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Die CVP brachte Blumen ans eigene Begräbnis

Debakel für die CVP: Hans Hollenstein abgewählt, im Kantonsrat vier Sitze verloren.

Von Stefan Häne und Ruedi Baumann Zürich – Vor dem Salon steht ein prächtiger Blumenstrauss für Hans Hollenstein bereit. Er trägt die Farbe der CVP: Orange. Es ist kurz vor halb fünf Uhr. Noch steht das Schlussresultat im Regierungsratswahlkampf aus, die Spannung steuert auf ihren Gipfel zu. Gleichwohl gemahnt die Ambiance im Hotel Schweizerhof neben dem Hauptbahnhof an einen Leichenschmaus: Alles ist feierlich hergerichtet, doch die Stimmung ist bedrückt. Bloss zwanzig Mitglieder und Sympathisanten der CVP haben sich gestern Nachmittag ins Wahlkampflokal bemüht. Ein CVP-Wähler entschuldigt sich, dass er keine schwarze Krawatte trägt. Ein anderer übt sich in Galgenhumor: «Man kann Blumen auch zu einem Begräbnis schicken.» Wenig später ist das Begräbnis Tatsache: Hans Hollenstein ist abgewählt, Martin Graf, der grüne Herausforderer, hat den Sicherheitsdirektor knapp ausgestochen. Die CVP-Familie wirkt gefasst, als der abtretende Justizdirektor Markus Notter Hollensteins Abwahl verkündet. Tränen fliessen keine, es herrscht aber Grabesstille. Eine Partei trauert – bald auch um ihr eigenes Ende?Im Parlament musste die CVP Federn lassen: Neu hält sie noch 9 Sitze (–4). Ihr Wähleranteil ist von 7,2 auf 4,9 Prozent geschrumpft. Nächstes Opfer könnte Parteipräsident Markus Arnold sein. Einen Rücktritt schliesst er nicht aus: Er reisse sich nicht um dieses Amt und sehe sich bloss als Dienstleister. Er stellt aber klar: «Ich mache so lange weiter, wie meine Partei mich braucht.» Die Niederlage ist den CVPlern gehörig in die Knochen gefahren. Ihre Durchhalteparolen wirken lau. «Jetzt haben wir ein Problem», sagt zum Beispiel CVP-Geschäftsführerin Julia Hirzel.Kämpferisch wirkt einzig Wahlkampfleiter und CVP-Nationalrat Urs Hany. Gross ist sein Befremden, dass die GLP «ohne richtigen Wahlkampf» einen solchen Sieg einfahren konnte. Noch grösser ist seine Anerkennung für die SVP, die ihre Wählerschaft «sehr gut» mobilisieren konnte. Gar masslos ist sein Ärger über die TA-Wahlumfrage, die dem CVP-Regierungsrat eine sichere Wiederwahl prophezeite. Auch CVP-Präsident Markus Arnold räumt ein: «Wir sind auf dem linken Fuss erwischt worden.»Über die Gründe für Hollensteins Abwahl ist man sich in der CVP nicht einig. Fraktionschef Philipp Kutter begründet dieses historische Ereignis mit der Stärke Grafs, «der von der grünen Welle profitiert hat». Präsident Arnold mutmasst, die Affäre um das Migrationsamt habe Hollenstein ebenso geschadet wie das Etikett, harmoniesüchtig zu sein. «Ein Mobbingopfer der Medien» Arnold gibt sich auch selbstkritisch. Die neun Regierungskandidaten seien auf ihrer Wahlkampftournee als harmonisches Grüpplein aufgetreten und hätten sich gegenseitig auf die Schulter geklopft. «Hollenstein hat das gefallen», sagt Arnold, «doch wir haben es unterlassen, ihm mehr Biss aus der Mitte heraus zu verpassen.» Hollenstein hätte, so Arnold, die linken und rechten Blöcke vermehrt angreifen und sie auf die Tauglichkeit ihrer Programme festnageln sollen. Zudem sei Hollenstein auch ein «Mobbingopfer» der Medien. Urs Hany dagegen bestreitet, dass er als Wahlkampfleiter versagt habe. Noch nie habe die CVP so viel Geld in einen Regierungsratswahlkampf investiert, sagt er, ohne jedoch Zahlen zu nennen. Hollenstein ist seiner Meinung nach «zwischen den Blöcken schlicht vergessen gegangen». Das erratische Stimmverhalten der Blöcke hat gemäss Arnold dieses «Vergessengehen» verstärkt: Die Linken haben ihre drei Regierungsräte gewählt, die Bürgerlichen ihre vier. Warnung vor offenem Streit Enttäuscht über den Wahlausgang ist auch Urs Schwaller, der im Hotel Schweizerhof am späteren Nachmittag aufkreuzt. Der CVP-Ständerat und Ex-Bundesratskandidat aus Freiburg blickt bereits auf die eidgenössischen Wahlen im Herbst. In den nächsten Tagen werde CVP-Präsident Christophe Darbellay mit der Zürcher CVP die Wahl analysieren, sagt Schwaller. «Wir müssen die Lehren daraus ziehen.» Präventiv warnt Schwaller vor gegenseitigen Schuldzuweisungen: «Wir müssen nun geeint auftreten.» Etwaige Differenzen müsse die Partei intern austragen. Was die Zürcher CVP falsch gemacht hat – dazu äussert sich Schwaller nicht. Er räumt aber ein, die neue Konkurrenz in der Mitte, die GLP und BDP, habe «wohl ein wenig mehr Biss» gezeigt als die etablierten Parteien, zu denen er die CVP zählt. Mehr Biss – das erwartet auch Hany, der für die Partei die eidgenössischen Wahlen managt. «Die Basis hat geschlafen», sagt er verärgert. Er habe vor den Wahlen in einem internen Mail-Aufruf alle Mitglieder und Sympathisanten zu mobilisieren versucht. Genützt hat es nichts. Hany bestreitet, dass der CVP nach zwei Wahlniederlagen in Folge – in Zürich und eine Woche zuvor in Basel-Landschaft – ein Verliererimage anhaftet. Stattdessen übt er sich in Zuversicht: «Nun wird ein Ruck durch unsere Partei gehen.» Im Medienzentrum Walcheturm – die Kameras werden langsam abgezogen – bekommt Hans Hollenstein von seinen bisherigen Kollegen sehr viel Trost. «Der Hans tut mir ausserordentlich leid», sagt Baudirektor Markus Kägi (SVP), «im Regierungsrat war er ein sehr loyaler und feiner Kollege.» Kägi weiss, wovon er spricht: In den Umfragen war er selbst höchst abwahlgefährdet. Hans Hollenstein im Interview – Seite 17 Hans Hollenstein begründet gefasst und tapfer seine Wahlniederlage. Foto: Doris Fanconi

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