Zum Hauptinhalt springen

Der Berühmte und der Berüchtigte

Im Bürgerkrieg kämpften auch Tausende Schweizer Einwanderer. Zwei davon machten Geschichte: der eine als Bundesrat, der andere als Kriegsverbrecher.

Von Martin Hauzenberger Der bekannteste Schweizer Teilnehmer am Amerikanischen Bürgerkrieg war eine der berüchtigtsten Figuren des ganzen Konflikts. Hartmann Heinrich Wirz kam aus Zürich, das er wegen einer Verurteilung als Betrüger hatte verlassen müssen. In der neuen Heimat nannte er sich Henry Wirz, und als solcher brachte er es als kleiner Unternehmer aus dem Sezessionsstaat Louisiana bei den Südstaatentruppen zum Hauptmann. In die Geschichte ging er ein als Kommandant des berüchtigten Gefangenenlagers Andersonville in Georgia. Dort waren während der letzten 14 Kriegsmonate 13 000 Soldaten und Offiziere der Unionsarmee ums Leben gekommen. Erstes Konzentrationslager Unbestritten ist, dass die Zustände in diesem Lager katastrophal waren. Es gab keine Unterkünfte, sondern nur behelfsmässige Zelte, kein Trinkwasser, nicht genügend und vor allem kaum geniessbare Lebensmittel und Medikamente. Die gefangenen Soldaten starben reihenweise – an Cholera, Ruhr, Skorbut, Hitze, Kälte, Unterernährung. Andersonville gilt deshalb für viele Experten als erstes Konzentrationslager der Geschichte. Ob die Schuld dafür allerdings allein bei Lagerkommandant Wirz lag, bezweifeln heute die meisten Historiker. Der 2006 verstorbene Schweizer Schriftsteller Jürg Weibel etwa hat 1991 in seinem 600 Seiten starken dokumentarischen Roman «Captain Wirz» Stimmen zusammengetragen, die zeigen, dass Wirz als pflichtbewusster Befehlsempfänger und -vollstrecker wohl selbst zum Opfer der schrecklichen Zustände wurde. Seine Vorgesetzten in der konföderierten Hauptstadt Richmond schickten ihm pausenlos neue Gefangene, jedoch kaum Lebensmittel, um diese zu versorgen. Das Lager, für etwa 10 000 Inhaftierte angelegt, war mit über 30 000 Menschen hoffnungslos überfüllt. Nach dem Krieg wurden die schrecklichen Zustände ausschliesslich Wirz zur Last gelegt, und 1865 wurde er als einziger Kriegsverbrecher hingerichtet. Das Verfahren vor einem Militärgericht wirkt im Rückblick eher als Rachejustiz denn als ein rechtsstaatlicher Prozess. Wirz bot sich als Sündenbock an, denn die erst vor kurzem angekommenen Einwanderer waren höchst unbeliebt. Das galt insbesondere für die vielen «dutchmen», wobei das Wort für Niederländer auch auf Deutsche, Schweizer und Österreicher angewandt wurde. Die Zeitung «Knoxville Register» brachte ein im Süden wie im Norden beliebtes Vorurteil auf den Punkt, als sie schrieb, die «dutchmen» seien «stinking bodies of animated sour-krout», frei übersetzt etwa «Sauerkrautstinker». Dass die Nordstaatenarmee mit ihrer Strategie der verbrannten Erde beim Vorstoss durch den Bundesstaat Georgia die Versorgungslage im Lager Andersonville noch verschlimmert hatte, blieb im Gerichtsprozess unbeachtet. Das galt auch für die Tatsache, dass die Unionstruppen nur ein paar Kilometer an Andersonville vorbeimarschiert waren, ohne die gepeinigten Kollegen zu befreien. Ausserdem war das Oberkommando der Union nicht auf die Bitten der Südstaaten eingegangen, die Gefangenen auszutauschen. Aus Schweizer Sicht war der Südstaatler Henry Wirz allerdings eine Ausnahme. Denn der weitaus grössere Teil der ausgewanderten Eidgenossen stand auf der Seite des Nordens. Man schätzt ihre Zahl auf 6000. Viele von ihnen kämpften in Einheiten mit deutschen Kollegen. Einen wichtigen Beitrag leisteten dabei die sogenannten Forty-Eighters, die in die USA emigrierten Freiheitskämpfer der 1848 gescheiterten liberalen Revolution in Deutschland. Sie wollten sich auch in der neuen Heimat für Menschenrechte und Gleichberechtigung, also gegen die Sklaverei einsetzen. Vor allem in den Bundesstaaten Illinois und Missouri im Mittleren Westen hatten sich viele deutsche und Schweizer Auswanderer niedergelassen, die sich im Sommer 1861 scharenweise für die Nordstaatenregimenter meldeten. Unter ihnen war auch der junge Baselbieter Emil Frey, der ein Jahr zuvor in die schweizerisch geprägte Kolonie Highland in Illinois gekommen war, um sich mit der Landwirtschaft in den USA vertraut zu machen. «Am meisten verspreche ich mir vom ländlich geprägten Süden», schrieb er vor dem Krieg nach Hause. Noch mehr als in Illinois hoffte er dort auf einen Job, wobei er auch zu Kompromissen bereit war: «Um die Sklavenhalterei kennen zu lernen, würde es mir, Gott verzeih mir die Sünde, nicht darauf ankommen, eine Stelle als Sklavenaufseher auf einer Plantage anzunehmen», schrieb er