen für eine Party ohne Gäste, doch wie Videokünstlerin Renata Pinheiro Tanzende an die Wand projiziert, sind sie plötzlich anwesend. Ein Filmtrick heisst die Geister willkommen. In der Geisterzone Was will Kunst vom Kino? Mit seinen mysteriösen Bildern ist Apichatpong Weerasethakul selbst ein Seelenwanderer zwischen den Welten. Im Kino baut er einen Echoraum zu seiner Kunst, sein grosses Thema die Erinnerung. Glaubt man dem US-Schriftsteller James Sallis, nutzen wir Kunst gleich wie Erinnerungen: In beiden Reservoirs bedienen wir uns, um ein Bild unserer selbst zu basteln. Dazwischen aber braucht es das Kino als Bindeglied. Es lenkt die Kunst zu Erinnerungen um – zu kaum fassbaren Bilderfetzen, die frei im Kopf flottieren und sich im Alltag mit Eindrücken aus Medien, Video, Werbung vermischen. Indem Weerasethakul in diese Geisterzone zwischen Wirklichkeit und Traum vorstösst, rührt er ans Innerste. Die Kurzfilmtage Winterthur dauern noch bis Sonntag. «A Letter to Uncle Boonmee» und «Superbarocco» sind heute Samstag um 11 Uhr, «The Subconscious Art of Graffiti Removal» am Sonntag um 14 Uhr im Festsaal des Casinotheaters zu sehen. www.kurzfilmtage.ch Genaues Hinschauen bringt Überraschendes zutage: Bild aus dem thailändischen «A Letter to Uncle Boonmee».Foto: PD Und plötzlich tauchen im brasilianischen Kurzfilm «Superbarocco»die Geister auf.Foto: PD

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