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Das Flüchtlingsspiel auf dem Pausenhof missfiel der Schule

Ein Projekttag der Kirche sollte 50 Stäfner Schülern das Flüchtlingsschicksal näherbringen. Die Schulbehörde hat sich von dem Spektakel distanziert.

Von Regine Imholz Stäfa – «Schüsse» peitschen über den Pausenhof des Obstgarten-Schulhauses in Stäfa. Schüler mit verbundenen Augen ducken sich. Rauchschwaden wie nach heftigem Feuergefecht ziehen über den Pausenplatz. Ein Mann in Tarnjacke bewegt sich zwischen den Jugendlichen umher und ruft «Hände hoch!» oder «Zu Boden, sofort!». Was anmutet wie der Amoklauf vor einer Schule ist ein Planspiel, das die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) auf Einladung der Reformierten Kirchgemeinde durchführt. Der Projekttag soll die Schüler für das Thema Flucht und Asyl sensibilisieren. Pfarrer Rolf Kühni will das Projekt nicht als politische Stellungnahme verstanden haben: «Ich betrachte die Sensibilisierung für ethische Fragen als Aufgabe der Kirche», sagt er. Die Kirche führe diese Projekttage schon seit zehn Jahren durch. Diesmal allerdings ist der Aktion im Vorfeld Kritik erwachsen – vonseiten der Schulbehörde. «Die Schule hat sich klar von der Art und Weise der Durchführung distanziert», sagt Schulsekretär Rolf Bommeli. Angefangen hatte der Knatsch mit einem Flugblatt, in dem die Nachbarn der kirchlichen Liegenschaften um Verständnis gebeten wurden. «Erschrecken Sie nicht, wenn Sirenen aufheulen, Knallkörper losgehen und Soldaten in Uniform über das Gelände patrouillieren», stand darin. Gemäss Bommeli seien diverse Anwohner mit dem Flugblatt zur Schule gekommen und hätten gefragt, was das soll. Auch die Schule habe mit Befremden von «Rumschiessen» und von «Uniformierten» auf dem Gelände des Kirchbühl Kenntnis genommen. «Das Flüchtlingsthema hat sicher Platz bei solchen Projekten», sagt der Schulsekretär, «aber die Umsetzung ist völlig realitätsfremd.» Denn solche Fluchtszenen hätten nichts mit dem Flüchtlingswesen, wie es sich in der Schweiz abspiele, zu tun. Schüler blieben unbeeindruckt Unterdessen werden die Schüler, die in «Gefangenschaft» gerieten, mit immer noch verbundenen Augen in die stockdunkle Zivilschutzanlage geführt – zum «Verhör». Die Jugendlichen zeigen sich völlig unbeeindruckt von der Situation. «Wieso sollte mich das schockieren?», fragt Noemi, «das ist ein bisschen wie in der Pfadi.» Ein Junge findet das Ganze «stinklangweilig», und ein anderer meint, in der Anlage sei es wenigstens warm. Es herrscht ein solches Geplapper und Gerangel unter den Jugendlichen, dass man gar nicht mitbekommt, was eigentlich abgeht. Einer der «Soldaten» von der SFH reagiert sichtlich genervt auf die unaufmerksamen Schüler und ruft mehrmals zur Ruhe auf. Der 14-jährige Tobias findet das ganze Thema langweilig. Liam jedoch macht sich durchaus Gedanken: «Man kann sich nicht vorstellen, aus seinem Zuhause vertrieben zu werden», sagt er. Es sei beruhigend, zu wissen, dass einem das als Schweizer nicht passieren könne. Und Patrick – dessen Mutter aus Afrika stammt – hofft, dass die Schüler durch den Projekttag Flüchtlinge besser verstehen lernen.Hassan Fawaz, Projektkoordinator der SFH, glaubt, dass das Projekt vielleicht für die Jugendlichen «zu weit weg» sei. «Und in solch grossen Gruppen kommt es schnell zu Chaos», fügt er hinzu. Trotzdem sei es unerlässlich, die Schüler für das Thema zu sensibilisieren: «Das ist wichtig für Toleranz und Offenheit gegenüber von Fremden.» Schliesslich sei die Schweiz ein «Multikultiland», da komme niemand an dem Thema vorbei.Pfarrer Rolf Kühni schaut dem Geschehen etwas skeptisch zu – will sich jedoch noch kein abschliessendes Urteil bilden. «Dies», sagt er, «wird erst die Auswertung nach dem theoretischen Teil ergeben.» «Gefangene» Schüler werden zum «Verhör» gebracht, um die Schrecken von Flüchtlingen nachempfinden zu können. Foto: R. Schneider

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