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Der Onkel vom Mars Der Onkel vom Mars

Morgen startet der Film «Mürners Universum», ein Porträt über den liebenswürdig-skurrilen Ufologen Erwin Mürner. Wir trafen den 79-Jährigen zu einer Art Interview in seiner Winterthurer Wohnung.Aus seinem Universum – einer 3-Zimmer-Wohnung in Winterthur – heraus beobachtet und interpretiert Erwin Mürner die Aussenwelt. Ein Film über den liebenswürdig-skurrilen Ufologen startet morgen im Kino.

Von Thomas Wyss Wer zwei Stunden mit Erwin Mürner auf dem Sofa sitzt, weiss, was Sache ist. Weiss zum Beispiel, dass eine Digitalkamera elektromagnetische und bioorganische Lebensformen einfangen kann, die man von blossem Auge gar nicht wahrnimmt. Weiss, dass man im Tösstal, genauer in Schmidrüti, schon mehrfach in direktem Kontakt mit Ausserirdischen stand. Weiss, dass es TV-Serien namens «Ufo Files» oder «Ufo Hunters» gibt, welche von Regierungen bewusst unter Verschluss gehaltene Geheimnisse lüften. Und weiss, dass in Österreich ein Antigravitations-Ort existiert, an dem leere Wasserflaschen die Strasse hinauf- statt hinunterrollen. Das ist eine Menge Sachwissen, man könnte damit locker ein Buch füllen. Darauf muss die Welt aber noch ein wenig warten. Zuerst wird Erwin Mürner jetzt nämlich zum Kinohelden. Das dokumentarische Porträt, das morgen anläuft, stammt vom Winterthurer Filmemacher Jonas Meier. Der sagt lachend am Telefon: «Wenn du Erwin befragen willst, stellst dich besser auf ein längeres und anspruchsvolles Gespräch ein.» Was er damit meint, wird rasch klar: Der 79-jährige Mürner monologisiert nicht nur üppig, er hüpft auch ganz schön freigeistig vom einen zum andern Thema. Sagt im ersten Satz, ob man sich nicht lieber duzen wolle, im Bernbiet, seiner Heimat, sei das drum gang und gäbe, aufgewachsen sei er jedoch im Thurgau, das höre man ja seinem Dialekt an. Sagt im nächsten Satz, dass seine Frau Sonja am 13. Juni 2010 aus dem Schlafzimmerfenster blickend farbige Kugeln am Nachthimmel entdeckt habe. Sagt im übernächsten Satz, dass er im Fall nicht nur Ufologe sei, nein, nein, er habe auch als Bauer und Pöstler und Stimmenimitator und Filmemacher und Krankenpfleger und Schallplattenverkäufer gearbeitet und zudem die halbe Welt bereist «und in den Filmen‹Grounding›,‹Marmorera› und‹Flanke ins All›, da war ich Statist.» Mürners Kommandozentrale In diesem Stil geht es weiter, und irgendwann kommt der Moment, da ist man von der turbulenten Tour d’Horizon des vifen Rentners so total groggy, dass man das Wort «Spinner» in den Notizblock kritzelt und ein freundliches Fragezeichen dahintersetzt. Irgendwann kommt dann auch der Moment, da Mürner zum Fototermin gebeten wird. Das ist die Gelegenheit, sich in der Winterthurer 3-Zimmer-Wohnung umzusehen, die er «mein Universum» nennt, und die Sonja und er 1970, bald nach der Hochzeit, bezogen hatten. Plötzlich entdeckt man da Foto- und Filmkameras, Radios, einen Mac, ein Revox-Tonband, einen riesigen Full-HD-Fernseher und acht Fernbedienungen. Kurz: eine Art semi-moderne Kommandozentrale, von der aus Mürner die Aussenwelt scannt, beobachtet, interpretiert. Man entdeckt aber auch lustig drapierte Stofftiere, ein Wandtelefon aus den Sixties, den zur fliegenden Untertasse umgemodelten Luftbefeuchter, gestapelte Bücher und Zeitungen – ja, und dann streicht man den «Spinner» wieder raus und notiert stattdessen: «Mein Onkel vom Mars». Das ist der Titel einer wunderbaren amerikanischen Sitcom