Zum Hauptinhalt springen

Der oberste Polizist im Schweizer Eishockey

Reto Bertolotti Mit einem neuen System versucht der Bieler, die Spieler zu schützen. Von Simon Graf Reto Bertolotti wäre es recht, wenn sein Name dieser Tage nicht zu oft in der Öffentlichkeit auftaucht. Und auch nicht jener der Schiedsrichter, die er aufbietet, um die Spiele des Playoff-Finals zwischen dem HC Davos und den Kloten Flyers zu leiten. Denn je weniger die Unparteiischen und ihr Chef ein Thema sind, desto besser. Bertolotti sagt: «Man soll über das Spiel und die Spieler reden; die Schiedsrichter sollen eine anonyme Tätigkeit wahrnehmen.» Um das zu garantieren, wechselt er die Schiedsrichter im Playoff seit letztem Jahr mit jedem Spiel. Früher kam es noch vor, dass Referees eine Serie mit bis zu sieben Partien von Beginn bis zum Schluss pfiffen. «Das war auch eine grosse psychische Belastung für sie», sagt Bertolotti. «Jetzt, mit dem Rotationsprinzip, ist es ent-personalisiert.»Der 49-jährige Bieler weiss, wovon er redet. Er war selber 18 Jahre Schiedsrichter auf höchster Stufe, leitete über 800 Spiele in der Nationalliga. Er hätte wohl eine Karriere als Spieler vorgezogen, doch dafür war er zu wenig gut. Es reichte ihm nur bis in die 3. Liga. Dafür begann – in seiner Bieler Stammbeiz – die steile Karriere als Referee.Ein Nationalliga-Schiedsrichter fragte ihn damals, ob er nicht Lust hätte, einen Kurs zu besuchen. «Ich war nicht wahnsinnig begeistert von der Idee», sagt Bertolotti rückblickend. Doch er liess sich überreden, fand Spass daran und stieg schnell auf. Zum Markenzeichen wurde der Schnauz, den er sich erst 2004 bei seinem letzten Spengler-Cup als Aktiver abrasieren liess.Er habe ihn getragen, sagte er damals, um älter zu wirken. Und vielleicht auch, um den Spielern mehr als Respektsperson zu erscheinen. Seit 2005 ist er Chef über die Schiedsrichter – er begann mit einem 30-Prozent-Pensum, inzwischen ist er bei 80 Prozent angelangt. Darin zeigt sich die fortschreitende Professionalisierung im Schweizer Eishockey. Im Gegensatz zur Super League beim Fussball leistet man sich hier auch vier Profi-Schiedsrichter.Die Abteilung, die Bertolotti leitet, umfasst rund 1000 Personen. Er sorgt dafür, dass die Vorgaben, die er macht, umgesetzt werden. Man könne ihn mit dem Coach eines Teams vergleichen, sagt er. Er bilde aus, gebe die Strategie vor und analysiere nach den Spielen, was gut gewesen sei und was nicht. «Im Final habe ich weniger zu tun, denn da sind nur noch unsere Topleute dabei.»Die grössten Sorgen bereiten ihm die Gehirnerschütterungen, die im Eishockey immer häufiger passieren. Das hat auch mit einer Regeländerung zu tun, die den Sport attraktiver machen soll. Seit 2005 werden die Bremsmechanismen im Spiel konsequent sanktioniert – wer seinen Gegner zurückhält, mit der Hand oder dem Stock, oder ihn behindert, wird bestraft. «Die Spieler sind heute viel schneller unterwegs als früher», erklärt Bertolotti. «Die negative Folge ist, dass die Aufprallenergie um ein Vielfaches höher ist.» Und da gelte es, die Spieler so gut wie möglich zu schützen. Dazu gehört die Einführung des 4-Mann-Systems mit zwei Schieds- und zwei Linienrichtern. Bertolotti sieht die Massnahme durch das bisher ruhig verlaufende Playoff bestätigt.Es klingt paradox, hat aber Sinn: Je mehr Schiedsrichter auf dem Eis sind, desto weniger werden sie ein Thema. Und desto weniger wird auch über ihren Chef geredet.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch