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Das Alphatier im Verwaltungsstall

Mehrere Planungsflops haben Kantonsbaumeister Stefan Bitterli ins Rampenlicht gerückt. Wer ist der Mann, der jedes Jahr über 450 Millionen Franken für den Kanton verplant? Von René Donzé

Zürich – Stefan Bitterli hat zwei Gesichter. Ist er zufrieden, versprühen die glasklaren hellblauen Augen mit dem leicht hängenden linken Lid Charme, und der linke Mundwinkel zieht sich schalkhaft in die Höhe. Gerät er in Rage, bauschen sich die dunklen Augenbrauen, und Furchen entstehen auf seiner Stirn. Sein Kinn wirkt noch kantiger. So unterschiedlich erleben ihn Menschen, die mit ihm zu tun haben. Unter Gleich- und Wohlgesinnten ist er ein guter Zuhörer, ein interessierter Gesprächspartner. «Ein guter Fachmann», sagt ein Baujurist. «Ein empathischer Mensch», meint einer, der mit ihm in Preisgerichten sass. Wenn ihm aber etwas gegen den Strich geht, dann beginne das Donnerwetter, sagen vor allem Politiker. Sie erleben ihn als «dünnhäutig, aufbrausend und selbstherrlich». Er scheut sich nicht, Kantonsräte am Telefon abzukanzeln, die ihn öffentlich kritisieren. «Als ob er der Chef wäre und das Parlament ihm zu dienen hätte», sagt eine Politikerin. Bitterli bezeichnet sich als «engagiert, temperamentvoll, initiativ, hartnäckig und ungeduldig».Der 60-jährige Stefan Bitterli, Vater von zwei Mädchen, wohnhaft in Meilen, Mitglied der FDP, ist seit 15 Jahren Kantonsbaumeister. Er plant und koordiniert 600 Bauvorhaben gleichzeitig, leitet ein Team von 120 Mitarbeitenden und verplant jedes Jahr ein Investitionsvolumen von 450 Millionen Franken. Das kann nicht immer gut gehen. «Kein System garantiert, dass niemals Fehler passieren», sagt er – wohl wissend, dass sich die Kritik an seiner Arbeit gehäuft hat in letzter Zeit. Eine Serie von Pannen Begonnen hat die Pannenserie 2009, als er vor die Medien treten musste, um Mehrkosten von 95 Millionen Franken für das geplante Polizei- und Justizzentrum zu verkünden. Sein Chef, Regierungsrat Markus Kägi (SVP), feierte gleichzeitig die Einweihung des umgebauten Bezirksgerichts Winterthur. Bitterli: «Ich fühle mich nicht missbraucht als Überbringer der schlechten Botschaft.» Ebenso wenig sei er aber schuld am Debakel und dem drohenden Schiffbruch des Justizzentrums. Immer «neue Begehrlichkeiten» und «neue gesetzliche Auflagen» hätten die Kosten in die Höhe getrieben. Kritisiert wurde Bitterli im Zusammenhang mit der Neunutzung der Klosterinsel Rheinau, wo er einen markanten Bau als «städtebaulichen Akzent» erstellen wollte. Die Rheinauer liefen Sturm, Nutzer sprangen ab, der «Glaspalast» wurde gestrichen.Definitiv keine gute Falle machte er beim Massnahmezentrum Uitikon für Jugendliche (MZU), wo die Kosten aus dem Ruder liefen und er einen Baustopp verfügte. Bitterli wechselte das externe Planungsteam und den Projektverantwortlichen im Hochbauamt aus. Die abgesägten Planer wollen sich nicht zum Fall äussern, da sie mit dem Kanton noch um Geld streiten. Für Kantonsrat und Planungsfachmann Thomas Hardegger (SP) ist klar: «Die Projektsteuerung hat versagt.» Kolportiert wird, Bitterli habe sich mit dem MZU besonders schwergetan, weil er den Altbau schonen wollte, den sein Vater Oskar Bitterli erstellt hatte. «Ein Neubau wäre weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll gewesen», sagt er. Erzählt wird auch, er habe eigenhändig in bestehende Pläne eingegriffen und ein Schrägdach auf den neuen Zwischenbau gezeichnet. «Rein technische Gründe» hätten ihn dazu bewogen, sagt der Kantonsbaumeister. «Das Wasser wäre sonst nicht richtig abgeflossen.»Die Rede ist von Kompetenzgerangel zwischen den verschiedenen Ämtern in Kägis Baudirektion: Das erst vor vier Jahren geschaffene Immobilienamt klärt Nutzungen ab und bestellt Räume. Das Hochbauamt ist für den Bau verantwortlich. Bitterli gilt als das Alphatier in Kägis Verwaltungsstall. Ein ihm nahestehender Fachmann ortet «eine Kultur der Unsicherheit und einen hohen Grad an Formalismus» im Baudepartement. Inwieweit der Kantonsbaumeister dafür selber verantwortlich ist, will er nicht beurteilen. Kägi lässt nun Schnittstellen und Verantwortlichkeiten überprüfen. Freier Blick auf Sekretärinnen Bitterli hat den Ruf, sich vor allem um die Ästhetik seiner Bauten zu kümmern. So ist etwa das neue Bezirksgebäude Dietikon zwar schön anzusehen für