weiter. Auch den Menschen im Norden ging es in diesem Krieg offensichtlich nicht nur um die Menschenrechte. Wirtschaftliche Motive waren ebenso wichtig. Die Nordstaatengeneräle William Tecumseh Sherman, Philip Henry Sheridan und George Armstrong Custer machten sich denn auch nach ihren Erfolgen als Sklavenbefreier im Wilden Westen einen Namen als Indianerschlächter. Emil Frey hingegen war ein radikaler Demokrat. Sein Vater hatte 1832 zu den Gründervätern des Kantons Baselland gehört, obwohl er aus einer vornehmen Stadtbasler Familie stammte. Entsprechend seiner Überzeugung beherbergte Vater Frey 1848 bei sich in Arlesheim den berühmtesten Forty-Eighter, den legendären südbadischen Revolutionsführer Friedrich Hecker, der vor der deutschen Obrigkeit fliehen musste. Hecker liess sich nach seiner Flucht aus Europa im Süden von Illinois in der Nähe der Stadt St. Louis nieder. Und 1861 nahm er Emil Frey junior als Fähnrich in sein Regiment auf. Frey machte schnell Karriere: Innert zwei Jahren stieg er zum Major auf. Das rasche Anwachsen der Armeen und die vielen gefallenen Offiziere beschleunigten die Laufbahnen. In der Entscheidungsschlacht von Gettysburg wurde Emil Frey von den Konföderierten gefangen genommen. «Ich bin noch heute überzeugt, dass ich glücklich durchgekommen wäre, wenn ich es nicht für eine Pflicht und Ehrensache gehalten hätte, bis zum letzten Augenblick zu Pferd zu bleiben», schrieb er später. Als Gefangener hiess es dann marschieren – viele Hundert Meilen bis in die konföderierte Hauptstadt Richmond in Virginia und ins berüchtigte Libby-Gefängnis. Weil der Norden drei Südstaatenoffiziere zum Tode verurteilt hatte, wurde Frey dort mit zwei Kollegen als Austauschgeisel in ein finsteres Loch gesteckt, wo sich die drei auch schon mal von Ratten ernähren mussten. Erst nach acht Monaten in der Todeszelle wurde Frey ausgetauscht. Zurück in der Schweiz machte er nochmals Karriere. Obwohl er in den USA einen Bürgerbrief erworben und darin hoch und heilig jedem fremden Staat, ganz besonders der Schweiz, abgeschworen hatte, war er ins Baselbiet heimgekehrt. 1866, mit erst 28 Jahren, wurde er in die Kantonsregierung gewählt und bereits im ersten Amtsjahr deren Präsident. Die treuen Baselbieter wussten nicht, dass Frey sie nur drei Jahre zuvor als «Flegel- und Schuhputzervolk» bezeichnet hatte. Seinem Vater schrieb er damals aus dem Felde: «Dieses basel-landschaftliche Volk ist eine miserable Missgeburt von Hochmuth, Dreck und Dummheit. Möge dieses Volk endlich, dumm, boshaft und gefrässig wie das Tier in der Fabel, seine eigene Zerstörung unternehmen und sich selbst auf ewig vertilgen.» Major auch in der Schweiz Emil Frey war ein Mann der starken Worte. In einem anderen Brief aus dem Krieg schrieb er über seinen damaligen obersten Kriegsherrn, den US-Präsidenten Abraham Lincoln: «Lincoln ist ein Schwachkopf und ein Verräter; seine Frau regiert und seine Frau ist durch Blutsverwandtschaft Sezessionistin.» Die Umwelt war ihm gegenüber toleranter. So schenkte die Eidgenossenschaft dem Major der Nordstaatenarmee denselben Dienstgrad, ohne dass dieser einen Tag in der Schweizer Armee gedient hätte und obwohl für Schweizer seit 1859 Kriegsdienste in fremden Armeen gesetzlich verboten waren. Nach zwei Amtsperioden in der Baselbieter Regierung suchte Frey eine neue Herausforderung. Er wurde Miteigentümer und Chefredaktor der «Basler Nachrichten», Landrat, Nationalrat und erster Botschafter in den USA, wo er alte Freunde und Feinde wieder traf. 1890 schliesslich wurde er Bundesrat. Als kriegserfahrener Mann übernahm er das Militärdepartement, das er nach sieben Jahren jedoch frustriert verliess, weil er seine Armeereform nicht durchgebracht hatte. Als erster Direktor der Internationalen Telegrafen-Union beschloss er seine Bilderbuchlaufbahn. Seine Kriegserfahrungen, befand er, seien ihm die beste Lebensschule gewesen. Eine Sicht der Dinge, die sein Landsmann Henry Wirz unter dem Galgen im Old Capitol Prison in Washington kaum geteilt haben wird. Die erst kürzlichangekommenen Einwanderer waren äusserst unbeliebt. Emil Frey Der Major der Nordstaatentruppen kam aus Baselland. Er wollte sich mit der Landwirtschaft in den USA vertraut machen. Bei der Schlacht von Gettysburg geriet er in Gefangenschaft. Henry Wirz Der Hauptmann der Südstaatentruppen kam aus Zürich, das er wegen einer Verurteilung als Betrüger verlassen musste. Er führte das Gefangenenlager Andersonville. Washington, November 1865: Hinrichtung von Wirz (2. v. r.).Foto: Library of Congress

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch