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Die bizarre Youtube-Welt

Sendungsbewusst Von Christoph Schneider Wir sind allzumal Sünder, und es ist mir schon wieder passiert: Ich habe das Fernsehen an Youtube verraten, obwohl ichs quasi auf die Bibel geschworen hatte, es nicht mehr zu tun. Aber es war nichts zu machen; es ist eine so amüsante, sauerstoffreiche Welt voller Schönheit und schlechtem Geschmack, eine babylonische Videothek der Poesie, des Exhibitionismus und des Unsinns, eine Parodie des Authentischen, ein Reich des Schwindels und seiner Enthüllung. Allein schon die Fauna! Mit tiefem Staunen sah ich kürzlich einen Yeti mit Hängebrüsten und die bizarr vertrockneten Reste einer kleinen Meerjungfrau. Und vor allem schien mir im Lauf der Er-kundung, Youtube sei jetzt das natürliche Habitat eines anderen genuin me-dialen Geschöpfes: des Grubenhunds. Wäre der Grubenhund wirklich ein Hund, müsste man ihn beschreiben als ein Wesen, das sich vom guten Glauben ernährt. Er ist aber kein Hund, sondern 1.) die Bezeichnung für ein Rollwägelchen, in dem man untertags Kohle oder Erze transportiert, und 2.) der Begriff für einen gegen ein Medium und die Leichtgläubigkeit gerichteten «practical joke», und das kam so: Im November 1911 machte Publizist Karl Kraus eine satirische Leistung des Wiener Ingenieurs Arthur Schütz öffentlich. Der hatte unter Titel und Namen eines Dr. Ing. Erich Ritter der «Neuen Freien Presse» eine Zuschrift über seismische Störungen in Mähren zukommen lassen. Es war da die Rede von der Verschiebung des Hochdruckzylinders an einer Dynamomaschine und dem Spannungsabfall in einem Transformator auf 4,7 Atmosphären. Weshalb er, Dr. Ing. Winkler, dringend mahne, in Erdbebenfällen die Auspuffleitungen aller Turbinen und Dynamos in Bergwerken an die Wetterschächte derart anzuschliessen, dass die Grubengase nicht auf die Höhe der Lampenkammer gelangen könnten. Nebenbei sei ihm unerklärlich, warum der «im Laboratorium schlafende Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen grösster Unruhe gab». Das Blatt druckte den Nonsens ab, dankbar dafür, dass jemand mit einem «von» sich auskannte mit Dynamoauspuffen. Und der satirische Hund, der da begraben war, hatte fortan seinen Namen. Die Nachkommenschaft vermehrt sich nun eben auf Youtube. Nicht mehr so sehr im Sinn einer parodistischen Medienpädagogik, eher aus Lust am Spiel und weil die glücklichen Blöden, die alles glauben, nicht aussterben. So wie ich, der es vor ein paar Tagen eine Zeitlang wirklich für möglich hielt, dass alle Mondlandungen der reine Fernsehschwindel waren.

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