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Der Chef hat wieder Energie

Nach einem halben Jahr Doppelbelastung konzentriert sich Henryk Gruth auf die Arbeit als Eishockey-Juniorentrainer der GCK Lions.

Von Etienne Wuillemin, Kloten Der Abend hätte prickelnder verlaufen können. Doch Henryk Gruth macht das nichts aus. «Wollen Sie Ihre Fragen wirklich noch stellen?», fragt er zwar. Aber das Lachen im Gesicht verrät ihn sofort. Gruth hat den Humor nicht verloren. Dabei hätte er allen Grund dazu. 1:5 haben seine GCK Lions im Derby der Elite-Junioren gegen die Kloten Flyers soeben verloren. «Nach so einem Spiel ist kein Trainer der Welt glücklich. Aber es widerspiegelt die Realität.» Die Realität, das heisst: Nach 22 Spielen stehen die Lions auf Platz 4, hinter Zug, Kloten und Bern. Noch im vergangenen Frühling hatten sie die Flyers in der Finalserie 3:1 bezwungen. Nun sind Dominanz und Souveränität der letzten Saison verschwunden. «Leader wie Kenins oder McGregor haben das Team verlassen. Zudem spielen zehn andere in der NLB – und zwar erfolgreich», rechnet Gruth vor. «Aber aufgeben werden wir sicher nicht. Ich bin eben ein Ostblock-Mensch, ein Kämpfertyp.» Die Belastung unterschätzt Auch für den 54-jährigen Polen persönlich ist in dieser Saison einiges anders. Es ist eine Rückkehr zur Normalität. Gruth kann sich wieder ganz auf seine Arbeit mit den Junioren konzentrieren. Das war in der letzten Spielzeit nicht möglich. Nach der Entlassung von Colin Muller wurde er bei den ZSC Lions Assistent von Bengt-Ake Gustafsson. «Ich muss zugeben, ich habe diese Belastung ein wenig unterschätzt», blickt Gruth zurück. «So etwas kann man nur einmal im Leben machen.» Gruth hetzte von einem Spiel zum nächsten. Von einem Training zum anderen. Junioren, NLA, Junioren, NLA, Junioren – und das während fast einem halben Jahr. «Am Schluss fühlte ich mich so, wie Giovanni Trapattoni einst sagte – Flasche leer.» Zwei Monate brauchte Gruth, um sich von den Strapazen zu erholen. Die ZSC-Verteidigerlegende (1985–1990) tat das in Polen bei seiner Familie. Tochter Anna arbeitet dort als Psychologin, Sohn Jakub studiert Sport und spielt Basketball. Gruths älteste Tochter Kathrin sieht ihren Vater dagegen häufiger. Das ist bedingt durch den Job, denn sie arbeitet auch bei den GCK Junioren – als Physiotherapeutin. Nicht zuletzt freut sich auch Gruths Ehefrau Danuta, dass ihr Mann ein bisschen mehr Freizeit hat. Die Doppelbelastung hat Gruth offensichtlich nicht an guter Arbeit mit den Junioren gehindert. Die Lions-Verantwortlichen verlängerten seinen Vertrag im Sommer vorzeitig um drei weitere Jahre bis 2015. «Ich befinde mich am richtigen Platz», sagt Gruth. Doch hegt er, der bereits in der Saison 2005/06 nach der Entlassung von Christian Weber einige Wochen ZSC-Chef war und nun erneut NLA-Luft schnupperte, keine Ambitionen auf einen Chefposten in der höchsten Liga? «Es gibt Tage, da könnte ich mir vorstellen, diesem Stress ausgesetzt zu sein», gibt er zu. Und fügt dann aber gleich an: «Bei den Junioren kann ich meine Pläne selbst gestalten und langfristig durchziehen. Bei den Profis gibt es hingegen keine Pläne. Da zählen die nackten Resultate.» Das interne Ansehen und Lob sind Gruth Komplimente genug. In fünf Jahren führte er die GCK Lions auf der höchsten Juniorenstufe viermal zum Titel. Ein Grund für die Zürcher Dominanz war stets die grosse Breite des Teams. Im Vergleich zur Konkurrenz waren die GCK Lions weniger abhängig von Einzelspielern. Doch das kann auch ein Problem sein. Denn bei soviel Quantität kristallisieren sich die «Rosinen», wie es Gruth nennt, weniger klar heraus. Ein anderes Problem ist, dass die Junioren in der Lions-Organisation lange kaum Chancen erhalten haben, sich auf höchster Stufe zu bewähren. Die Belastung unterschätzt «Unter Bob Hartley hat nun ein Umdenken eingesetzt», hat Gruth festgestellt. Der Kanadier setzt auf Spieler wie Kenins, Schäppi und vor allem Cunti. Bei Letzterem setzte sich Hartley gegen viele Zweifler durch, als er ihn ins Fanionteam beförderte. Zweifler, zu denen auch Gruth gehörte. «Ich gönne ihm den Durchbruch. Heute können wir sagen: Er ist reif geworden.» Für zwei der grössten Talente in der Lions-Organisation kommt dieses Umdenken allerdings zu spät. Die Verteidiger Cédric Hächler und Dean Kukan (Gruth: «Sie gehören in die NLA») wechselten im Sommer nach Schweden. Die Integration von Kenins, Schäppi oder Cunti bei den ZSC Lions ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Weitere müssen nun folgen – als Beispiel dient dabei Kantonsrivale Kloten. Steht bei den Flyers ein Junior an der Schwelle zur NLA, ist die Zeit von älteren, stagnierenden Spielern, wie zuletzt Schulthess und Sidler, meist abgelaufen. Gegen Kloten eine Szene mit Seltenheitswert: GCK-Spieler Kevin Kühni enteilt Marwin Leu (v.) und Mirco Müller. Foto: Christoph Kaminski «Bei den Profis gibt es keine Pläne. Da zählen die nackten Resultate.» Henryk Gruth, Trainer GCK Lions

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