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Das Schicksal ist ein Mühlrad

Im Mai ist der Regisseur Andreas Kriegenburg mit seiner Inszenierung «Diebe» ans Berliner Theatertreffen eingeladen. Doch zuerst gastiert sie in Winterthur.

Von Alexandra Kedves Wuchtige, weisse Schaufeln bugsieren die Schauspieler nach oben, nach unten, hinein ins Bühnenleben und wieder hinaus: Das Schicksal ist ein Mühlrad. Mumm brauchts, wenn die unerbittliche Walze heruntergeht, aber auch, wenn sie einen hinauf ins Ungewisse hebt. Doch «alle Figuren behalten ihren Optimismus, keine gibt sich auf. Unbedingt gibt es hier das Glück!», meint Andreas Kriegenburg, der das riesige Rad für seine Uraufführung von Dea Lohers Stück «Diebe» 2010 im Deutschen Theater Berlin gebaut hat. Ein Dutzend Mal Scheitern in knapp vierzig Episoden – und trotzdem spürt der Regisseur bei dieser Dramatikerin des Schmerzes dem Schneid nach: Dea Loher einmal anders. Zugegeben, nicht ganz anders – schlimm sind die Viten ihrer Geschöpfe, ist das Gestrampel in den Fallstricken des Spiessbürgertums allemal; auch bleibt offen, wo etwa im Suizid eines jungen Mannes die Courage stecken soll. Aber der Ton kippt regelmässig ins Tragikomische; manche Verzweiflung fusst auf den Luxusproblemen verwöhnter Bewohner der Ersten Welt, Verzweiflungen, die Loher in «Diebe» zur Farce verdreht hat. Ostler mit Westbotschaft Mira zum Beispiel trägt ein Kind von ihrem Geliebten unterm Herzen, das sie deshalb wegmachen lassen will, weil sie nicht weiss, wer ihr eigener leiblicher Vater ist – sie ist die Frucht einer Samenspende. Gabi und Rainer schauen sich eine Wohnung an: Alles o. k., bis er sagt: «Das Leben könnte so schön sein.» Dass er später versucht, Gabi zu erwürgen, nimmt sie eher gelassen. Gelassen wartet auch Ira 43 Jahre in einem Hotelzimmer auf ihren Mann – er war in den Flitterwochen kurz auf einen Nachtspaziergang gegangen und nicht zurückgekehrt. Monika wiederum setzt alles auf eine Kaderposition im Supermarkt, die sie dann doch nicht bekommt. Und Linda glaubt, einen Wolf gesehen zu haben: Sie träumt sich prompt auf eine Stelle als Wildhüterin; als Besitzerin eines ganzen Biosphären-Business. Allesamt postmoderne Siebtelbauern des Lebens, gefangen in absurden Arabesken, im Wunschdenken, das an der Gegenwart vorbeigeht.Szene um Szene zappt sich die Collage durch die Sinnsuchen der Figuren: eine Steilvorlage für Andreas Kriegenburg, der sich gern als typischer Westregisseur mit typischen Ostwurzeln sieht; als jemand, der früh in die Bühnensprache und die Theaterfragen des Westens hineingewachsen ist, aber den feinen Blick für die sozialen Verwerfungen nicht verloren hat.Für «Diebe» formuliert er denn auch eine regelrechte Botschaft: ein Ossi-Ansatz, aber mit «westlichem» Inhalt. «Geh sorgsam mit deinem Leben um. Versuche, den Blick zu schärfen für deine Umgebung.» Kriegenburg ergänzt: «Dea Loher zeichnet mit ihren Figuren eher Lebensentwürfe, als didaktisch vorzugehen.» Und wo die zigmal ausgezeichnete, 1964 in Bayern aufgewachsene Wahl-Berlinerin in «Diebe» tuscht, skizziert und pointiert, malt der 1963 in Magdeburg geborene Regisseur, Autor und Bühnenbildner grosse Bilder. Bilder, die die Jury des Berliner Theatertreffens überzeugten, zu dem er mit der Inszenierung eingeladen wurde. Bilder, die jetzt im Theater Winterthur zu sehen sind, das sich (auch) mit diesem Gastspiel als Haus aktuellen Theaterschaffens zeigt.«Als Bühnenbildner mache ich kein Bild für mich als Regisseur, sondern für mich als Bühnenbildner. Die Schauspieler sollen sich in den Räumen wohlfühlen. Andererseits lese ich Stücke von Anfang an mit einer visuellen Fantasie», beschreibt Kriegenburg seine Arbeitsweise. Bildende Kunst und Film prägen seine Textlektüre. Er liebt Buster Keaton und kennt keine Angst vor der Klamotte, er ist der Mann mit dem kritischen Blick, der selten ohne schickes Hemd und Jackett auftritt und bei dem man entschieden nicht an seine Tischlerlehre im Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann denkt, nicht an seine raue Kindheit mit drei Brüdern, sondern eher an seine «eigentliche Lehrzeit» (Kriegenburg) als Hausregisseur an der Berliner Volksbühne ab 1991.Seit 2009 ist der Nestroy- und Faust-Preisträger in der gleichen Funktion am Deutschen Theater Berlin tätig, wo er demnächst Kleists «Käthchen» auf die Bretter schickt: ein ganz anderes Wesen als Dea Lohers am lebendigen Leib Verwesende, diese «Menschen, die leben, als lebten sie nicht», wie Ira sich selbst im Stück analysiert. Gastspiel im Theater Winterthur, heute Mittwoch, 13., und morgen Donnerstag, 14. April, jeweils 19 Uhr. Die unerbittliche Walze führt mal hoch, mal runter: «Diebe». Fotos: Arno Declair Regisseur, Autor und Bühnenbildner: Andreas Kriegenburg.

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