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Der Glockenfeind: «Ich will um sechs Uhr schlafen»

Herr Büechi, was brachte Sie dazu, sich gegen Glockenlärm zu wehren? Auf der Flucht vor dem Strassenlärm bin ich von der Peripherie von Speicher AR ins Zentrum von Trogen AR gezogen. Ich hoffte, mich an den lokalen Glockengebrauch zu gewöhnen. Die Hoffnung war vergebens. Also traf ich Lärmschutzmassnahmen am Haus. Das brachte nicht die erwünschte Ruhe. Als ich dann bemerkte, dass sich auch andere am nächtlichen Lärm störten, begann ich mich für die Nachtruhe zu wehren. Zuerst mit kulturellen und politischen Aktionen. Später auf juristischem Weg. Gefällt Ihnen das Geläute nicht? Zumindest als Kind hat es mir gefallen. Was stört Sie denn heute? Störend und schädlich für die Gesundheit sind der nächtliche Zeitschlag und das Morgenläuten. Ausserdem wird generell zu viel, zu laut und zu lange geläutet und geschlagen. Die Tradition des Morgengeläutes und des Stundenschlages gibt es aber schon lange. Noch früher gab es die Tradition der Nachtruhe. Danach kam mit Gallus die Tradition des kultischen Läutens. Mit den Jahrhunderten kamen immer neue Funktionen und immer grössere Glocken dazu. Durch den Konkurrenzkampf zwischen Gemeinden und Konfessionen wurde im Laufe der Jahre immer häufiger sowie lauter geläutet und geschlagen. Die Glockentradition hat sich also verändert und wird sich weiter ändern. Tradition ist lebendig. Das Maximum des nächtlichen Glockenlärms ist übrigens bereits überschritten. Vielerorts wurde der Stundenschlag in der Nacht abgestellt und das Morgengeläut verschoben, verkürzt oder abgestellt. Womit könnten Sie leben? Wir erwarten, dass die Ruhezeiten auch von den Kirchen eingehalten werden. Wenn die Glocken wieder rein kultisch eingesetzt würden und nur noch zum Einläuten von Gottesdiensten, Beerdigungen, Hochzeiten und des Sonntags zum Einsatz kämen, könnten wir uns vielleicht sogar wieder daran freuen. Morgengeläut ist auch kultisch. Es ruft zur Besinnung und zum Gebet. Das Morgenläuten ist kultlos. Niemand trifft sich in der Kirche zu einem Kult! Ausserdem habe ich das Weckläuten nicht bestellt. Ich will um 6 Uhr schlafen, und weder ein Muezzin noch Kirchenglocken sollen meinen Schlaf stören. Wer in die Nähe der Kirche zieht, ist selber schuld. Als motorfahrzeugfreier Mensch bin ich auf eine zentrale Wohnlage angewiesen. Diese werden leider fast überall mit nächtlichem Zeitschlag bedient. Ruhige Wohnzonen gibt es höchstens für Reiche. Ausserdem gibt es gewisse Grundrechte, welche überall eingehalten werden müssen. Diese sind zum Beispiel im Umweltschutzgesetz und der Lärmschutzverordnung definiert. Es ist nicht einzusehen, wieso sich Kirchen nicht an die Nachtruhe halten müssen. Sind Sie schon angefeindet worden wegen Ihres Engagements? Ja, es gab massive Drohungen, Sachbeschädigungen sowie diverse publizistische Tiefschläge. Zudem werde ich ab und zu schriftlich aufgefordert, das Land in Richtung Wüste zu verlassen. Gewissen Leuten vermittelt unser Glockengebrauch eben Heimat und Sicherheit. C. G. Jung erklärt das damit, dass sich der Mensch durch den eigenen Lärm geschützt fühlt. Lärm hatte früher den Zweck, Dämonen oder Teufel zu vertreiben. Wer also diesen Lärm nicht aushält und sogar dagegen kämpft, riskiert verteufelt zu werden. Sind Glockengegner Antichristen? Ich bin Mitglied der evangelischen Kirche Trogen und ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit dem Bodenpersonal der evangelischen und der katholischen Kirche. Wenn es aber um Streitigkeiten wegen Glocken geht, werden wir vielfach arrogant und überheblich behandelt – was natürlich auf unserer Seite zu scharfen Reaktionen führen kann. Was sollen Menschen machen, die sich von Glocken gestört fühlen? Sie sollen sich zuerst an die Kirche wenden und ihre Wünsche äussern. Wenn das nichts hilft, kann bei der politischen Gemeinde geklagt werden. Dieser erste juristische Schritt darf nichts kosten. Das Bundesgericht hat kürzlichden nächtlichen Stundenschlag geschützt. Und das Zürcher Verwaltungsgericht hat entschieden, dass erst eine Belastung ab 60 Dezibel zur Klage legitimiert. Die Entscheide des Verwaltungsgerichts sind widersprüchlich. Im Fall Wiesendangen wurde zum Beispiel entschieden, dass auch in der Nähe der Kirche gemessen werden muss. Der Richtwert von 60 Dezibel ist umstritten. Die Gerichtspraxis wird sich irgendwann wieder zu unseren Gunsten ändern. Die IG Stiller wird auf jeden Fall weiterhin Klagen beratend unterstützen. Waren Sie in Trogen erfolgreich? Teilweise. Zwar wird die Zeit weiter auch nachts geschlagen, aber dank der Schallisolierung am Kirchturm wurde der Lärm deutlich vermindert. Auch in der Nähe der Kirche wird der Richtwert nun fast eingehalten. Interview: René Donzé Samuel Büechi Er ist Geschäftsführer der IG Stiller, die sich für die Reduktion von Lärm einsetzt.

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