alle, die schnörkellose Betonarchitektur mögen – für die Nutzer aber eine Fehlplanung: Die Gefangenen haben freien Blick auf die Gerichtssekretärinnen und belästigen sie mit anzüglichen Gesten. Nachbarn können mit dem Feldstecher Scheidungsverhandlungen im Gerichtssaal mitverfolgen. Jetzt wird über Sichtschutzfolien diskutiert. Bitterli sagt, es gebe ja Storen. Er könne nichts dafür, wenn diese aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht genutzt werden dürfen, da Gefangene und Richter zu wenig Tageslicht hätten. «Der Kantonsbaumeister interessiert sich vor allem für die Architektur und weniger für Kosten und Detailfragen», moniert Thomas Hardegger. Und der ehemalige Präsident der Justizkommission, Hans Egloff (SVP), sagt: «Herr Bitterli misst der Ästhetik einen sehr hohen Stellenwert bei, funktionale Fragen sind ihm weniger wichtig.» Selbst in seiner Partei, der FDP, wächst der Unmut. Bitterli veranstalte zu viele und zu teure Wettbewerbe. Unlängst wurde er an eine FDP-Fraktionssitzung eingeladen, um sich zu erklären. Schuld sei die Submissionsverordnung, erklärte er dort. Der «verhinderte Architekt» Als Schöngeist gilt der Kantonsbaumeister auch in Architekturkreisen. Er prämiere gerne Architektur, heisst es unter Anspielung auf die von ihm gegründete «Stiftung für die Auszeichnung guter Bauten im Kanton Zürich». Und er juriere mit Vorliebe Projekte und sonne sich in den ausgewählten Werken. Einer spricht sogar von Bitterli als einem «verhinderten Architekten». Doch namentlich will niemand Kritik üben am Mann, der Millionenaufträge zu vergeben hat. Ob solcher Vorwürfe verfinstert sich Bitterlis Gesicht: «Das sind Vorurteile und Fehleinschätzungen», sagt er. Es gehe ihm mitnichten bloss ums Äussere. «Ich kümmere mich gleichermassen um Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und Ästhetik», sagt er. «Nur so zahlt sich ein Projekt langfristig im Interesse des Steuerzahlers aus.» Oft gelang es ihm, die Kosten zu senken. Zwischen 2003 und 2010 seien bei den abgeschlossenen Projekten nur 12,5 Millionen Franken Mehrkosten entstanden. Dem stünden 72,4 Millionen Franken Einsparungen gegenüber, rechnet er vor. Er werde zu Unrecht an den Pranger gestellt. Als Kantonsbaumeister werde er mit fast jedem Fehler identifiziert, der bei einem kantonalen Bauvorhaben passiere. «Man versteckt sich halt gerne hinter meinem Rücken.»Bevor Bitterli 1996 zum Kanton wechselte, führte er zwei Architekturbüros in Zürich und im deutschen Augsburg. An 60 Wettbewerben habe er in Deutschland und der Schweiz teilgenommen, und ein Viertel davon gewonnen. Zum Kanton wechselte er, weil er das Pendeln leid war und «weil es die spannendste Aufgabe ist, für den Kanton Zürich zu bauen». Der Wechsel vom Zeichentisch in die Chefetage des Hochbauamtes sei ihm leicht gefallen. «Nur manchmal juckt es mich etwas in den Fingern. Dann würde ich ein Gebäude am liebsten selber entwerfen.» Er verweist gerne auf schöne Bauten, die unter seiner Führung entstanden sind, wie die Calatrava-Bibliothek in der Uni oder die Credit-Suisse-Türme in Oerlikon. Zu seinen Erfolgen zählt er auch die gelungene Ergänzung der Kantonsschule Rychenberg in Winterthur – zu tieferen Kosten und dennoch mit einem Zimmer mehr als geplant. Dreimal pro Woche auf den See Bitterli sieht sich auch nicht in einer klassischen Verwaltungsfunktion, sondern vielmehr als Chef eines grossen Baudienstleistungsunternehmens. Er hetzt von Sitzung zu Sitzung und hat nicht selten eine 60-Stunden-Woche. Die beiden schulpflichtigen Töchter sehen den Papi bei weitem nicht jeden Abend. Seine Frau hat ihren Beruf an den Nagel gehängt, um sich ganz der Familie zu widmen. Bis 65 möchte er diesen Job noch ausführen. Er kann sich vorstellen, später als privater Bauberater oder Dozent aktiv zu bleiben. Dann will er aber auch mehr Zeit für die Familie haben – und fürs Rudern. Schon heute trifft er sich mindestens dreimal wöchentlich mit seinen Kollegen vom Ruderclub und gleitet über den Zürichsee. Dabei wechseln sie sich in den Positionen auf dem Boot ab. «Rudern ist Teamarbeit – ich muss nicht immer der Schlagmann sein», sagt er, der den Seeclub Zürich seit einem Jahr präsidiert. Und zieht die rechte Augenbraue etwas höher. Stefan Bitterli: «Manchmal würde ich ein Gebäude am liebsten selber entwerfen.» Foto: Sophie Stieger

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