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Das betonierte Herz des Regimes

Ghadhafis Hauptquartier in Tripolis, die legendäre Kaserne von Bab al-Aziziya, wird zum Symbol des Kriegs.

Von Oliver Meiler, Marseille Seit drei Tagen hört Libyen und die Welt nur noch von Muammar al-Ghadhafi. Im Bild mag er sich nicht mehr zeigen, wie er das davor seit Beginn des Aufstands fast täglich tat: in vielen Fernsehinterviews und kurzen, wirren propagandistischen Auftritten. Er droht dem Westen nun nur noch mit Ton, jedoch nicht minder entschlossen. Seinen Gegnern, den «Teufeln», verspricht er die «Hölle»; dem Mittelmeer sagt er eine Zukunft als «Schlachtfeld» voraus – ohne Bild, ohne Erkennungsmarke. Es ist Krieg. Wo ist Ghadhafi? Es kursieren viele Thesen. Vorstellbar wäre, dass er sich in Sirte versteckt, seiner Heimatstadt, im Kreis seines Stammes. Vielleicht hat er sich in die Wüste abgesetzt, fernab von den Kampfplätzen. Oder in einen Bunker im Gebirge im Süden von Tripolis. Womöglich aber harrt Ghadhafi auch dort aus, wo er sich in den letzten Jahrzehnten immer am sichersten gefühlt hatte und wo er sich selbst zu Zeiten, da er unerschütterlich mächtig schien, verschanzte: in der legendären Kaserne von Bab al-Aziziya, einem Vorort von Tripolis, seinem Hauptquartier, dem Familiensitz des Clans, dem eigentlichen Herzen des Regimes. Und zwei Kamele im Innenhof Sie ist der symbolträchtigste Ort für Ghadhafis Macht. Und sie ist darum auch das sensibelste Ziel der internationalen Militärschläge. Doch seit Samstag bevölkern Hunderte, vielleicht sogar Tausende Loyalisten die Anlage. Auch viele Frauen und Kinder sind dabei. Ghadhafi benutzt sie als menschliche Schutzschilder, als emotionale Waffe im Krieg – seine nun wohl effektivste. Die westlichen Streitkräfte können es sich nicht leisten, ein Massaker anzurichten. Das würde ihre gesamte Aktion diskreditieren und die arabische Welt gegen sie aufbringen. Die Anhänger Ghadhafis haben Matratzen, Essen und Wasser mitgebracht. Manche von ihnen werden offenbar für ihre Präsenz vom Regime bezahlt. Sie stellen sich auf ein längeres Biwakieren vor. Bereit fürs Martyrium, wenn es denn sein muss. Ghadhafi spricht von einem «langen Krieg». Er spielt auf Zeit. Der Begriff «Kaserne» spiegelt die Realität nur schlecht: Auf über sechs Quadratkilometern erstreckt sich die Militäranlage, eine eigentliche Stadt in der Stadt, auf halbem Weg zum Flughafen, umgeben von einem hohen, doppelten Mauerring aus armiertem Beton. Auf dem Gelände stehen Baracken und Zelte, Flugzeugabwehrrampen und Panzer. Und unter dem Boden soll ein Labyrinth von Gängen und Bunkern Schutz vor Bombardements bieten. Ghadhafi empfing früher viele Besucher in einem Zelt in Bab al-Aziziya. Es sah nur von innen aus wie ein Beduinenzelt, hinter dem Stoff begann der Beton. Vor seinem Büro, so erfährt man aus den Erzählungen von Reportern, die ihn besuchten, lagen einst zwei Kamele, die dem Revolutionsführer seine tägliche Ration an frischer Milch spendeten. Wie Craxi Ghadhafi rettete Der Ort dient Ghadhafis Propaganda auch als Mahnmal – als dienliche Reminiszenz an einen historischen Tag: Am 15. April 1986, um 2 Uhr früh, entging der Herrscher, damals einer der Hauptsponsoren des internationalen Terrorismus, nur knapp einem massiven Angriff der US-Luftwaffe. Ronald Reagan wollte ihn für den Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle bestrafen – ihn endlich eliminieren. Zwei US-Soldaten und eine Türkin waren zehn Tage davor in dem Nachtlokal ums Leben gekommen. Reagan sprach die geheime «Operation El Dorado Canyon» mit europäischen Partnern ab. Doch einer von ihnen, so weiss man heute, warnte Ghadhafi: Bettino Craxi, Italiens damaliger Premier, verriet dem Obersten die Pläne der Amerikaner. Als dann 18 US-Jets mit 60 Tonnen Bomben Maltas Luftraum durchquerten, drängte es auch den maltesischen Premier, Ghadhafi zu wecken. Mitten in der Nacht. Und so überlebte er den Angriff auf die Kaserne Bab al-Aziziya. Die schwer beschädigte Frontfassade zeugt noch immer vom Angriff. Ghadhafi liess sie nie reparieren, weil sie als «Zeugnis für den amerikanischen Terrorismus» stehen soll. Ghadhafi behauptete damals, seine «Adoptivtochter Hanna», von der bis dahin niemand je etwas gehört hatte, sei bei den Angriffen getötet worden. Bis heute ist unklar, ob Ghadhafi die Geschichte nur erfunden hat. Vor dem Eingangsportal steht nun jedenfalls eine eindrückliche Skulptur: eine mächtige Faust (womit wohl Ghadhafis Hand gemeint ist), die einen US-Kampfjet zerquetscht. Fast genau 25 Jahre sind verstrichen. Und wieder steht die Kaserne von Bab al-Aziziya im Fokus der Weltgeschichte. Ghadhafi-Anhänger in der Festung Bab al-Aziziya.Foto: Sunshine Yang (Xinhua, Keystone)

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