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Die «alte Bekannte» geht auf Reisen

Jean Tinguelys bekannte Skulptur «Heureka» macht Sommerferien in Amsterdam. Der Beziehung zur einst Verschmähten tun Auszeiten gut.

Von Peter Aeschlimann Zürich – Zuerst verachtet, dann verfrachtet, jetzt geachtet. Das Wortspiel muss erlaubt sein. Schliesslich geht es um ein Kunstwerk des Schweizer Künstlers Jean Tinguely (1925–1991). Dessen mechanische Eisenplastik «Heureka», gebaut für die Expo 64 in Lausanne, sorgte in Zürich einst für Krach im doppelten Sinne. Die Leute störten sich am Lärm und an der Ästhetik, niemand wollte die Dauerleihgabe von Kunstsammler Walter A. Bechtler im Quartier. 15 mögliche Standorte wurden evaluiert, «versorgt» wurde die Skulptur 1967 schliesslich beim Zürichhorn. Erst als im Jahr 1988 Australien die «Heureka» als Stargast an die Weltausstellung nach Brisbane holen wollte, dämmerte den Menschen in der Zwinglistadt, dass sie es hier womöglich mit Kunst von Weltformat zu tun haben. Der «Tages-Anzeiger» schrieb damals: «Es ist gut, dass sie geht, dann weiss Zürich endlich, was es an ihr hat.» Es gibt keinen Bauplan So oder ähnlich muss es Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) über zwei Jahrzehnte später ergangen sein, als sie jüngst von der Anfrage aus Holland erfuhr: Die Macher der internationalen Skulpturenausstellung Art Zuid wollen «Heureka» diesen Sommer in Amsterdam zeigen. Die Organisatoren rechnen mit mehr als 90 000 Zuschauern. Gestern Morgen, beim Abtransport der an eine Mondlandefähre erinnernden Plastik, sagte Mauch: «Die alte Bekannte gehört so selbstverständlich zu Zürich, dass es wieder einmal einen Blick von aussen brauchte. Damit wir erkennen, was für eine bedeutende und spektakuläre Skulptur wir haben.»Im Hintergrund hämmerte derweil Maschinenschlosser Jürg Fehr auf eine rostige Schraube, bevor sich der vier Tonnen schwere Mittelteil der «Heureka» endlich heben liess. Der 62-jährige ERZ-Mitarbeiter kümmert sich seit 1987 um den Tinguely. Er schmiert regelmässig das Getriebe, wechselt dann und wann einen Riemen oder ein Rädchen aus. Ein Bauplan für das komplexe Ding existiert nicht. «Alles im Kopf», sagt Fehr. Ganz wohl sei ihm erst, wenn die «Heureka» in Holland auf dem Sockel stehe, Königin Beatrix den Start-Knopf gedrückt habe – und alles rattere, wie es solle. Das Auseinandernehmen setzt den Schweissnähten zu, «Heurekas» Gerippe verzieht sich auf Reisen gerne.Gut möglich, dass der Holland-Trip die letzte Auszeit der «Heureka» sein wird. Fehr wird in ein paar Jahren pensioniert. Es gebe keinen Nachfolger, den er in die Geheimnisse der Skulptur einweihen könnte: «Niemand scheint sich für die Maschine zu interessieren.» «Wir wollen sie zurück!» Nun wird die «Heureka» in der ERZ-Werkstätte in Wallisellen in Kisten verpackt, dann geht es mit dem Sattelschlepper in den Norden. Bevor die Stadt ihrem Tinguely die Auszeit gönnte, mussten die Holländer eine Versicherung über zwei Millionen Franken abschliessen. Welchen Preis die Skulptur auf dem Kunstmarkt effektiv erzielen würde, könne man nicht beziffern, sagte der städtische Kulturchef Peter Haerle beim Abschied am Zürichhorn. Ein Verkauf steht auch gar nicht zur Diskussion. «Wir wollen sie auf jeden Fall wieder zurück!», sagte Mauch. Für ihre Stadtratskollegin Ruth Genner (Grüne) steht die «Heureka» auch exemplarisch für ein in dieser Stadt bestens bekanntes Phänomen: dass die Kunstwerke ihrer Zeit oft voraus sind. An der Urne habe das «verachtete» Nagelhaus keine Chance gehabt. Und in Sachen Hafenkran befinde man sich immer noch in der «emotionalen Auseinandersetzung».Damit diese Auseinandersetzung ein Happy End findet, lohnt es sich vielleicht, den Tipp aus dem Tagi-Artikel von 1988 zu wiederholen: «Wenn ‹Heureka› nach der grossen Reise zurückkehrt, wäre es an der Zeit, dass man ihr und ihrem Schöpfer endlich Ehre antun würde. Ohne Reden wie gehabt, dafür mit tausend Überraschungen.» Vier Tonnen wiegt der Mittelteil der Skulptur, der gestern abhob. Foto: Doris Fanconi

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