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Den Leidenden beistehen und von ihnen lernen

Die Richterswilerin Käthi Brem hat keine Furcht vor Krankheit und Tod. Sie steht im Spital Zimmerberg Kranken, Verunfallten und deren Angehörigen bei.

Richterswil. - «Mich interviewen?», Käthi Brem lacht und verweist auf wichtigere Persönlichkeiten. Als Seelsorgerin am Spital Zimmerberg wirkt sie eher im Verborgenen: auf der Intensiv- und Pflegestation und bei Betroffenen am Unfallort. Sie ergänzt die ärztlichen und pflegerischen Handlungen und kümmert sich um die Seele der Kranken und Verunfallten. All diese Menschen sind aus dem gewohnten Umfeld herausgerissen worden, blicken vielleicht gar dem Tod ins Auge. So kann es geschehen, dass Käthi Brem im Sterbezimmer oder im Aufbahrungsraum auch mit Angehörigen von Verstorbenen verschiedener Religionen in Kontakt kommt.

Die 56-jährige Theologin begreift die körperlich oder seelisch Verletzten als Teil eines Mobiles, das aus dem Gleichgewicht gekommen ist: «Sie sind oder waren Teil eines sozialen Netzes in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Gemeinde. Fehlen sie, sind alle Beteiligten gezwungen, die Balance wieder herzustellen.» Die Hilfe geschieht mit einfühlsamen Gespräche, oder sie liest Psalmen oder Gedichte, singt Liedstrophen und betet auf Wunsch. Nicht unbedingt mit gefalteten Händen: «Lässt es der Patient zu, halte ich seine Hand.» Sie spüre, wie weit ihre Berührungen gehen dürften, sagt die einfühlsame Frau.

Ein heiliger Moment

Ihre Furchtlosigkeit gegenüber Krankheit und Tod geht zurück auf eine eigene Erfahrung. Ihre ältere Schwester starb an einer unheilbaren Krankheit. Käthi Brem - sie hat sieben Kinder geboren - begriff den Spruch: «Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.» Die Trauernde entschied sich, Theologie zu studieren.

Von den biblischen Figuren hatte der alttestamentliche Hiob sie am meisten berührt. Über ihn hat sie ihre Lizenziatsarbeit geschrieben. Sie rühmt ihr Vorbild im Glauben: «Er verliert Gesundheit, Familie und Besitz und versteht Gott und die Welt nicht mehr. Zwar streitet und hadert er mit Gott, versteht ihn aber auch im schwersten Leid noch als Zufluchtsort.» Klar, gibt die Theologin zu, zweifelsfrei sei ihr Glaube nicht. Doch sie strahlt eine Zuversicht aus, die selbst in ihrem festen Händedruck zu spüren ist. Ihre Denkstrukturen basieren auf dem Glauben, dass Gott es gut meint mit den Menschen. Ihren Halt kann sie weitergeben. Wohl begreift sie das Sterben als ein Ausgeliefertsein, aber sie sieht darin einen heiligen Moment: «Er ist wie eine Geburt, die vom Verletzlichen und vom Verletzten befreit.»

Der Milchmann: Teil des Plans

Strukturiert ist nicht nur Käthi Brems Denken. Sie plant ihre Wochen, ihre Tage. Eine hohe Arbeitsbelastung sieht sie als «logistische Herausforderung». Sie hat am Spital ein 60-Prozent-Pensum inne und ist zudem Hausfrau. Wobei sie sich in all den zurückliegenden 35 Ehejahren auf die Mithilfe ihres Mannes Ernst Brem verlassen konnte. «Und auf den Milchmann, der in Richterswil noch dreimal pro Woche Milch ins Haus bringt», fügt sie bei. In geistigen Höhenflügen habe sie sich nie verlieren können: «Allein schon das Kochen für neun Personen hält auf dem Boden.» Wenn seelsorgerische Notfälle ihre Pläne durchkreuzen, wird umdisponiert. Immer aber muss auch die Musse Platz finden in ihrem Leben. Sie liebt Garten- und Handarbeiten, sie wandert und liest gerne und schreibt lyrische Texte.

Käthi Brem befasst sich mit dem Fassbaren und dem Unfassbaren. Genau das, was der Raum der Stille im Spital Zimmerberg architektonisch einfängt. «Das grosse Fenster gibt den Blick frei über See und Land. Das kleine, der Gugger, zeigt den Himmel.» Käthi Brem bestückt diesen Raum mit Naturalien - zurzeit mit Birnen - und Literatur. Und mit farbigen Papieren, auf die die Patienten ihre Sorgen und Wünsche schreiben können. Eingerollt und in die Lochwand gesteckt, bringen sie Farbe in den Raum. Vor den Gottesdiensten im Spital entnimmt die Theologin der Wand ein paar Zettel und schliesst die darauf notierten Anliegen in die Fürbitten ein.

Zufrieden sterben

Auch die Theologin und Seelsorgerin hat einen Wunsch: «Ich möchte zufrieden, alt und lebenssatt sterben.» Zum Leben, das sie leben will, gehört auch das Lernen von den Menschen, die sie betreut. Ihnen spendet sie dafür ihren Optimismus und ihre Fröhlichkeit. Wie am letzten Sonntag, als sie sich herzlich freute, ja geradezu strahlte über die neue kleine Orgel für den Gottesdienstraum des Spitals. Von ihrer positiven Ausstrahlung, ihrem ansteckenden Lachen sagt sie denn auch: «Sie sind Geschenke, die ich mit auf den Lebensweg bekommen habe.»

Käthi Brem mit Hiob in ihrem Horgner Spitalbüro: «Seine Art berührt mich tief.»

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