aus den frühen Sechzigerjahren. Hauptdarsteller war Ray Walston, und dieser Walston mimte einen menschlichen Marsianer, der am Kopf zwei Antennen ausfahren, mit Tieren sprechen und mit dem Finger Gegenstände schweben lassen konnte. Auch wenn Erwin Mürner (wahrscheinlich) nicht über diese Fähigkeiten verfügt, erinnert er äusserlich wie auch vom Charakter her verdächtig an den liebenswürdig-skurrilen Mars-Onkel. Er ist ein Sonderling, ein Original eine Figur, wie man sie in unseren rationalen Breitengraden nicht allzu oft antrifft – und die nun von Regisseur Meiers Kamera formidabel eingefangen wurde. Die Suche nach der Wahrheit Nachdem das Foto im Kasten ist, kommt Erwin Mürner zurück auf die Couch und lanciert mit dem Satz «Ich glaube an die Erkenntnis, nicht an die Religion» ein Thema, das ihm offensichtlich heilig ist. Sofort fügt er nämlich noch hinzu: «Ich will alles, was mich interessiert, verstehen. Ich will alles darüber wissen, und ich will es mit eigenen Augen sehen.» Getrieben von Neugier und einem unstillbaren Drang nach (Selbst-)Erfahrung, sammelt und sichtet er deshalb tage- und nächtelang Fotos, Filmaufnahmen, TV- und Magazinbeiträge; besucht Lesungen, Tagungen und «mystische Orte». Einer davon ist Schmidrüti, wo das Stammhaus der Freien Interessengemeinschaft für Grenz- und Geisteswissenschaften und Ufologiestudien (Figu) steht. Billy Meier, deren Gründer, ist umstritten, wurde von Medien auch schon als Sektenführer betitelt. Erwin Mürner interessiert das nicht. Wenn er ins Tösstal pilgert, geschieht das allein der Faszination für extraterrestrische Phänomene wegen. Auslöser dafür – das erwähnt er lustigerweise fast nebenbei – war ein Gespräch, das er mit einem Piloten führte, der während eines Nachtflugs ein Ufo gesichtet hatte. Diese Schilderung habe ihm dann eine ganz neue Welt eröffnet, sagt Mürner und lacht. Er lacht auch dann noch, als er gefragt wird, ob es ihn denn nicht kränke, dass ihn gewisse Leute für ziemlich verrückt hielten. «Das stört mich nicht, ich kann das sogar verstehen.» Diese Leute, sagt Mürner, würden alles glauben, was ihnen Regierungen und Kirchen erzählten. «Mir aber geht es darum, die Wahrheit zu finden. Ich bin kein engstirniger Fantast, wie schon mehrfach geschrieben wurde, ich bin sehr offen.» So offen, dass er die Nicht-Existenz von Ufos und ausserirdischem Leben akzeptieren könnte, wenn ihm jemand dafür hieb- und stichfeste Beweise vorlegen würde? Erwin Mürner runzelt die Stirn, denkt diesmal länger nach, dann sagt er: «Ja, das könnte ich. Aber das wird nicht passieren. Ich habe Ufos gesehen, mit eigenen Augen.» Der «Schwigermueter»-Trick Als man noch über seine Aussage nachdenkt, ist er bereits wieder weiter; erzählt, dass der Cutter seines eigenen Ufo-Films 87 Jahre alt sei, was natürlich zu Verzögerungen führe. Sagt, dass es einen Trick gebe, wenn man nicht auf Knopfdruck lachen könne, man müsse dann nur laut «Schwigermueter!» rufen, und schon pruste man los, und wenn wir noch Zeit hätten, würde er gern Wer zwei Stunden mit Erwin Mürner auf dem Sofa sitzt, weiss, was Sache ist. Weiss zum Beispiel, dass es eigentlich gar keine Rolle spielt, ob Ufos existieren, ob Mürners Gedankenwelten Sinn stiften oder reine Narretei sind …dass es jedoch tatsächlich eine grosse irdische Freude ist, einen solchen Mars-Onkel persönlich zu kennen. Und es fliegt eben doch. Erwin Mürner mit Ufo Typ Eigenbau.Foto: Dominique Meienberg

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