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Der Charme der TV-Belanglosigkeit Der Charme der TV-Belanglosigkeit

Das französische Staatsfernsehen entstaubt das wunderbar seichte Variété der 80er-Jahre.Von Oliver Meiler, Marseille

Das hier ist ein Programmhinweis, inspiriert von unverhofft erfüllter Nostalgie: Samstagabend, 20.35 Uhr, France 2. Das französische Staatsfernsehen verhilft dann dem guten, alten und herrlich seichten Variété zu einem überraschenden Revival. Ein Vierteljahrhundert danach. «Champs-Elysées» hiess und heisst die Sendung, weil das mythische Studio Gabriel, in dem das Programm aufgezeichnet wird, bei der berühmtesten Avenue der Welt steht und weil der Auftritt der Gäste jeweils mit der Ankunft in einer Limousine beginnt. Alles bleibt gleich. Auch der Moderator ist der alte: Michel Drucker, Sohn eines eingewanderten Landarztes aus Rumänien und einer Wienerin, seit über 40 Jahren im Fernsehgeschäft, mittlerweile 68 Jahre alt und so etwas wie der Thomas Gottschalk Frankreichs, ohne dessen etwas bemühten Hang zum Ulk. Drucker sagt, er sei «sehr glücklich» über das Comeback der Sendung, die ihn einst bekannt machte. Eine Floskel? Darum gehts. TV-Variété hat keine Ansprüche. Es plätschert wohlig dahin, stört nicht, soll bunt sein, aber nicht grell und schrill, begleitet nur. «Champs-Elysées» war Kult in den 1980er-Jahren. Zu Zeiten also, da France 2 noch Antenne 2 hiess. Als es noch keine Castingshows gab. Als es für Strassenfeger noch ausreichte, dass die immer gleichen Schauspieler und Sänger in Glitzer und Glamour und ohne polemische Eklats ihre neuen Werke bewarben, Woche für Woche, zweieinhalb Stunden lang: Jean-Paul Belmondo, Dalida, Johnny Hallyday, der grossartige Coluche, Serge Gainsbourg, Catherine Deneuve, Jean Ferrat, Alain Delon, Michel Sardou – alle! Nirgendwo sonst wurden sie so pompös empfangen und so liebevoll in Szene gesetzt wie bei «Drückaire». Michel Drucker lieferte immer alle Stichworte, die es zur Glorifizierung der Künstler und Frankreichs brauchte. Manchmal lud er auch Stars aus dem Ausland ein, vor allem aus Hollywood. Doch als Zuschauer sollte man immer den Eindruck gewinnen, Frankreich sei das Zentrum des Universums (was es damals vielleicht auch noch etwas mehr war als heute) oder zumindest das Zentrum der Showwelt. Wer konnte sich schon der Macht des Charmes entziehen, der aus den Lichtern des sündigen und anmutigen «Paris by Night» stieg? Um noch einmal dieser Atmosphäre nachzuspüren, wehmütig und ohne Ansprüche, genügt es wohl schon, wenn man am Samstagabend die ersten fünf Minuten der Sendung schaut, sich von der kitschig erhebenden Auftaktmelodie trägen lässt – einmal im Geist die Champs-Elysées rauf. Michel Drucker in der Sendung «Champs-Elysées», 1988.Foto: Maxppp

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